Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30 Die Wadrhett Sette 5. Brieftasche ist notwendig, um sich in Ischl ein bürgerliches, koscheres Mittagsessen zu kaufen. So war es'allerdings einstens, als hier ein Monopol mit Strenge ausgeübt wurde.. Das ist nun besser geworden. Es ist dafür gesorgt, daß auch in Ischl die Bäume der koscheren Küche nicht in den Himmel wachsen: In unserem demokratischen Zeitalter ist die Welt für niemand mit Brettern verschlagen, auch für den jüdischen Bürger nicht, der ein Mittagessen: nicht mit einer 100 Kronen-Note bezahlen kann. So raten wir denn allen, die billig und sehr gut koscher speisen wollen, sich in den Jschler H of zu hegeben. Herr und Frau K o h n, seit diesem Jahre Besitzer dieser vortrefflichen Pension, sind bestrebt, ihre Gäste, nach jeder Richtung hin, vollauf zu befriedigen. Ein schattiger Garten nimmt uns auf, wenn wir nicht in dem Hellen, kühlen Speisesalon sitzen wollen. Peinliche Reinlichkeit, sehr rasche Bedienung, ein gut.zubereitetes Menu und, last but not least, wahrhaft bürgerliche Preise sind die Vorzüge dieses Restaurants. Es war höchste Zeit, daß für Juden, vom Millionär abwärts, in Betracht des Essens, in Ischl etwas geschah, und dieser Mittelpunkt des Salzkammergntes ihnen nicht verschlossen blieb. Wir haben immer für eine Demokratisierung unserer Küche in Ischl plaidiert und freuen uns, daß unsere Ausführungen nicht unbeachtet blieben. Gehe demnach, hungriger Volksgenosse, in den „Jschler Hof" und du wirst' ihn nicht ungesättigt und unbefriedigt verlassen. Auch deine Brieftasche wird unter der Last der Preise nicht erseufzen. Wenn 'du dann gegessen und dich gesättigt hast, preise den Herrn, der diese herrliche Natur geschaffen, aber sage auch Dank dem biederen Nährvater und der Alma Mater, die so knusperig ihre Gäste zu braten versteht. Naturgenuß ohne gesättigten Magen bildet ja doch nur einen halben Genuß. Der Anblick hoher, grüner Berge erweckt naturgemäß auch die Sehnsucht nach den Genüssen des Magens. Ein altes Naturgesetz, das man ungestraft nicht Übertritt. Nochmals also sei der „Jschler Hof" unseren Brüdern nnd Schwestern in Inda ebenso warm, als angelegentlich empfohlen. — Was dieses herrliche Fleckchen Erde, genannt Ischl, zu einem so wunderbaren Aufenthalt stempelt, ist seine Eigentümlichkeit : Kunst und Natur zu vereinigen. Ein internationales Publikum belebt die Straßen und Promenaden. Neben den Wienern lieben die Bewohner des Landes jenseits der Leitha das Jschler-Tal besonders. Es vertragen sich auf diesem Boden Urwiener und Stock-Magyaren vortrefflich. Das Hauptthema mag der Unterschied zwischen österreichischer und ungarischer Küche bilden. Ein jedenfalls appetitlicher Gesprächsstoff. Was das schwächere Geschlecht, wie wir Männer es in hochmütiger Weise zu benennen pflegen, ohne unserer eigenen. Schwächen zu gedenken, anlangt, so findet in Ischl ein edler Wetteifer zwischen Wiener und Budapester Damen statt, wie man in Bezug auf Toilette einander den Rang ablanfen könnte. Unsere Schwestern in Juda verstehen es, sich zu kleiden, ja in dieser Richtung sogar Außerordentliches zu leisten. Das wissen wir schon ans dem Buche des Jesaias. Die meisten in Ischl sich aufhaltenden Damen wissen dies allerdings nicht. Mögen sie sich trösten. Auch das stärkere Geschlecht weiß davon wenig. Jesaias ist eben ein wenig ans der Mode gekommen. Man muß zuviel moderne Literatur in sich ausuehmen. Und dann kommt das Lesen der Journale. Ad vocem Journale. Im Lesesalon des hiesigen Kurhauses finde ich, wie ich dies schon vor Jahren bemerkte, keine einzige österreichische, jüdische Zeitschrift. Und doch fehlt es in Ischl an Juden nicht, selbst nicht an solchen, die ein jüdisches Blatt aus Oesterreich gerne lesen möchten. Wie hat sich nur in diesen Lesesalon neben deutsche, französische, englische, italienische, polnische, rumänische Journale das deutsch-israelitische Blatt verirrt, das Dr. Mayer in Regensburg herausgibt? Ich konnte diesem Blatte nicht viel Geschmack abgewinnen, und,.selbst feine Beilage, genannt „Die Laubhütte", konnte mich nicht in seine : Laube locken, Wieder ein Beispiel von der Gleichgültigkeit, durch die sich leider unsere