Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit , , , Nr, 30. beruht, und. die. wie alles- Falsche, noch - schlimmer als. Unvornehmheit ist. An dieser Vornehmheit fehlt es heutzutage-wohl kaum. Gut augezogene und feingeschniegelte Männer trifft .man. namentlich in der Großstadt, auf Schritt und Tritt, und, diese Männer werden von der gedankenlosen Masse als vornehme Kaste betrachtet, zu der sie mit heiliger Scheu hinanfblickl. Diese Vornehmheit hält sich von der gewöhnlichen Bürgerschaft nur darum in.einer bestimmten Distanz, weil sie in der Nähe leicht in ihrer ganzen Hohlheit erkannt wird. Der „Simplizissimus" prägte vor einigen Jahren das scharfe und doch zutreffende Wort: „Die Kunst des Lebemannes besteht darin, ein Lump zu sein und dennoch Kavalier zr bleiben." Diese falsche Vornehmheit, die immer mehr um sich greift, wird geradezu ein öffentlicher Schädling. Diese Talmi-Vornehmheit wollte d e r K a i f e r t r e f f e 11, und sein Wort hat daher eine große gefellfchafis-kritstche Bedeutung. Ja, wir leben in einer Zeit der Begriffsverwirrungen, und nie vielleicht wurde mit den wohlklingenden Worten ein so arger Mißbrauch getrieben wie heute. Wir haben gesellschaftlich gar zu viel Fassade ohne Inhalt. Daß die jüdischen Bürger darunter am meisten leiden, ist wohl begreiflich. Denn der Jude kann nur da in feiner wirklichen Natur erkannt und geachtet werden, wo die Wahrheit und nicht die Lüge thront. Jede Trübung der Wahrheit wird da am meisten gefährlich, wo alte Atavismen, niedrige Instinkte und Modetorheiten sich zu einer Art Weltanschauung vereinigen. Gestehen wir es ein: Nirgends gehört die Abneigung gegen die Juden so sehr zur „vornehmen Tradition" wie beim deutschen Adel. Und da der Adel in Preußen noch immer einen großen Einfluß hat. so ist diese Abneigung viel schädlicher als der Straßenantifemitismus. der für feinere Naturen nie Anziehungskraft besaß. Der Adel bekleidet bei uns noch immer die höchsten Aemter in der Verwaltung, die höheren Offizierschargen, und er hat. häufig das Ohr des Fürsten. Dieser Adel ist leider sehr oft nichts weniger als vornehm. Er ist zwar großmütig genug, .mit jüdischem Gelde feinen verrosteten Schild neu zu vergolden und ein reiches jüdisches Mägdelein als unangenehme, aber unentbehrliche Beigabe zur Mitgift heimznführen, hält sich aber traditionell exklusiv gegen die Juden und betrachtet alles Jüdische von oben herab als inferior. Ja, er scheint im Inden den Gegensatz zum Adel, den Antipoden des Jnnkertypns zu erblicken. Das mag zum Teil berechtigt sein. Solange der Junker durch und durch reaktionär ist und jedem Fortschritt feindlich gegenübertritt, ist es nur zu natürlich, daß der Jude schon aus Selbsterhaltungstrieb in ihm den Feind erblickt. Ist diese Anschauung aber im höheren Sinn berechtigt? Hat sic einen historischen und logischen Sinn? Wer sich seinen Verstand durch alle Phrasen der Zeit nicht trüben läßt, muß diese Frage entschieden verneinen. Versteht mau unter Adel eine, durch Zuchtwahl und durch vornehme Tradition geschaffene Meuschenauslese, dann wird mau auch bei aller demokratischen Gesinnung sicherlich nichts dagen einzuwenden haben. Trifft diese Definition aber auf den heutigen Adel immer zu? - Die Wege des Blutes sind dunkel, und, ohne auf das neue Machwerk ..Semi-Gotha" zu schwören, wird man sagen dürfen, daß auch viel jüdisches und plebejisches Blut in den Adern unseres Adels rollt. Ja. der Einsatz des Plebejischen dürfte hier viel größer und viel verhängnisvoller sein als der des Jüdischen. Man wird also kaum von einer wirklichen auserlesenen Raffe hier sprechen dürfen. Man weiß auch, wie sehr gerade in den Kreisen des Adels die Degeneration mit allen ihren Dekadenzerscbeinungeu um sich greift. Und wie stehls mit der vornehmen Gesinnung dieses Adels? Gewiß gibt es auch heute noch viele Männer des hohen Adels, die sich durch einen besonderen Grad wirklicher Vornehmheit auszeichnen. Aber verschiedene Prozesse der letzten Jahre haben uns einen gar zu tiefen Einblick in die Psyche -des Adels werfen lassen. Und was wir sahen, ist nichts weniger als schön und erhaben. Wenn ein . hoher Adeliger vom Gelde seiner Frau lebt, die