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Die Wahrheit · 1912-08-09 · Heft 31 (9.8.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 31 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die. Wahrheit Sette 7. Nr. 31. Vorschriften/ alles tragen wir mit Melodien vor, undder ganze Mnon ist „in Noten",- Tonzeichen, gesetzt, Auch für das Mluuidstlchinttl' hät sich' ein Miggen" eingebürgert iiub für jede Vezitalion. haben wir die charakteristische Melodie, : sei es für den vorgetragenen Inhalt (Psalmen, Pintim. Akdomns), sei-es charakteristisch für den Tag des Vortrages (Sabbat-, Fast- oder Festtag.) In der Tat lernen wir nicht nur eiu .Li.ed schneller auswendig als.ein Gedicht oder ein Prosästück, sondern wir halten es auch länger im Gedächtnis. Ebenso prägt sich eine Schilderung besser dem Gedächtnis ein, wenn, sie' durch ein Bild veranschaulicht war, als wenn wir sie in abstrakter Form in uns aufnehmen sollen. Wenn eben die Sinne Mitwirken, also alle Kräfte gleichzeitig arbeiten, geschieht die - Geistestätigkeit intensiver. Daher -ist die Anschauung nicht nur für den Jngendunterricht so wertvoll, sie unterstützt auch, in gereiften Jahren die Theorie alles wissenschaftlichen Strebens. Die Anschauung kann aber natürlich nur Unterstützung, nicht Selbstzweck fein. Genau so. kann auch Gesang der in Worte gefaßtes Denken (nicht Empfinden) begleitet, nicht als Ziel betrachtet werden. Das talmndische «.in rrn-iv? oder das Wort des Dsalmisten „-ppn nn’a? können wörtlich verstanden werden." Es ist daher nicht zu vergessen,, daß die Musik auch des synagogalen Gesanges nur Begleitung sein darf. Sie deutet gleichsam nur den Rhythmus an, in dem die Worte vorzntragen -sind. Wir kannten daher eigentlich nur einen -,12s dessen hohe Mission die eines „Gesandten" und „Botschafters" der Gemeinde vor dem Thron des Allerhöchsten ist, den wir aber einmal hier im Zusammenhang von der geringfügigsten Seite seiner Funktion als „Vorsänger" bezeichnen wollen. Höchstens begleiteten ihn noch die 2'->->iVv, ihn gesanglich unterstützend. Der Vortrag der Gedanken blieb aber der Hauptzweck, und das entspricht ganz der Bedeutung 8er .-62.-1. Anch in der Vortragenden und darstellenden profanen Musik vertritt man heute naturgemäß den vernünftigen Stand- Punkt, daß die Musik nur die, allgemeine Richtung angeben soll, in der der Rhythmus des Bortrages und die Stimmung des Lüm Ausdruck kommenden Empfindens sich bewegen soll. Die Worte sollen in den Vordergrund treten — die Melodie soll den Hintergrund bilden, die „Klangfarbe" bezeichnen. Gegen dieses Grundgesetz, das so selbstverständlich ist, wie eine Synagoge für die r6ah und nicht für die Mnsik errichtet wird, verstößt der heutige synagogale Chorgesang beständig. Der Brauch der alten synagogalen Einrichtung kennt den Chor nicht, und nicht mit Unrecht. Wenn auch im Teinpel die Chöre mit Musik bestanden, so ist man darin einig', daß man keinerlei Beweis für die Synagoge von dieser Eintichtung herleiten kann, und zwar ans dem ansgeführten Gedüilkengang heraus. Dort im Tempel wären Mnsik und Gesang ja nur Begleitung der Opferhandlnng, deren Symbol selbst die Sprache der Belehrung redete. Aber in den Synagogen, hie es attch zur Zeit des Tempels gab. wissen wir nichts von eiüent Chorgeiaug. Der Zweck der ,-6an ist Belehrung, durch bereit gedanklichesJdeal wir auch „erbaut" werden. Aber diese unsere Erbäunng ist eine bewußte Erhebung zur Höhe der Idee, nicht eine Unbestimmte und unbestimmbare Wirkung auf das Gemüt. Die Rezitation, die Reinheit und Korrektheit des Vortrages bildet darum in erster Linie die Aufgabe des die musikalische jedenfalls die allerletzte. Demgemäß darf der Chot als Fortbildung der Einrichtung der ern-wfc nicht störend wirken, sondern er muß anregen. Er soll nicht die Gemeinde. vertreten, sondern ihren Gesang nur regeln. Er darf die Gemeind? nicht ablösen, sondern sie leiten. -Er darf nicht die Änfmertsansieit auf seine gesangliche Leistung herausfordern, sodäß die Gemeinde während des Chorgesanges nicht auch selbst die Stucke jjiitbetet. Ist das der Fall, daß die Gemeinde zum Schweigest gebracht wird, daun hat der Chor aufgehört, seine Aufgabe in der Synagoge zu verstehen. Die Auswahl der Melödieen stellt aber auch an den Äeiter gewisse Ansprüche aü seid musikalisches Taktgefühl. Wenn Melödieen zum Vortrag iU eitler kleinen Synagoge ausgewählt werden/ die für einen großen 'Raum geschrieben sind, dann ist die markerschütternde, nerveuzerreißende Wirkung dieses Vortrages