Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 30 - Die- Wadrhett öeite ,7’. Lis auf -nufere Tage wissenschaftlich unoch nichtfestgestellt ist*.) ,zum Gottesdienste vorwiegend geeignek. " " Es ist daher nicht nur eine in der Geschichte der monotheistischen Religionen, sondern, eine. in. Der Kulturentwicklung dev Menschheit nnr natürliche Erscheinung, daß die Psalmen heutzutage nicht nur in der jüdischen Liturgie, sondern auch in der Liturgie aller monotheistischen Religionen einen Hauptbestandteil des Gottesdienstes bilden. Der Unterschied siegt nur darin, daß die Psalmen im jüdischen Gottesdienste nur in ihrem hebräischen Urtexte, in der katholischen' Und protestantischen Liturgie aber .zumeist nach den. Uebersetznügen der Septuaginta oder Vulgata, oder nach der Lntherschen Uebersetznng rezitiert werden. In der jüdischen Liturgie sind Ls namentlich die Gebete für den Sabbäth und Festtage, die sich größtenteils nur aus Psalmen znsammensetzen. Wer Denkt nicht z. B. an das schöne Sabbathlied (Psalm 92) Dli8lQor 8crbir lejom hasekabbos, in dessen Velsen 6—8 sich die hellfreudige und weltverlorene, tiefe Deukerseele des Sängers bekundet, die hier in deutscher. Metrischer Uebersetznng zitiert sein möge. .Wie groß, o Gott, sind Deine Schöpfnngswerke, Sie alle bekunden Deine Weisheit, Deine Stärke. Der Mensch, der tiefen Einsicht bar, Der Tor, der im Denken niemals klar, Kann sichs zurecht niemals deuten. Niemals sich des Rätsels Lösung voll bereiten, Daß die Frevler oft wie Blumen blühen . Und die Uebeltäter, wie Rosen, herrlich glühen. Schließlich werden sie dennoch welk und wund Und gehen wahrlich völlig dann zugrund. Wer denkt da nicht ferner an das schöne sabbathische Abendgebet (Psalm 104), in welchem das Walten Gottes in Der Natur in so schönen, Hellen Farben geschildert wird, daß .Herder, in seinem Werke ..Vom Geiste der hebräischen Poesie" dieses Kapitel speziell ins Deutsche übersetzt hat und sich einleitend darüber nachstehend äußerte: „Keine Poesie der Welt -hat schönere Bilder bezüglich des Waltens Gottes in der Natur, namentlich bezüglich der Wirkung des Lichtes und der Finsternis, der Dämmernug und der Morgenröte,, als die, die wir hierüber -in den Psalmen, namentlich in diesem Kapitel vorfinden." Wir lassen hier nnr ein Bruchstück nach der Herderschen Uebersetznng And der neuesten metrisch gereimten Uebersetznng folgen: Kerbers Weöersetzrmg. Psalm 104. 5. Die Erd' hat er auf ihr Gewicht gegründet, Sie wanket nun und nimmermehr. -6. Mit Fluten, wie mit einem Kleid, umhüllt er sie. lieber den Bergen standen die Wässer. 7. Vor deinem Schatten flohen sie, Vor deiner drohenden Stimme stürzten sie herab. 8. Da stiegen die Berg empor, Da ließen. Tale sich nieder. Nieder an ihren Ort, wo Du sie gründetest. 9^. Da setzest du den Fluten Grenze, Daß. sie nicht überschritten und kämen wieder . . Undüberdecken das Land. 10. Da ließest Brunnen quellen in den Tälern, Zwischen den Bergen rannen sie hin. - 11. Sie-geben Trank dem Tier des Feldes, . Löschen dem Wilde seinen Durst. , 12. lieber ihnen sitzen die Vögel, . Sie singen unter den Zweigen hervor. 