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Die Wahrheit · 1912-08-16 · Heft 32 (16.8.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 32 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lette 4. Die Wahrheil. Nr. 32 Meran, der sich wiederholt dahin geäußert hat, daß er jede Protektion und Politik aus der Schule verbannt wissen will. * * * lieber die Tätigkeit des im Vorjahre gegründeten Vereines „Selbsthilfe" zur Linderung des Judenelends in Galizien wird in „Ost und West" folgendes geschrieben: Unstreitig gehört Galizien zu denjenigen Ländern, in denen das Schicksal den Juden am schlimmsten mitgefpielt hat. Gewiß werden die galizischen Zustände, was Rechts- und persönliche Unsicherheit der Juden betrifft, von den russischen und rumänischen noch überboten. Aber — abgesehen davon, daß es auch kein besonderes Vergnügen ist. sich die österreichische Verfassung von den polnischen Machthabern des Landes fortwährend wegeskamotieren lassen zu müssen — der galizifche Rekord liegt ben ans anderem Gebiete, auf dem wirtschaftlichen. Es gibt wohl kein zweites Land, in dem so viele Juden so elend leben wie in Galizien. Von den nennmalhunderttausend Juden Galiziens gehört mindestens die Hälfte zu den sogenannten Luftexistenzen, während sich der Rest auf eine verhältnismäßig dünne Schicht Wohlhabender, eine etwas breitere Schicht mittlerer Kausteute und auf eine Masse verteilt, die .vom Zwerghandel und zwerghaftem Handwerksbetrieb lebt. Um das Unglück voll zu machen, ist in diesem Jahre noch eine besonders heftige Kreditnot aufgetreten, der eine ganze Menge mittlerer Geschäftsbetriebe zum Opfer fiel. Das jüdische Elend in Galizien hat schon viel jüdische Köpfe und Herzen beschäftigt. Es ist schon viel aufgewendet worden, um eine Besserung der Verhältnisse anzubahnen, — leider immer mit schwachem Erfolg. Es scheint, daß man eben Lehrgeld bezahlen mußte. Nun entstand im vorigen Jahre in Galizien selbst ein Verein, dem die Vertreter der verschiedensten jüdischen Parteien beitraten und den sie programmatisch „Selbsthilfe" nannten. Aber ein Jahr verging, ohne daß etwas geschah. Teils waren es die heimtückischen Quertreibereien der Machthaber. teils Uneinigkeit und Eifersüchteleien im Vereine selbst, die die Tätigkeit lähmten. Der an sich gewiß einzig richtige und dauernden Erfolg versprechende Gedanke der „Selbsthilfe" erwies sich als verfrüht. Um so erfreulicher und anerkennenswerter ist es, daß das jüdische Ausland noch einmal einsprang, und zwar geschah dies auf einer Beratung, die der Verein ..Selbsthilfe" nach Frankfurt a. M. einberufen hatte und an der sich die Vertreter der großen jüdischen Hilfsgesellschaften beteiligten. Ans dieser Versammlung wurden wichtige-Beschlüsse gefaßt, die die Unterstützung der bestehenden, sowie die Gründung neuer Kreditkassen und den Bau von Häusern mit billigen Wohnungen betraf. Die Hilfsgesellschaften gaben bündige Erklärungen bezüglich der hierzu nötigen Gelder ab. namentlich verpflichtete sich die Jca zu einem Darlehen von sechs Millionen Kronen. Gewiß ist damit die wirtschaftliche Frage des galizischen Judentums nicht gelöst. Aber es ist ihm wenigstens wieder etwas Zeit gegeben, sich den eigenen Weg zu bahnen. Und natürlich können auch-nur die galizischen Inden die Mittel finden und anwenden, um den unqualifizierbaren Entstellungen der polnischen Oeffentlichkeii mit Erfolg zu begegnen. Der durch seine hohe Toleranz bekannte ungarische Bischof B a l t h a f ar hat in einem bemerkenswerten, an den Redakteur Szabolcsi in Budapest gerichteten Schreiben sich als gründendes Mitglied der „I t o" angemeldet. Das Schreiben des Kirchenfürsten hat folgenden Wortlaut: „Ich fühle, daß die Odyssee der unglücklichen Jndenheit am letzten Kapitel angelangt ist. Die Kanaan ifi er ung der jüdischen Frage hat Zangwill — ein neuer Moses — ins richtige Geleise gelenkt. Der Weg, den er zeigt, ..führt aus der Gefangenschaft hinaus. Die ihre Lage im Kreise, der unkultivierten Länder und dem des unchristlicheu Hasses nicht ertragen können, finden durch ihn ihre Befreiung. Der. zionistische Traum, den ich mit Interesse verfolgt habe, war schön. Er