nicht dazu angetan, die Andacht zu erhöhen. " ' Es ist auch absolut genommen, nicht jede Komposition schön und auch nicht für die Synagoge zweckmäßig. Minutenlange, zehnfache Wiederholung derselben Wörter in verschiedenen Stimmen, Dehnung eines Wortes in einer Stimme, während dazwischen die änderen Stimmen schon mehrere Wörter vorrrugen, entspricht nicht dem Zweck des synagogalen Chorgesanges. Was anderswo schön sein mag-, wirlt hier lächerlich. Vor allen Dingen muß man mit den Stimmitteln rechnen, die zur Verfügung stehen und darf nur solche Gesänge wühlen, die bei Berücksichtigung aller in Betracht konnnenden Verhältnisse eine einigermaßen glückliche und augemesfene Wirkung erzielen. In den neologen Großgemeinden ist der Synagogeuchor ausgeartet. Es ist ja. geradezu befremdend, daß in ..fortschrittlichen" Gemeinden, denen im Grunde genommen der „Kultus" gleichgiltig ist, z. B. jährlich 30.000 Mark und mehr für den Chor geopfert werden, während Wohltätigkeitsanftalten über Mangel in der Kasse zu klagen haben. Warum sucht man denn nicht in wahrhaft liberalem Sinne Remedur zu schaffen? Warum lvendet mau da nicht das Wort von „sozial gerichteter Frömmigkeit" an? Wer hat denn auch nur den geringsten sittlichen oder religiösen Vorteil von einem so kostspieligen Synagogenchor? Man wende nicht ein, daß die Choristen dadurch unterstützt werden. Erwachsene, die mit Gesang Geld verdienen wollen, können bessere Bezahlung erlangen, wenn sie sich bei anderen Chören melden.' Für die Schuljugend aber ist die Beteiligung an solchem Chor ein Verderb in mehr als einer Hinsicht. In religiöser Beziehung vor allem; denn wie es in den Chören während der Gebetszeit in der Synagoge anssieht, in der für den Chor „freien" Zeit, ist ein offenes Geheimnis. Die Schüler werden aber durch die Chorproben so sehr. in Anspruch genommen und in ihren Pflichten der Schute gegenüber behindert, daß es wohl der einmütige lebhafte Wunsch aller jüdischen Lehrer der Großstadt wäre, wenn die Schuljugend nicht mehr znm Synagogeuchor herangezogen würde. Den kleinen Verdienst, den die Kinder monatlich nach Hause bringen, kann man ihnen auch auf andere geeignete Weise zukommen lassen. Es ist ja der Synagogeuchor in diesen Gemeinden geradezu ein propagandistisches Mittel für die Orgel geworden. Und wenn der Brotkorb hochhängt, dann ist es Eltern nicht zu verargen, wenn sie den Lockungen der hochmögenden Brotherren Folge geben. In orthodoxen Gemeinden ist die Mitgliedschaft des Chors ein Ehrenamt. Infolgedessen kann mau da den Chor leicht zu dem gestalten, was er bei der 76211 sein kann. Er hat sich iu bescheidener Reserve zu halten, möglichst wenig einzugreifen, hat nur zu begleiten und anzuregen und muß wissen, daß der Ton nicht Ersatz, sondern Ausdruck des Fuhlens und Denkens sein soll. Verschiedene Nachrichten Wien. Im Frühjahre tagte bekanntlich in Wien eine von der Regierung veranstaltete Enqnete über die österreichische Emigrationsfrage. in welcher sich mehrere Experten anch über die jüdische Emigration äußerten. Die Enquete har insofern einen guteir Erfolg gezeitigt, als sie die galizische Judenheit an ihre Pflichten gegenüber den jüdischen Auswanderern dieses Landes mahnte. Es ist ein „Landesverband für jüdische Staristik und Emigrationswesen in Galizien" ins Leben gerreten, der seinen Sitz in Krakau hat. Der Verband will statistische Daten über das gesanrte jüdische kulturelle, soziale und wirtschaftliche Leben in Galizien sammeln und in einer periodischen Druckschrift publizieren. In den wichtigsten Städten des Landes sollen Emigrationsbureaus gegründet werden. Vor allem will aber der neue Verein für den so dringend nötigen Rechtsschutz der Emigranten sorgen und sie gegen Auswucherung und menschenunwürdige Behandlung schützen, denen sie gegenwärtig nur allzu häufig ausgesetzt sind. Wien. Unter überaus großer Teilnahme von Leidtragenden und Trauergästen fand-gestern die Beerdigung des am 6. d. M. verstorbenen Privatiers Herrn Salomon Beck statt. Der Verblichene, welcher ein Alter von 76 Jahren erreichte, war Gründer und Ehrenmitglied des Bethausvereines „Bolkert" und Gründer des Leopoldstädrer Krankeir- und Untersiütznngsvereines „Nächstenliebe" und hat sich durch die Schlichtheit seines Wesens die Sympathie all:r ihm nahestehenden Kreise erworben. Die Trauersunktion versah Oberkantor I. Bauer, ein Verwandter des Verblichenen, in ergreifender Weise. Hieraus würdigte Rabbiner Abel es die Ber-

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