Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 31 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit. Und schimpfen auf die Juden! Warum? Sie waren vor zwanzig Jahren noch ganz anders und heute sind sie ganz veritable Judenfeinde. Sollten -sie wirklich recht haben, daß nur die jüdischen Sommerfrischler die Wälder ruinieren, die - Felder rücksichtslos zertreten, die Futterwiesen entwerten, die Quellen verunreinigen, das Obst abreißen, die Mädel und Buben ihrem Stand indirekt abwendig machen? Sollten sie wirklich mit diesen Behauptungen recht haben, oder haben es schlechte Menschen zuwege gebracht, den Bauern diese Fliegen ins Ohr zu Hetzen? Sind Kanzel und Schule dazu da, um die Bauern und' ihre Kinder auf die jüdischen Sommerparteien wie die Hunde loszulasseu? Es ist geradezu unerhört, wie die klerikalen Tiroler Blätter ohne jeden triftigen Grund gegen die jüdischen Gäste losziehen. Wie man den Bauern früher einmal mit allen Mitteln zu Leibe zog, ihre Töchter nicht in jüdische Dienste zu geben, so werden sie jetzt darauf dressiert, ihre Wohnungen nur an „christliche Parteien" zu vermieten. Die Bauern sind leider nur zu willig; sie folgen den Hetzpfarrern, sie folgen den ortsüblichen Verschönerungsvereinen und geben in manchen Gegenden Taferl obigen Inhaltes in ihre Fenster. Wenn aber die Saison mit Riesenschritten heranrückl und die vielgesuchte christliche Partei dennoch ausbleibt, oder den horrenden Mietzins für ein paardumpfe Löcher nicht hergeben will, dann verschwindet dieses Täfelchen' plötzlich und die jüdische Partei, die oft schön früher trotz des Täfelchens Nachfragen war, wird in Gnaden ausgenommen. denn der Jude stinkt zwar — doch sein Geld ist rar. Solche Wohnungen sollten aber von keinem charakterfesten Juden betreten werden. Die für das schöne Land Tirol, das vom Fremdenverkehr geradezu lebt, so beschämende Tatsache, sindet vereinzelt auch anderswo Nachahmung und man rät den Juden allgemein, solche Orte nicht aufznsuchen. Das ist leichter gesagt als getan. Lokale, wo die Juden offensichtlich beschimpft werden, wo nur antisemitische Blätter ausiiegen, oder wo der Besitzer ein bekannter antisemitischer Agitator ist, soll man unbedingt meiden. Mau wirft sein Geld nicht ohne Grund seinem Feind in den Rachen. Aber ganzen Ortschaften oder gar ganzen Ländern kann man schwer answeichen. Dazu kommt der angeborene konservative 'Sinn der Juden, die an einem Orte, der ihnen einmal gefällt, gerne immer wieder verweilen. Und tatsächlich sieht man. besonders in den Alpenländern, immer dieselben jüdischen Parteien in ähre liebgewordene Sommerfrische, ja sogar in dieselbe Wohnung wiederkommen. Das Gehetze eines Verschönerungs- Vereines oder eines christlichen Blattes ist nicht immer und überall ernst zu nehmen. Gar oft ist auch hier der Antisemitismus nur das Mittel zu irgend einem Zweck, der daun meist mit jüdischem Gelde erreicht wird. Denn wenn sie in der Theorie mit dem Zeitgeist gehen, schnorren sie in praxi doch in schamloser Weise die jüdischen Sommergäste an. Solange die Ortsbewohner nur auf die Juden schimpfen, oder ihr Mütchen an uns dadurch kühlen, daß sie ihre Wohnung nur an christliche Parteien vergeben wollen, natürlich, wenn sie entsprechend zahlen, solange brauchen wir uns nicht aufzuregen. Aufregung schadet der Gesundheit, die bekanntlich das höchste Gut ist. Wenn aber die Hetze etwas stärkere Formen annimmt, dann müßte mau freilich eine energische Abhilfe verlangen, oder mit dem solidarischen Boykott drohen. Solidarischer Boykott beiden Inden? Wer hat den schon jemals erlebt? Leider gibt es noch immer sehr viele gut zahlende Glaubensgenossen, die ihr Judentum in einer geradezu verblüffenden Weise zu verstecken wissen. Sie bewegen sich stets wie Urarier; sie rudern, spielen Tennis, flirten und tarokieren, wie es sich für gutgesittete.Arier ziemt; sie lügen sich aus allen heiklen Fragen mit Bravour heraus, - aber um Jom Kippur herum verschwinden sie doch. .Was so religiöses Judentum heißt, findet man ohnehin nur in streng koscheren Restaurants. Aber es gibt bekanntlich noch eine