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Die Wahrheit · 1912-08-09 · Heft 31 (9.8.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 31 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. AbonnemeiilSnnd Jnjertionsberräge sind in Wien zahlbar und klagbar. Redaktion nnd Administration Wien, II/, Nvvaragasie 27 Telephon: Redaktion 5509/IV„ Administration 4938'II. 8. f. üsterr. Nostsvarkaisa- Echect-Konlo Nr. lOV.SlL. Mvakhängige Hertfchrift für jüöische Inlere^eu. Erscheint jeden Kreilag. Mottor „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ iNer«tz»preiK Gunziavrig.d Halbjährig.H Fiir M'iiltii?bniiute: (Miimiiibvi)!.Kl Für i?li>-lnud: ülaiizlnvrig.8 Mark t> Rubel oder IN Freu. Ar. 31. Wien, 9. Angnst Inhalt: Jildenfeiude in der Sommerfrische. — Neue Verdikte über H. St. Chamberlain. — Die Psalmen in den. monotheistischen Liturgien. — synagogenchor. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der verkaufte Sohn. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um freundliche Einsendung des restlichen Köonnements- Letrages ersucht. Indenfeinde in der Sommerfrische. Alljährlich, wenn die Ferienmonate Heranrücken, beginnt eine förmliche Stadtflncht des Mittelstandes. Nicht allein aus den Landeshauptstädten sucht die etwas besser situierte Bevölkerung zu entfliehen, sondern fast jede größere Provinzstadt entsendet heutzutage ihre Vertreter in die drei großen Gebirgszüge unserer Monarchie. Die Alpen-, Karpathen- und Sudetendörfer sind überfüllt von erholungsbedürftigen Stadtbewohnern und unter all diesen tausenden Sommerfrischlern bilden bislang noch immer den größeren Prozentsatz — die Juden. Ich habe bereits erwähnt, daß der weitaus überwiegende Teil der Sommergäste dem sogenannten Mittelstand angehört und da haben wir auch schon den Grund für die Majorität der Juden in den verschiedentlichen Luftkurorten. Der jüdische Familienvater, der sich das ganze Jahr abmüht und abrackert, um seiner Familie das Leben angenehm zu machen, könnte es meist schwer über das Herz bringen, seine Lieben den Sommer über im dunstigen und staubigen Getriebe der Großstadt zu lassen. Er nimmt gerne die Plage der Strvhwitwerschaft auf sich nnd ist für seine Entbehrungen reichlich entschädigt, wenn ihm am Samstag die frischen, lustigen Gesichterl seiner Kinder und das rosige Antlitz seiner Gattin bei der Ankunft am Bahnhof entgegenleuchteu, oder wenner einige Wochen mit den Seinen verbringen kann. Das ist eine spezifische Eigenschaft jüdischer Familienväter, alles zu dulden und zu leiden, wenn nur die Familie nichts entbehren muß. Ich bin weit entfernt, zu behaupten, daß der christliche Familienvater seine Angehörigen weniger ins Herz geschlossen hat. "Aber das Vergnügen des christlichen Mittelstandes ist ein ganz anderes. Diese Leute bleiben lieber in der Stadt und amüsieren sich an Sonn- und Feiertagen auf einer Landpartie oder beim Heurigen in ihrer Weise. Das Abrackern des Familienvaters in der heißen, stickigen Stadtluft, während die Familie in den Wäldern harzige Luft einatmet und bergauf, bergab rennend das Blut erneuert und den Körper stählt — das ist auch eine der vielen jüdischen Stammesdistinktionen. Bisweilen ist der Vater gegen die unnötige Ausgabe, die ein Budget ganz merklich belastet. Dann ist es wieder die jüdische Mutter, die mit Herz und Mund ihren noch etwas rückständigen Galten belehrt, auf andere hiuweist, die auch nicht reicher sind, ihre eigene zerrüttete Gesundheit mit beredten Worten schildert, und wenn alles vergeblich ist, das blasse, kränkliche Aussehen der Kinder, die von der Schule gar so hergenommen sind, ins Treffen führt und wenn nichts gefruchtet hat, dieses Argument hat noch immer den Ausschlag gegeben. Man rennt über Kopf und Hals in irgend ein Gebirgsdorf, mietet, was von Herrschaften irgendwo noch abgelegt wurde — und am Land ist man. Ja, die Kinder! Diese kleinen und großen Zweigerl sind wohl nicht dem jüdischen Stamme allein so sehr ans Herz gewachsen, aber darben und hungern, sorgen und borgen, damit nur die Kleinen in guter Luft sind — ist das nicht auch etwas „Jüdisches"? Ein Grund für den Landaufenthalt der Familie, der vielleicht noch nicht allgemein bekannt ist, und der auch etwas spezifisch Jüdisches zu sein scheint, ist der, das Renommee eines Geschäftes zu heben oder zu erhalten, der Konkurrenz Sand in die Augen zu streuen und den Bekannten zir imponieren — ja, wir können uns das gottlob leisten! Es war nicht immer so. Auf Sommerfrischen ist man auch vor hundert Jahren gegangen; aber ein solches Kontingent von falschen Dirnderln und Bauernbubeu, wie es jetzt plötzlich auftritt, eine solche Stadtflucht mit Beginn der Hitzemonate ist eine Erscheinung der letzten zehn bis zwanzig Jahre. Das Wachsen der Städte und Industrien, das Ueberhandnehmen des Wohlstandes und eine gesündere Lebensauffassung, dazu die Ueberzahl der nervösen nnd blassen Kinder, der müden nnd blasierten Frauen und — last not least — der heiratslustigen Mädchen und besorgten Mütter hat die Sucht nach Zerstreuung nach Erholung, nach einem Blitzableiter, nach einem undefinierbaren Etwas gezeitigt, das man am Land zu finden hofft. Es gab vor einigen Jahren noch ganz unscheinbare Orte, weltvergessene Gebirgsdörfer, wohin vielleicht alle heilige Zeiten einmal ein jüdischer Hausierer kam, deren Bewohner niemals von hohen Milch-, Eiernnd Butterpreisen gehört haben, deren Obst. Gemüse und Honig überhaupt nicht verkauft wurde nnd die heute von Sommerparteien — natürlich jüdischen, die solche Orte z» eigenem Schaden entdecken — überfüllt sind. Plötzlich sind Villen entstanden und hohe Zinse für ganz unbewohnbare Bauernstuben, wo einem die Decke fast den Kopf berührt; plötzlich sind die Preise für Milch und Eier, für Butter und Topfen, für Honig und Obst bedeutend höher als in der Stadl nnd plötzlich haben die früher ganz simplen Bauern Verstand bekommen, stecken von Jahr zu Jahr mehr Geld ein und schimpfen — auf die Juden.

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