Wiener Volksbrüder hervortun. Die hätten es bei der löblichen Kurkommission schon durchsetzen können, daß im Lesesalon, wo sich ein internationales Publikum zusammenfindet, üuch für das Aufliegen eines jüdischen Blattes Sorge getragen werde. Ich sagte schon, daß in Ischl die Kunst eine hervorragende Pstegestätte findet. Die Musik au erster Stelle. Ein wahrhaft künstlerisches Orchester sorgt dafür, daß wir uns, nicht weniger als viermal am Tage, an trefflichen musikalischen Darbietungen erfreuen können. Fast könnte man von einem Embarras de Musique sprechen. Wem es übrigens zu viel ist, der entfliehe in einen stillen Winkel, deren es in der nächsten Umgebung Ischls genug gibt. Neben der Musik bietet auch das Theater, wenn auch leichtere, künstlerische Genüsse. Aber mau kam ja nicht her, um griesgrämig den Kopf hängen zu lassen, sondern um. nach des Jahres Last und des Jahres Leid, sich einige vergnügte Stunden zu gönnen. Last und Leid werden uns später noch genugsam drücken ... Konzerte drängen einander in beängstigender Fülle. Die Herren und Damen, die sich der Kunst widmeten, sind ja in nicht geringer Anzahl vorhanden. Sie alle wollen gehört werden -— recht viel Geld verdienen. — Was aber bedeutet alle Kunst gegen den verschwenderischen Reichtum, mit dem die Natur dieses paradiesische Stückchen Erde überschüttete! In dieser Natur mit ihrem Glanze und ihrer prangenden Pracht verrichtet die glänzende Seele ihren Gottesdienst voll Andacht und Emporheben zu dem, der die Erde so reich bedacht hat. Und, so lesen wir denn unsere Bibel am liebsten, wenn rings um uns die Bäume rauschen, die Bäche murmeln und der Strom seine unendliche Melodie anstimmt ... Soeben ertönt die gewaltige Donnerstimme über den Gewässern. Der 29. Psalm kommt mir in den Sinn, während der Sturm in der Natur sich vorbereitet. Hoffen wir, daß er sich nicht zu einem längeren Regen answachse. Ich liebe Ischl, aber im Sonnenschein. Wenn es glänzt und glitzert rings um mich. Wenn die Sonnenstrahlen durch das frische Grün der Bäume huschen und alles in Silber nnd Glanz tauchen . . . So schenke uns denn die Wettergottheit einen heiteren, glänzenden Sommer, auf daß wir uns recht viel im Sonnenlichte baden können. Selbst das beste Essen und die viermalige tägliche Musik können uns nicht entschädigen, wenn sie uns verläßt, die Heilung und Gesundheit, Heiterkeit und Leben spendende Sonne. Wir wünschen kein Ischl im Regen, sondern ein im Lichte lachendes Ischl. Dr. M. Grünfeld. Echte nnd falsche Vornehmheit. Vor kurzem sprach der Deutsche Kaiser, ein stolzes, freies Wort, das wohl verdient, nicht in Vergessenheit zu geraten. Auf dem Festmahl zum 25-jährigen Jubiläum des Kaiserlichen Jacht-Klubs zu Kiel sagte der Kaiser: „Wir kennen als Gesetz für nnseren Klub n u r d a s e i n e: W e r M i t g l i e d werden w i l l, s o l l ein Gentleman sein; das genügt." Es gibt Worte, die sich nicht übersetzen lassen, weil sie mit dem Begriff §u einer merkwürdigen Einheit verschmolzen sind lind in der Uebertraguug dieses Gepräge nicht wieder geben. Dazu gehört auch das Wort Gentleman. Man versteht darunter, kurz ausgedrückt, einen Mann von innerer und äußerer Vornehmheit. Wohl gemerkt in erster Reihe von imlerer. Während das Wort Kavalier heute einen unangenehmen Beigeschmack erhalten hat und für viele nichts weiter bedeutet als ein feinfrisierter und gutgekleideter Mann, der mir Anmut Geld auszugeben versieht, ohne es zu verdienen, bedeutet das Wort Gentleman einen echt vornehmen Menschen von innerer Reinheit, einen Mann, der alles Unmoralische und Niedrige ebenso instinktiv als Abscheu empfindet wie äußere Unsauberkeit. Das ist die richtige Vornehmheit, die Verkörperung des Schönen und Erhabenen in innerer Harmonie, das Leben nach dem ungeschriebenen Gesetz der gesellschaftlichen Moral. Daher ist uns dieses Wort unentbehrlich geworden. Das Wort und der Begriff. Namentlich die modern gesinnte Bevölkerung fühlt manchmal eine glühende Sehnsucht nach solchen Gentlemen, denen das Vornehmsein keine Anstrengung kostet nnd bei denen das Gefühl der Gerechtigkeit zur Natur geworden ist. Woran wir heute kranken, das ist die falsche Vornehmheit, die auf Aeußerlichkeiten