er täglich mißhandelt, wenn adelige Offiziere in jüdischen Familien schmarotzern, sie als PumpqueÜe betrachten.und hinterher über sie höhnen, so ist das alles eher als der Ausdruck einer vomehmen Gesinnung. Die alten guten Eigenschaften haben häufig durch.dasverweichlichende Lnxnsleben an Kraft eingebüßt, und an Stelle eines edlen. Stolzes ist ein Standesdünkel -getreten. Die .Jagd-nach Ehren iind Erfolgen, nach Macht. und Einfluß hat das . alte Heldentum und den . Kriegsruhm.abgelöst.. Unser Adel, bildel .heute eine Partei, wie jede .andere, eine Partei, die eine. Machtpolitik treibt,, und wahrlich nicht immer mit vornehmen Mitteln. Es braucht nur an den Bund -der Landwirte und seine Agitation erinnert zu werden.. Nein, die. Geburt allein , tuts nicht. Der hohle,Rahmen muß mit einem Inhalt ansgefüllt werden, sonst wirkt die Sache eher komisch als ernst. Der Adel, soweit er es nicht verstanden hat sich zu modernen Ideen hinänfzuschwingen und dem Staate durch wirkliche Dienste zu nützen, ist ein Petrefakt, ein erstarrter Stand, der nicht leben und nicht sterben kann. Leider will der Adel von heute, insoweit er mit dem Junkertum identisch ist, noch immer trotz aller Wandlungen der Zeit seine Privilegien verfechten. Er sieht nicht ein, daß die Zeiten andere geworden sind, er möchte die alte Macht sich wieder erobern. Und daher schaut er mit Neid und Haß auf alles Moderne und Fortschrittliche. Er betrachtet es häufig als Raub, daß auch andere Vermögen und Reichtum sich erwerben. Und wenn hier ein Jude reich wird und. Einfluß gewinnt, bann sieht der Abel in ihm einen unehrlichen Konkurrenten. Diese ganze Auffassung -ist töricht, und doch ist sie leider weit verbreitet. Statt in den Geist der Zeit einzudringen, und den - Kampf der Intelligenz anfzuuehmen, schaut der Junker mit. Hohn und Neid auf alle diesenigen, die es weiter gebracht haben als er. Das ist die psychologische Erklärung für den Antisemitismus unseres Adels. Eine echte Vornehmheit würde sich ganz gut mit den modernen Elementen vertragen. Eine falsche Vornehmheit aber muß den. Gegensatz alles wahren Fortschrittes bilden. . . Diese falsche Vornehmheit lenkt uns vom Wege der Entwicklung ab, und sie bildet das größte Hemmnis für die Entfaltung einer gefunden 'Kultur. Es gehen, durch diese Auswüchse des Lebens gar so viele Kräfte verloren, die Gutes und Schönes hätten leisten können. Das Schlimmste ist, daß sich-durch diese falsche Vornehmheit eine Art Surrogat für wahre Ehrbegriffe ausbildet. Unb viele Philister,-für die. der Adel bas. höchste bedeutet, suchen natürlich diese Formen nachzuahmen und so wachsen sich diese Fehler immer mehr zu einer Gefahr ans. Ja, , unsere Zeit braucht wahre Gentlemen im. Sinne des Kaisers, Männer, die gerecht und vornehm über alles denken und . die alten Vorurteile durch neue. Errungenschaften zu überwinden suchen. Wären die echten Gentlemen nicht gar so selten, dann gäbe es, wenigstens unter den Gebildeten keinen Antisemitismus. Es ist wohl begreiflich, daß sich in jedem Staate vornehme Gesellschaften absondern. Aber die Legitimation für den Eintritt in diese Gesellschaft darf nicht die Konfession, die Abstammung und das Adelsprädikat bilden, sondern Ehre, Bildung und'innere Kultur. Die höchste Vornehmheit ist und bleibt ein freies-Menschentum, im Geiste der großen Männer aller Zeiten und im Sinne einer wirklich modernen Lebensanschanung. . - Die Malmen in den monotheistischen Litnrgien. Daß die Psalmen in . dem jüdischen Gottesdienst eine Hauptrolle spielen und den Hauptbestandteil des jüdischen Gebetbuches bilden, ist männiglich bekannt nnd eine ganz naturgemäße Erscheinung, denn Gesänge, in denen sich Freud und Leid, Janchzem und Schmerz, frommer Gottesglaube und skeptische Zweifelsucht, helle. Natnrfreudigkeit und düstere. Schwermut,, erquickende Seelenruhe und drückender Weltschmerz, Heinesche Lebenslust und Schopenhauersche Weltverdrossenheit, kurz alle Schwingungen und Regungen der menschlichen Seele wiederspiegeln und in allen Akkorden des Herzens wiedertönen, solche Lieder sind, obwohl ihr Metrum, ihr Rhythmus. trotz des zwei? tausendjährigen Streites vom Kirchenvater Hieronymus angefangeu