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Die Wahrheit · 1912-08-23 · Heft 33 (23.8.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 33 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aßr^eit Redaktion und Administration: Wien, 11,, Aovaragasse 27 Televhon: Redaktion 5509/1V. Administration 4938/11, 1 Auabhängige Heikfchnfk für Mische Aerng»prei»: Ganzjülnig.K 14.— Halvjiihiia .... ■ K 7.— R. k. üiterr. Postsvarkasia- Schect-Ronio Nr. 100.918. Inserate: Interessen. Mir Jlultuvlmiiiittr: 'Mumiiibviu.K 10. - Die vierniai gejvaltene Ronpareille-Zeiic 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. Mir Wn-laub: AbonneuieiilS- und JniertionSbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ (M.iujiunvin.8 Mark li Nudel oder l« Frc«. 111\ 33 Wien, 23. Angnst I»I2. Inhalt: Unserer Jugend Zukunft. - - Aus der Woche. — Ein Feldzug gegen das Alte Testament. — Verschiedene Nachrichten. Unserer Jugend Znknnft. Noch niemals ist bei Besetzung von Stellen aller Kategorien soviel nach Konfession und Nationalität gefragt worden, wie gerade in unseren Tagen, und verlohnt es sich vielleicht der Mühet dieser für uns Inden so verhängnisvollen Erscheinung näher auf den Grund zu gehen. Zur Zeit, als in Oesterreich die Staatsgrundgesetze kundgemachl wurden und der epochale Artikel von der Gleichberechtigung aller Staatsbürger darin stand, da konnten die Staatsmänner freilich nicht ahnen, daß nach vierzig Jahren ein Bielohlawek aufstehen werde, der den berüchtigten Kommentar aufstellen wird: Wir können die Juden anstellen, aber wir m üsse n sie nicht anstellen. Wir können sie anstellen! Damit wird ein wichtiges Recht einer Reihe von Staatsbürgern mit Füßen zertreten, während ihre Pflichten dieselben drückenden bleiben. So haben wir es in den Kulturstaaten nach jahrelangem Ringen und Mitarbeiten auch nicht weiter gebracht, als die Wilden, denn man kann es ruhig sagen: bei uns gilt nicht das Recht als solches, wie es in den Gesetzes-Blättern kundgemacht wird, sondern — das Recht des Stärkeren oder der Mehrheit. Was der Bielohlawek offen sagt, das machen die anderen mit gut gespieltem Bedauern. Diese Tatsachen sind allen bekannt und sosehr sind wir unserer Machtlosigkeit bewußt, daß wir unsdagegen nicht wehren können. Aber die Herren Antisemiten spüren überall einen jüdischen Einfluß und so groß ist dieser jüdische Einfluß, daß man bald in allen Staats- und Landesämtern, im Heer und in der Diplomatie keinen Juden treffen wird. Es ist ja wahrhaft rührend, wie die Herren im Parlament immer den Schein nach außen zu wahren suchen. Die Polen, die Czechen, die Rnthenen, die Italiener sie alle stimmen dagegen, wenn irgend ein Antisemit eine Klausel bezüglich der Juden beantragt, die der Wirklichkeit gleichkommt. Aber was nützt nns der Schein nach außen, wenn wir die Praxis am eigenen Leib zu spüren bekommen. So ist es nicht allein in den Staats- und Landesämtern, nicht allein in Gemeinden und Anstalten, auch die kleinsten Privatgeschäfte machen dem jüdischen Bewerber gegenüber die bekannte Miene des Bedauerns. Man will diese immer mehr fortschreitende Boykottbewegung den jüdischen Stellensucheuden gegenüber der herrschenden antisemitischen Strömung zuschreiben, ein wenig ist sie ja auch schuld an den beklagenswerten Zuständen, aber die Gründe liegen viel tiefer. Tatsache, ist, daß die jüdischen Jünglinge immer nach intelligenten Berufen strebten. Wenn der jüdische Vater Handwerker oder Geschäftsmann ist und wenn das Geschäft nicht eines der ganz großen ist, dann läßt er seine Söhne studieren. Sie sollen etwas Besseres werden, als der Vater. Wenn der Junge brav studiert und sein Doktorat, oder seine Staatsprüfungen macht, wird er schon irgendwo Unterkommen — so denken sie alle. Wenn der Junge minder brav lernte, so läßt man ihn wenigstens vier Klassen machen, schickt ihn in die Handelsakademie, damit er doch wenigstens in eine Bank kommt. Und wenn er schon gar nichts nutz ist, dann schickt man ihn in eine Handelsschule oder in ein Geschäft. Und die wenigsten sind gar nichts nutz. Darum findet man immer mehr jüdische Jünglinge und seit kurzem auch Mädchen, die sich intelligenteren Berufszweigen zuwendeu, ohne zu bedenken, daß diese Ueber» Produktion znm Verhängnis werden wird, und darum findet man immer weniger jüdische Jünglinge, die Kommis oder gar Handwerker werden wollen. Bei ben Juden war es seil der papierenen Gleichberechtigung immer so gewesen, darum sind die jüdischen Bewerber, weil das Anbot der Gegenseite nicht sehr groß war, verhältnismäßig leicht nntergekommen. Nun ist es aber seit letzter Zeit anders geworden. Die Sucht nach einer besseren Lebensstellung, nach Luxus und Wohlstand ist ein Zeichen des neuen Jahrhunderts. Die christlichen Väter machen es jetzt genau so, wie es die jüdischen schon immer machten — auch sie suchen ihren Söhnen ein günstigeres Los zu verschaffen. Die Folge davon ist, daß Mittel- und Hochschulen. Export- und Handelsakademien, Militär- und Fachschulen von Schülern geradezu überflutet sind. Die Bauernsöhne studieren, so daß man kroatische Burschen zur Feldarbeit aufnimmt; die Haudwerkersöhne studieren, so daß man Gehilfen mit Gold aufwägen muß; die Kanfmaunssöhne studieren, so daß man fremdes, minder tüchtiges Personal anstellen muß — und wenn diese alle ausstudierten Herren und Damen ins Leben hinauskommen und Stellen suchen, da sind nicht soviel Advokaten und soviel Banken und Großhänser da, um alle Buchsachverständigen uuterzubringen und auch nicht soviel Staats- und öffentliche Stellen für die Hochschüler, und da ist man dann mit allem froh, wodurch wieder eine Unterbieiung der Löhne entstand, die mit den Löhnen der Handwerker und Kommis nicht mehr standhalten. Das Bestreben nach der besseren Lebensstellung hat also zum Gegenteil geführt. Die Zunahme der Bevölkerung hat wohl eine Zunahme der Mittel- und Fachschulen, eine Zunahme der intelligenteren Bewerber, aber keine entsprechende Vermehrung der freien

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