13. Die 'Berge wässerst du aus deinen Wassersälen, Mit deiner Arbeit Frucht ersättigst du die Welt. 14. Machst Gras ausschießen für das Vieh, Und Saat Dem Menschen znm Gebranch, '■ - Daß. sie das Brot sich ans der Erd erzieh'», Und ihr Gesicht von fetter Speis' ausglänze. *) Siehe „Die echte biblisch-hebräische Metrik" von Dr. Nivard Schlögl (Biblische Studien), Freibnrg im BreiSgan, 1912: 15. Auch. Wein sich pflanzen, der des Menschen Herz ev- ' . - . freut, . Brot, das da stärkt des Menschen Herz. 16. Es saugen Gottes Bäume sich voll Saft, Die Cedern Libanons, die er gepflanzt, .. . 17.. Damil darauf die Vögel nisten, . . Die Geier, deren Hans die Tannen sind; Dein Steinbock schuf er jene, hohen Berge, ' ' Der Bergmaus schuf er in dem Felsen Zuflucht. Wer denkt ferner nicht, wenigstens an die in demselben Abendgebete dem Psalm 104 folgenden kleinen, netten Stufenlieber, Sehir bamaalos, Psalm 120—128, die sich diesem großen Psalm wie Perlen an der Schnur, dem Medaillon, wie eine sanfte Hügelkette der mächtigen Bergkoppe anschließen. In diesen Stnfenliedern spiegelnsich nicht nurfromme und pietätvolle, gotterfüllte Gedanken, sondern auch ethische, sozialpolitische, wir möchten fast sagen biologische Gedanken wieder, die, wenn sie den Geist einmal erfaßt haben, ihn nicht wieder lyslasfen; daher, auch meine Seele seit den Knabenjahren voll und ganz erfüllt haben; z. B.: 120.*) O Gott, bewahr mich vor der Lippen Lug Und der Zunge falschem Trug. Was kann Dir. o Mensch, die Lüge frommen? Kann sie jemals dir wohlbekommen. Die gleißuerische Henchlerzunge In ihrem falschen Redeschwnnge? 120. Lang genug Hab' unter Friedensfeinden ich mich aufgehalten. Habe immer nnr mit Friedensfreunden es gehalten. Und habe ich ein Wort zu reden kaum begonnen, Sv haben jene schon auf Zank und Streit gesonnen. 121. Ich heb' mein Ang' zu den Bergen sehnsuchtsvoll empor. Fragend: Bon wo sprießt Hilfe mir hervor? Meine Hilfe kommt allein von Gott, dem Herrn, Dem Schöpfer des Himmels und der Erden. 122. Ich freue mich, höre ich den Ruf erschallen: Ans! Zn wandern nach den heiligen Gotteshallen. 123. Wie der Sklave vertrauensvoll zu seinem Herrn empor nur schaut, Wie die Magd ans ihre Herrin, liebevoll und traut. So schaut auch mein Aug' sehnsuchtsvoll zu Gott, empor. Bis seine Gnad uns sprießet hoffnungsvoll hervor. Schon überreich haben wir der Feinde Spott genossen. Genug des Hohnes der übermütigen Volksgenossen. 125. Des Frevlers Szepter soll niemals kommen Auf das Losgebiet der wahrhaft Frommen, Die schändliche Habsucht nie gekannt. Und nach fremdem Gnte niemals ansgeftreckt die Hand. Aber, die da ihre krummen Wege immer schleichen. Diese Uebeltäter wird Unglück nnr erreichen. 126. Die unter Tränen streuen den Samen ans, Die bringen jubelnd die Ernte dann nach Haus. Der Sämann, der da schreitet seufzend hin und her, Der da schleppt der Aussaat Last mit sich herum gar schwer. Der zieht zur Erntezeit daun fröhlich wieder ans. Und bringt der Garben Fülle frohgemut nach Haus. 127. Wenn Gott, der Herr, die Stadt nicht selbst bewacht. Steht der Wächter ganz umsonst auf seiner Wacht. Vergeblich bleibt das Anfstehen am frühen Morgen Und der Arbeit bis zum späten Abend unter Sorgen. Das Brot, das ihr erwerbet nur mit schwerem Kummer, Das gibt Gott seiuenLieblingen oftmals schon imSchlummer. Sieh', der Kindersegen ist wahrlich nur ein göttlich Erbe, Die Leibesfrucht ein Gotteslohn, der nicht verderbe. *) Dieser Psalm hat die Anregung zu dem in der Wiener „Wahrheit" -vom März d. I. veröffentlichten Artikel „Gras Aehrenthal als — Psalmist" gegeben.