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Die Wahrheit · 1912-08-16 · Heft 32 (16.8.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 32 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion »nd Sldininistratio»: Wien, ll„ Novaragasse 2? Telephon: Redaktion 5509/1V. Mllakhäilgige Aertfchrifi für Mische Aerttg»r>rei»: iMiiujIiiüvid ....... K 14-.— Haldiiibria.K 7.— . Administration 4938 11, R. k. üsterr. Postjparkassa- Dlveck-Koiuo Ar. 100.918. Interessen. Für NulluSbraiutr: a>»„zj,ihrig.K 10 - Injeraie: . Die viermal gespaltene Ronparcille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Areitng. Für Ausland: rlbonnenieniennd Jnjerlions- >a„»ziayrig.8 Mark ' betrage ftiib in' Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel (sottes iat Wahrheit!“ ß iUuDei oder l«k fttca. Nr. 32 Wien. 16. Angnst t«U2 Inhalt: Aus der Woche. — Die Wiener israel. Kulcusgemeiilde und die öffentliche Volksschule. — Zur Geschichte der Blutlüge m Deutschland. — Neue Verdikte über H. St. Chamberlain. — Verschiedene Nachrichren. — Feuilleron: Der verlauste Sohn. Vor ungefähr Jahresfrist, als es bekannt wurde, daß die Wiener Kultusgemeinde eine Konkurrenz für die Pläne des projektierten neuen Stadttempels ausschreiben wolle, haben die Wiener jüdischen Architekten in einer aä Irvo einberufenen Versammlung gegen jede konfessionelle oder nationale Beschränkung der Konkurrenz Stellung genommen und in einer damals gefaßten Resolution wurde mit aller Deutlichkeit erklärt, daß dem christlichen Architekten die Bewerbung um den Tempelban gerade so offen stehen müsse wie dem jüdischen und daß nur der künstlerische Wert des Projektes, nicht aber die Persönlichkeit des Architekten das Kriterium für die Annahme oder Ablehnung eines Projektes maßgebend sein dürfe. Wir haben damals diese feinfühlige, kollegiale Rücksichtnahme seitens der jüdischen Architekten vom ethischen Standpunkte aus höchst schätzenswert, aber au§ praktischen Erwägungen vollkommen deplaciert gefunden, besonders im Hinblicke auf das Verhalten der Wiener Kommune, die seit Beginn der antisemitischen Aera Juden von städtischen Arbeiten ausschließt und unseres Wissens auch keinem jüdischen Künstler bisher irgend ' einen ihrer zahlreichen Aufträge erteilt hat.' Wie gerechtfertigt unsere Anschauung war, das beweist die vor einigen Tagen seitens des Gemeinderaies der Stadt Wien erfolgte Ausschreibung eines öffentlichen Wettbewerbes zur Erlangung von Plänen für den Baneines städtischen Museums, wobei es ausdrücklich heißt, daß zur Teilnahme an dem Wettbewerbe nur „dem österreichischen S taa tsverba n de ungehörige, den t s ch e Architekten berechtigt sind." Das sagt klar und deutlich, daß jüdische Architekten^ die nach der Auffassung der antisemitischen Gemeinderatsmajorität nicht als Deutsche anerkannt werden, bei der Bewerbung für einen ans allgemeinen und darunter auch jüdischen Steuergeldern anMführenden Bau ausgeschlossen sind und wir sind in hohem Grade neugierig, welche Schritte nun die christlichen Architekten zum.Schutze ihrer jüdischen Kollegen unternehmen werden. . . * Vor kurzem wurde an dieser Stelle ausgeführt, daß der Beschluß des Ezernowitzer Stadtschulrates auf konfessionelle Scheidung der Schnlen einzig und allein den Zweck verfolgt, die Ernennung jüdischer Oberlehrer an Schulen mit jüdischer Schülermajorität zu verhindern und deutsche Schnlleiterstellen aü solchen Schulen zu gewinnen, die im Sinne des Gesetzes mit'jüdischen'Lehrkräften besetzt werden sollten. Der deutsche Stadtschnlinspektor K a i n d l geht dabei ganz nach dem Muster der Wiener Antisemiten vor, und hat, wie die „Volkswehr" berichtet, seine Findigkeit, die Juden in ihrem Rechte zu verkürzen, nenerlich in ganz eklatanter Weise bewiesen. In der Schule Siebenbürgerstraße ist nämlich ein jüdischer Lehrer namens Fischer tätig. Die Leitung dieser Schule hatte bis jetzt der deutsche Oberlehrer Ernst inne. So oft dieser abwesend war oder ans irgend welchen anderen Gründen vertreten werden mußte, wurde diese Substitution dem Lehrer Fischer übertragen. Es gibt wohl an dieser Schule noch einen rangälteren Lehrer, aber dieser kam für die Substitution nie in Betracht, weil er, wie ausdrücklich betont wurde, nicht die Eignung für eine Leiterstelle besitze. Es war also schon Tradition, daß Herr' Fischer den Schulleiter vertrat, wenn dieser vertreten werden mußte. Nun wurde Oberlehrer Ernst zum Bezirksschulinspektor für den Bezirk Czernowitz ernannt. Vor seiner Berufung ans diesen Posten trat er'einen Urlaub an. Er sollte vertreten werden. Selbstverständlich hielt sich Herr Lehrer Fischer bereit, die Substitution zrl übernehmen, da er doch immer diese Stelle inne hatte. Er schob aus diesem Grunde seinen Urlaub auf und wartete auf die Substitution. Aber da konnte er lange warten. Herr Kaindl berief zur Substitution den Herrn Geib, denselben Herrn, den man bis jetzt fernhielt und wahrscheinlich einen genügenden Grund dafür hatte. Lehrer Fischer wurde einfach übergangen und ein anderer berufen, den man bis jetzt für ungeeignet hielt. Warum das? Nun, weil Herr Fischer ein jüdischer Lehrer ist und man ihm die Substitution für danernd nicht übertragen will. Bis jetzt war Fischer gut genug, weil es sich ja immer um eine kurze Zeit handelte. Nun aber ist Herr Ernst abgetreten und wird auf seinen alten Posten nicht mehr zurückkehren, denn er wurde bereits zur Dienstleistung in sein neues Amt als Bezirksschluinspektor einbernfen. Die Herren Deutschen wollten also dem jüdischen Lehrer nicht die Möglichkeit geben, wenn auch nur, provisorisch, eine Leiterstelle zu besetzen und so beriefen sie Herrn Geib. Das ist das neueste Kosakenstückl des Herrn Kaindl, der gewiß mit frommer Miene irgend eine fadenscheinige Begründung für seinen neuesten jndenfeindlichen. aber auch tief verletzenden Schritt Vorbringen wird. Mit diesem neuesten Trick des Herrn Kaindl haben aber die Herren Deittschen einen offenkundigen Paktbrnch begangen. Denn in dem Uebereinkommen, welches zwischen den Deutschen und Juden getroffen wurde, ist die Berufung eines jüdischen Lehrers zur provisorischen Dienstleistung vorgesehen. Der Protest, den die jüdischen Gemeinderäte beim Bürgermeister als Vorsitzenden des Stadtschulrates gegen die Verfügung des Stadtschnlinspektors einlegten, dürfte nicht viel nützen, und so setzt die jüdische Bevölkerung ihre ganze Hoffnung auf den Laudeschef Grafen von

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