Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-08-02 · Heft 30 (2.8.1912) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 30 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063653--07993-3075124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Leite 4. Die Wahrheit. nehmlich im ^oonbrab sociale“ — in allen seinen Schriften mit dem ganzen 'Menschentum auseinandergesetzt und diese Auseinandersetzung umschließt auch uns. Für ihn existierten keine Rassen und Konfessionen. er brauchte nicht das pikante Judenthema, nicht die zwei bis zum Ueberdruß abgewandelten Verben, Judeusressen und Jndenstreicheln,. er der ans seinem reichen Geiste in ländlicher Abgeschiedenheit ohne bibliothekarische Hilfsmittel, rein aus sich heraus unsterbliche Werke.schuft Mochte das wilde Kriegsgeschei „hie Wels, hie Waiblingen" um. ihn herum nur ertönen, mochte Voltaire, sein geistiger. Antipode für Ansklärung und Rehabilitierung Kälas' kämpfen und das Judentum bespeien, er haßte einmal alle Nachahmung, wie er in seinen Kousessious erzählt und über Juden zu sprechen, sei es freundlich oder feindlich, hieß ihm offenbar Nachahmung. Wenn wir es ordentlich bedenken, ist es dies auch in der Tat. Wie viele würden über Inden und Judentum wohltätiges Schweigen bewahren — denn Schweigen ist Gold — hörten sie eben nicht fortwährend, das Gefasel über diesen Gegenstand. Wir alle haben es soeben mit vollen Akkorden durch den Blätterwald rauschen gehört: Rousseau hat die amerikanische und französische Revolution bewirkt; ohne ihn keine Erklärnng der Menschenrechte! Also-mithin, ohne ihn auch keine jüdische Emanzipation. Damit beantwortet sich die Frage, ob in einem jüdischen Blatte des großen Genfers, der auch für uns lebte und litt. Erwähnung getan werden solle, von selbst. Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. Nicht allen brachte der Knltnrpionier Rousseau Segen. Wären, wenn er gar nicht oder später gekommen wäre, die zwei jüdischen Jünglinge, welche in Budapest eine Verlorne beraubten und; ermordeten, nicht glücklicher gewesen? Ohne Zweifel! Noch würden sie die schützenden Mauern des Ghetto umgeben und - bewahrt haben vor solch grausiger Tat, noch hätten sie nicht — damit sie diese je eher verüben können — finster zum Tagesgestirn emporgeblickt, wünschend, daß sie untergehe, nein, auch ihnen noch hätte die Sonne. Jesaias nnd-des Psalmisten geleuchtet und ihnen den tiefen Abscheu des Judentums vor so lichtscheuen Taten eingeflößt! Eine Ewigkeit muß der Mensch nach Carlyle darauf warten zur Welt, zu kommen und ewig tot ist er, nachdem er gestorben. Ein ähnliches Gefühl, eine verwandte Anschauung muß es gewesen sein, was die exilierten Juden stets davor zurückschrecken machte, das allen anderen Gütern zur Unterlage dienende Leben ruchlos zu kürzen und zu vernichten. Bis hieher in unsere Waldeinsamkeit warf der Mord seine Welleukreise. denn ein Agent, ein Jude sprach mit mir darüber. Salbungsvoll sprach er den Gemeinplatz aus, die abnehmende Religion der. Juden trage Schuld daran, während seiner Ausführungen milderte sich der listig pfiffige Ausdruck feiner Züge etwas, auf dem Mund, der von. einer spitz znlaufenden Nase fast berührt wurde, faß ein etwas weniger widerwärtiges selbstbewußtes und selbstgefälliges Lächeln; doch ich begann über das ungarische Judentum nachzudenken und hörte , wenig auf des Agenten Worte, auch machte ich weiter keine physiognomische Studien au ihm. Sind die zwei jüdischen Raubmörder nur Schlacken und Auswurf der Bevölkerung einer Großstadt und können wir ruhig von ihrer Rasse und Konfessionszugehörigkeit abstrahieren? Ist es bedeutsam, oder bloßer Zufall, daß die Tat gerade in Budapest und von Inden verübt wurde, so fragte ich mich. Hier das Resultat meines Nachdenkens. Eigentlich gibt es keinen Zufall, denn alles hat seine Ursachen; nur wo diese unserer Kenntnis sich entziehe, sprechen wir fälschlich vom Zufall. In unserem Falle aber sind die Ursachen leichtlich herausznfinden. In keinem Land der Erde hat der herrschende Stamm so sehr an die politische Mitwirkung der Inden appelliert, als die Magyaren, daher die nirgend anderswo zu beobachtende innige Berührung der sozialen und ethischen Sphären zweier rassefremder, im gemeinsamen Milien lebender Volkselemente, die