Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 32 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063655--08018-3075151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M. 32 Die Wahrheit Sette 7. Im Jahre 1714 hat die Leipziger theologische Fakultät ineinem ausführlichen Gutachten die ' Blntbeschnldignng als -eiüe Fabel bezeichnet, die 'nur erfunden wurde, um' das unwissende Volk gegen die Inden Hetzen zu können. Im Jahre 1721 wurden den Juden in Danzig und in Sinigag'lia durch die in Umlauf gesetzten Gerüchle von begangenem Mord an Christenklndern bittere Stunden bereitet, und 1736 der Posener Gemeinde durch eine ähnliche BlntaNklage, ans der ein vierjähriger Prozeß entstanden, viele Krän- -iuiigeu vernrsächt. während 1743 in Soslaw infolge der falschen "Blutbeschnldigllug ein unschuldiger Jude hingerichtet wurde. Im Jahre 1840 wurde in Rheinprenßen wieder die Blutanklagegegen die Juden erhoben. Ein christliches Mädchen von neun Jahren (in Jülich) behauptete von einem Juden in den Leib gestochen worden zu sein. Ihr sechsjähriger Bruder bestätigte :bie Aussage. Ein fremder Jude mit seiner Frau, die zufällig durch Jülich reisten, wurden von den Kindern als die Täter erkannt und das Mädchen fügte hinzu: der Jude hätte zur selben Zeit einen christlichen alten Manu mit einem Messer todtgestvcheu. Wenn aus dem Munde von Kindern die Wahrheit spricht, so hätte dieser Jude als Christeumörder und Blntl'auger verurteilt werden inüssen. Angewendete Folterqualen hatten dem Inden und seiner Frau wahrscheinlich das Geständnis der Untat entlockt. Aber eine strenge gerichtliche Untersuchung ergabt daß die Anssage der Kinder eitel Lug und Trug war. Die angeblich wunde Stelle am Leibe des Mädchens war im r mit Blnl b e st riche n. Ler augeklagte Jude wurde -vollständig freigesprochen und ein selbst von dem Staatsanwalt -erwähntes Gerücht beschuldigte zwei Christen aus Düsseldorf, den Kindern diese schreckliche Anklage eingegeben und eingerichtet LN haben. (Aachener Ztg. 1840, n. Gr. Gesch. 11. Bd. S. 519). Im Jahre 1845 tauchte das Märchen vom Christenblute in einem mittelfränkischen Dorfe auf. Die „Deutsche Allg. Ztg." stom 3. Juni 1845 berichtet aus Nürnberg folgendes: In Thalmessingen, einem .mittelfränkischen Dorse. hat sich dieser Tage ein Fall ereignet, welcher, lebhaft an die berüchtigte Geschichte von dem Morde des Pater Thomas in Damaskus erinnert und den nicht eben erfreulichen Beweis liefert, daß auch in unsere zivilisierten Ländern Vorurteile, deren Haltlosigkeit eine gründliche Forschung und die Aufklärung des Jahrhunderts längst dargetan hat, noch nicht ganz erloschen sind. Eine ^Lnmpenhändlerin hatte ihr Kind verloren: sofort erklärte sie, die Juden hätten dasselbe beiseite geschafft und in einen Schweineställ gesperrt, damit es von den Schweinen gefressen werde und -sw dann dessen Blut bekämen! Auf die Frage, woher sie. das wisse, gab sie zur Antwort : Der heilige Geist habe es ihr gesagt. Die Anfregnng in dem Oertchen war groß; glücklicherweise aber fand sich das Kind, noch ehe die drohenden Exzesse .zum Ausbruche kamen, in dem Hause der Mutier selbst unversehrt und wohlbehalten wieder. Als man der Lumpenhändlerin die Nachricht brachte, erklärte sie. sie wisse es schon, auch dies habe ihr der heilige Geist gesagt. Gegen die Lumpenhändleriu -wurde nun kriminell verfahren und die Inden drangen auf Veröffentlichung des Prozeßergebnisses. Dieser Vorfall mag zugleich als Beleg gelten für das inhumane Beginnen gewisser 'Lente, die einer gelehrten Grille zu Liebe aus -vermoderten Scharteken bogenreiche Schriften Zusammentragen, um das Vorurteil, von dem Gebrauche Christenblntes bei den Juden wieder in Ausnahme zu bringen — ein Vorurteil, das, so oft ein Ereignis es zu bestätigen scheint, durch genaue Erforsch uu g des Tatbesta n des n ür u m s o s ch l a- .gender widerlegt wird. . Uene Verdikte Wer H. St. Chamberlai». (Schluß.) ■ - Die „Köln. Volks-Ztg." knüpft an das Urteil Ehamberlains mber die Jesuiten folgende scharfe Verwahrung gegen diese „wisseu- -schaftliche" Beweismethode: „Für Ehamberlain ist die Rasse Ein und Alles, um das sich die ganze geistesgeschichtliche Entwicklung dreht, und so faßt er denn natürlich den ihm antipathischen Jesuitenorden, der nicht mit' seinem Ideal „reinen arischen Denkens" zusammenstimmk, als das Produkt einer minderwertigen Rasse ans. Und doch ist die Einwirkung der Rassenverschiedenheil auf dem Gebiete der Knlmrgeschichte selbst ein Problem, das erst in zahlreichen subtilen Detailuntersuchnngen zu lösen ist. und deshalb durchaus nicht geeignet, als festes Grundprinzip für die Gesamtbetrachtung der Geschichte zu dienen. Die Verhältnisse liegen hier unendlich viel komplizierter, als ein Dilettant — als solchen gibt sich ja Ehamberlain selbst aus — ahnen kann. Man darf geradezu sagen, daß Ehamberlain ein Opfer seines Dilettantismus geworden ist. der sich in seinen voreiligen Synthesen und in seinem selbstsicheren, vielfach unangenehmen, burschikosen Ton verrät. Er sei auf ein schönes Wort aufmerksam gemacht, das der Russe Wassiljeff in der Vorrede zu seinem Werke über den Buddhismus (St. Petersburg 1860) ausgesprochen hat: „Je mehr sich ein Gelehrter in das Gebiet einer Wissenschaft vertieft, desto weniger bleibt er von seinen Forschungen befriedigt. Im Verhältnis zu seiner Vertiefung erheben sich in seinem Haupte immer neue Fragen, die er beim Anfang der Beschäftigung nicht einmal ahnte; er begreift eher als ein anderer Leser, daß der vorausgesetzte Abschluß nur ein scheinbarer ist, und daß noch manches Wort, mancher Ausdruck gesichert werden müßte, der einem anderen nicht einmal anffällt. Ich bin überzeugt, daß kein einziger, gewissenhafter Schriftsteller seine Arbeiten ohne Herzklopfen zu veröffentlichen vermag." Dieses Herzklopfen wünschen wir Herrn Ehamberlain, damit ihm in der Zukunft die bittere Erkenntnis erspart bleibe, nur für die Tagesmode geschrieben zu haben." Vielleicht merkt sich das auch Herr Professor Sombart, der. was Qualität und Quantität seiner rassenbiologischen Arbeiten anlangt, sich Herrn Ehamberlain znm Vorbild genommen zu haben scheint. In seiner 1911 erschienenen weiteren polemischen Schrift gegen seine Kritiker: ..Wehr und Gegenwehr" (Bruckmann- München) produziert sich Ehamberlain auch als Bibelforscher. Er ist im höchsten Grade empört über die angeblich falsche Übersetzung der Anfangsworte der Bibel: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Nach seiner besseren Kenntnis des Hebräischen müßte der Satz lauten: ..Als zu Beginn die Dämonen das Erdreich und das Lnftreich ausschieden .. ." (nämlich aus dem Urmeere, wie gleich darauf erklärt wird). Und nun zieht er gegen die „Rabbiner und ignoranten Kirchenväter" vom Leder: „Das ist der wirkliche und genaue Sinn des ersten Verses der Genesis. Warum soll ich ihn den Rabbinern und den alten ignoranten Kirchenvätern zuliebe Wort für Wort zu etwas anderem umdeuten?" In das alte Testament, das voll Mythen stecke, sei dieses Mythische und Methaphysische gegen Wissen und Willen des Judentums hineingekommen. „Es ist alles fremdes Gut." Und die „Staatsbürger-Zeitung" (15. 5. 12), die wieder einmal auf die Wodanseite gefallen ist, fügte in gespreizter Lehrhaftigkeit hinzu: „Ja. gewiß, und zwar arisches Gut ist es. Die Beweise dafür sind heute lückenlos vorhanden. Es wäre Zeit, daß man die Nutzanwendung daraus endlich zieht." Ein anderer neuer Kritiker des in Wien lebenden deutschenglischen Rassendilettanten, Hans Henning, füllt in seinem Aufsatz „Goethe und die Fachphilosophie" (Straßburg, Bongard, 1912) ein vernichtendes Urteil über H. St. Ehamberlain und dessen Schriften. Im ersten Kapitel des Anssatzes wendet sich Dr. Henning gegen neuere Versuche, eine Einwirkung Kantischer Philosophie auf Goethe zu statuieren und setzt sich zu diesem Behufe des längeren mit Vorländer» Kantstildien nnd dann auch kllrz mit Ehamberlain auseinander. Und hier (S. 14 nnd 15 a. a. O.) schreibt Dr. Henning wörtlich: „Wegen des Einflusses auf weitere Kreise darf hier ein Autor nicht unerwähnt bleiben, der sein Zannkönigtnm unter