war auch befruchtend. Aber ich konnte bei ihm nicht die nötige Realität, die einzig die Befreiung bewerkstelligen kann, entdecken. Steht doch vor der Realisation wie ein zerschmetternder Felsblock die Eifersucht, und wenn es sein muß — die Waffenmacht der ganzen Christenwelt. - Die Kleinkolonisation ist auch nur eine partielle Lösung. Es fehlt ihr die, magnetische Zugkraft. Sie ist nur gut, statt des Kerkers etwas anderes zu geben. Zaugtpill hat in Wien den christlichen Mitgliedern die Tore geöffnet und auch mir die Möglichkeit gegeben, mich dieser philantropischen Aktion auzufchließen. Ich verlange gar keine Rechte, übernehme aber herzensgerne jede Verpflichtung in dem Dienste der humanen Aktion." ' * * -i- Von gleich seltener Judenfreundlichkeit war der vor kurzem verstorbene Kardinal F i s ch e r in Köln von dem der Rabbiner Frank in Köln folgende Episode erzählt:. „Als im Jahre 1905 die furchtbaren Pogrome in Rußland Hunderte und tausende uufeueu Glaubensgenossen hinmordeten und ins Unglück stürzten, bildeten sich in der ganzen Welt Komitees, um dem schrecklichen materiellen Elend abznhelfen. Auch in unserer Gemeinde bildete sich am 18. November 1905 ein solches Komitee. Am anderen Tage, an einem Sonntag,, begab ich mich in das erzbischöfliche Palais, und trotz des Ruhetages war der Kardinal für den Rabbiner zu sprechen. Ich sagte ihm, „Eminenz, ich habe eine Bitte an Sie", worauf er erwiderte, „bevor Sie sie aussprechen, sei sie Ihnen gewährt"; ich trug ihm nun meinen Wunsch vor, er möge, wie es sein Vorgänger Kardinal Krementz bei einer gleichen Gelegenheit auf meinen Wunsch getan, mir ein Schreiben znkommeu lassen, in welchem er seine Sympathie für unser menschenfreundliches Vorgehen zu Gunsteu unserer russischen Glaubensgenossen ausspricht und dieses Schreiben möchte ich veröffentlichen, wovon ich mir in allen Kreisen, sowohl bei den Glanbensgenossen wie bei den anderen Konfessionen einen großen Erfolg verspreche. Der Kardinal erwiderte, „recht gern erfülle ich Ihren Wunsch, aber ich schicke Ihnen auch Geld", und auf meine ablehnende Bemerkung, daß seine Unterschrift jeden materiellen . Wert weit übersteige, sagte er, „nein,; das lasse ich mir nicht nehmen." Nach einigen Tagen bekam ich den gewünschten Brief, in welchem ein hoher Geldbetrag eingeschlossen war." -k- . * , * . , Wie die portugiesischen Zeitungen berichten, wird mit dem am 7. August aus Lissabon abführenden Dampfer, der alle Zwischenstationen an der portugiesischen Westküste besucht, sich eine jüdische Kommission nach Süd-Angola begeben, um.dort an Ort und Stelle die Ländereien zu besichtigen, die für diese Kolonisation ins Auge gefaßt sind. Da dieser langsame Zwischendampfer gewählt wird, und nicht der am 1jeden Monats ans Lissabon abgehende Schnelldampfer, der nur in. den größten Häfen anlegt, so scheint daraus hervorzugehen, daß kein Aufenthalt in Loanda, dem Sitze des Generalgonvernenrs von Angola, geplant ist, sondern daß direkt vielleicht nach Mosfamedes gefahren werden soll, wo die Schnelldampfer nicht altlegen. In Süd-Angola steigt nach einer schmalen Küstenzone das Gelände sofort scharf in die Höhe; dort, in dem Höhenklima ist die Ansiedlnng geplant, etwa 200 Kilometer von der Küste und etwa 350 bis 400 Kilometer nördlich von der deutschportugiesischen Grenze, jedoch steht noch micht fest, ob im Hinterlande von Mossamedes oder im Hinterlande von Bengnella; zunächst war das letztere geplant. Die Wiener ifrael. Knltnsgemeinde und die öffentliche UoUrsschnle. Es ist längst kein Geheimnis mehr, daß die öffentliche Volksschule in Oesterreich ihren ursprünglich interkonfessionellen Charakter eingebüßt hat und ein spezifisch k.a t h o l i sch e s Gepräge zeigt. Ein Blick in die durchgehends mit dem Christus-, bilde geschmückten Schnlzimmer oder in die von katholischen Legenden durchsetzten Lesebücher genügt, um diese Behauptmrg zu erweisen. Rücksichtslos für die mosaischen Schüler geht der. Unterricht an Samstagen oder an jüdischen Feiertagen fort,! während ..die Sonntage und katholischen Feiertagefür alle Schüler Ferialtage sind.

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