beinahe schon an Assimilation grenzt. . Diese Mischung gibt aber offenbar keinen guten Klang. Eines der ältesten Kulturvölker verbindet sich da mit dem jüngsten. Nr. 80. Man muß beobachtet' tjcibeu, wie der Magyarmisiwder ohne Begleitung der Zigeunergeige klagt oder jubelt;..es sind beinahe ungeschminkte. Naturlaute, die. inan chört.ft Die ursprünglichen Instinkte brechen mit noch, wenig gezügelter Wildheit hervor. Hat Uran, dies-erkannt, so begreift man aber-auch, warum das Leben in der ungarischen Metropole gar so überschänmt, warum gerade hier gierigste Genußsucht und Ausschweifungen aller Art ihre Orgien feiern, man wird es aber auch beklagen, daß. bei den ungarischen Inden so wenig Resistenz vorhanden, nm sie vor einem Erfaßtwerden des^ brausenden Strudels zu bewahren. Dem wilden Magyaren schadet dies am Ende weniger, er tobt sich aus, der Jude aber eilt seinem Verderben entgegen. S. V i ne t a. Saisonbild ans Ilchl. Ueber den Satz: Die Ferien sind die schönsten Tage der Schulzeit, wird wohl kaum ein Streit zwischen Lehrern, Schülern und Eltern entstehen, mag er auch wie ein Oxymoron klingen. Den Schulstaub von sich schütteln, den ganzen gelehrten Kram weit von sich schleudern, für einige Wochen vergessen an die. Bildungsphilisterel mit ihrer Not und. Pein, Körper und Äeist ausspannen aus dem Joch des Alltags und hinausziehen in die Berge, Wälder, an die Seen, und lauschen auf das Murmeln der Bäche, lagern ans blumigen Wiesen und'den blauen Himmel anstarren, der sich in erhabener Ferne über uns ansdehnt: das ist gewiß ein Hochgefühl, und kann sogar etwas teurer bezahlt werden. An der teueren Bezahlung fehlt es in dem alten Ischl,' das ich hener wieder einmal aufsuchte, nicht. Dafür sorgen die biedereil Landleute zur Genüge. In diesem Punkte huldigen sie ganz großstädtischen Sitten und kommen dabei auf ihre Rechnung. Doch nicht klagen will ich in diesem Berichte, ist doch die Klagezeit vorüber. Das war ein recht verregneter 1i8oüaü-d6-^.d, wie sich ihn unsere Altvordern wünschten. Ein kühler Gedenktag an die Zerstörung Jerusalems ... . Die Trosteswochen aber setzen mit einem heiteren blauen Himmel ein. Warme Strahlen entsendet wieder Mutter Sonne vom tiefblauen Firmamente hernieder. Freuen wir uns, daß die Tage der düsteren Regenzeit vorüber sind, in denen uns sogar eine ganz kleine Ueberschwemmung drohte. Denn die Traun läßt nicht mit sich spaßen. Die ist einem übermütigen Jungen gleich, der über die Stränge, sprich Ufer, haut, wenn der Wettergott kein Einsehen hat. Trösten wir uns also. Am 10. des Tranermonats wurde es besser, und hoffen wir, daß es dabei bleibt, auchüber den Sabbath Nachmu hinaus .... Ohne daß ich es wünschte, bin ich in das gewöhnliche Fahrwasser der Saisonberichterstatter geraten, das heißt mit änderen Worten: Ich habe vom Wetter und Wasser zu sprechen begonnen. Und doch gibt es hier so Vieles, von dem man singen und sagen kann. Daß Ischl eine Fortsetzung Wiens bildet, das Jschler Leben eine in den Sommer hinein verlängerte und verbreiterte Wiener Saison, wem wird damit etwas Neues gesagt? Oder ist es etwas Neues, wenn ich berichte, daß unsere Wiener Glaubensgenossen in Massen an den Ufern der lieblich fließenden Traun vertreten sind? Wiener Juden in allen Schattierungen sind auf der langen Linie vom Kaffeehaus Walter bis in den Lanfener Wald hinaus, bis zum neuen Kaiser-Staichbilde zu erblicken. Weiter wagen sich die Wenigsten, denn, wie mir ein lustiger Wiener Bruder, älteren Genres, sagte : Man ist ja nicht , zum Gehen hergekommen. Auch Dachsteiupartien werden selten von unseren Volksgenossen unternommen. Es wäre em billiger Witz, wenn mir jemand erwiderte, dafür mehr Tarockpartien. Und ich konnte ihm nicht einmal widersprechen. . . Da wir nun einmal in der Schilderung des Jschler Milieus drin sind, wollen wir auch etwas von dem eigentlichen nervas rerum, .das ist nicht so sehr vom Gelde, wie man meinen sollte, sondern von dem sprechen, was den.Körper zusammen und in guter Laune hält:, vom Essen. Die Meisten, die Ischl nur vom Hörensagen kennen, beginnen, so sie nicht. im Besitze eines Automobils und einer Million, wenn auch nur einer Million Kronen sind, zu erbeben. Welch eine, wohlgefüllte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.