Art Kompromißjudentum, das zwar den Namen Jude nicht direkt ableugnet, aber sonst weiter nichts mit dem religiösen.Judentum gemein hat. .Diese Juden bilden die überwiegende Mehrheit unter den jüdischen Sommergästen Nr. 3L. überhaupt. Und es zeugt in der Tat von wenig praktischem Sinn der autochthonen Bevölkerung,, wenn.sich ihr Antisemitismus in letzter Zeit gegen diese Inden bemerkbar.macht. Denn diese Sone Juden bringt den Leuten nicht nur einen übermäßigen Zins ins Haus, sie kauft nicht allein Milch, Butter, Honig. Obst, Holz u»d andere Dinge um ganz ungewöhnliche Preise ab, sondern auch Fleischer, Wirte, Kaufleute, Bäcker, Kräutler erwerben derartige Einnahmen, daß sie davon den ganzen Winter ruhig leben können. Sie schimpfen aber doch über diese bösen Inden, die ihnen die Taschen vollfüllen. Und wenn sie aber doch einmal ausblieben? Aber das tun ja unsere Juden nicht, dazu sind sie ja zu gutmütig. Ja, sie nehmen sogar Brutalitäten ruhig hin, d a ß Juden d e r E i n t r i t t in die Heilquellen v e r w e h r t wird! Das soll in den Kurorten am Nordabhang der Karpathen, in dem gelobten Land Galizien, Vorkommen. Dort sind die Juden leicht zu erkennen und die Quellen gehören irgend einem reichen Adeligen, dessen antisemitischer Verwalter die „schmutzigen" Inden nicht leiden kann. Da sind die Badediener viel rigoroser. Sie lassen die Juden, die inbezng aufs Trinkgeld gar nicht schmutzig sind, gerne ein. Das äst galizische Wirtschaft. Und zum Schluffe möchte ich noch eine Episode aus meinem Leben anführen, die für die Judeufeindschaft der Vergnügungsbummler, die gelegentlich einen Ausflugsort mit ihrer Gegenwart beglücken, charakteristisch ist. Da gibt es kleines ungarisches Nesterl, in dem vor zwanzig Jahren noch kein Fremder aus dem natürlichen Sauerbruu» getrunken hat. Plötzlich kamen Inden aus Wien und Ungarn und entdeckten die Naturschöuheiten des Ortes und über Nacht war ein Kurort entstanden, der immer fashionabler wurde. Ein jüdischer Arzt baute eine Trinkhalle, eine Wasserheilanstalt und legte einen Kurpark an. Immer mehr Juden kamen heran und bald stiegen die Wohnungspreise um das vier- bis fünffache des eigentlichen Wertes. Es entstanden Promenadewege und Aussichtswarten, Kaffeehäuser und Hotels; Theater und Parkkonzert gaben den letzten nötigen Anstrich und schließlich kam auch die — Kurtaxe dazu. Die, Vergnügungsbummler begannen nun den Ort an Sonn- und' Feiertagen in Massen aufzusuchen und. über die jüdischen Sommergäste, die ja diesen Ort geschaffen haben, zu schimpfen. Da geschah es einmal, daß ich mit solchen Herrschaften in einem Knpee aus diesem Ort.hinausfuhr und da sie in mir keinen Juden zu vermuten, schienen, schimpften sie in empörender Weise über das ..Judennest". Ich wies nun darauf hin, daß dieser Ort aus einem Nichts entstanden ist und uns jetzt nicht zu einem so lieben Ausflugsort geworden wäre, wenn ihn nicht die Inden zu einem solchen Aufschwung gebracht hätten. Da fielen sie wie die Wölfe über mich her und schrieen, daß der Ort noch einmal so. viel Zuspruch hätte, ja. daß er ein Weltkurort würde, wie etwa Karlsbad und Marienbad. wenn eben die Juden nicht da wären. - Denn ein anständiger Mensch renne ja davon, wenn er das „koschere Gemauschel" meilenweit dröhnen höre und überall „Juden" finde, wo man nur hinspucke. Das also ist der Dpnk für die jüdische Pfadfinderei, Es wäre geradezu lächerlich, wenn sich die Juden durch solche und ähnliche Bübereien, abhalten lassen würden, ihr Ver-> gnügen dort zu suchen, wo sie es eben finden. Ich sage immer, Hunde, die da bellen, beißen nicht. Wenn sie aber einmal beißen werden, dann werden wir uns zu wehren wissen. Bis dahin aber — a n g e n e h m st e n S o m m e r a u f e n t h a l t! '/ „ . A. H, L, 's Neue Uerdikte über H. St. Chautberluiu. Die Chamberlain-Begeisternng der deutschen Nationalisten und Rasfenfanatiker hat zwar erheblich abgeflant, nachdem im Laufe des seit dem Erscheinen der ersten Auflage seiner,„Grundlagen des19. Jahrhunderts" (1901) verflossenen Dezenniums angesehene Literaturhistoriker aus allen politischen und könfes-