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Die Wahrheit · 1912-08-02 · Heft 30 (2.8.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 30 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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' : Redaktion nn d N dministration: Wien, II/, .Nvvaragasse 27 Televbon: Redaktion 5509/1V. Administration 4938II. Unabhängige Zeitschrift für Mische Ganzjährig.Iv 1*.— Halbjährig.K 7 — ft. k. öfterr. Vostsvarkasia- Schect-ftonlo Nr. 100.918. Inlerate: Interessen. Filf DlUnSbeulute: <Miui4jiibvi,|.K 1(>. — Di« viermal geivaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ireitng. Für Ausland: AbonneinenlSnnd Jnsertionsbetröge nnd in Wie» zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!“ '»„»zlährig.8 Mark K!>k»vet oder Itt MrcS. Ur. 30. Wien. 2. Angirst «r»I2 Inhalt: Ungarische Reise. — Saisonbild aus. Ischl. — Echte und falsche Vornehmheit. — Die Psalmen in den monotheistischen Liturgien. — Verschiedene Nachrichten. Feuilleton: Der verkaufte Sohn. Wir ersuchen uw Einsendung der restlichen, Abonnementsbeträge und Einlösung der U o stau f i x ä fl e. Ungarische Reise Ich habe vor einigen Jahren in diesem Blatte meine Eindrücke einer Budapester Reise wiedergegeben. Ich war da ein empfindsamer Reisender; mit empfänglichem Sinn und offenem Blick betrachtete ich alles, was mir aufstieß und Politik, kulturhistorische wie zeitgeschichtliche Anregnngen ließ ich weder unaus- . gebeutet noch unbehandelt. Auch jetzt bin ich von einer Reise, die mich über Budapest in das Ofner Gebirge geführt, heimgekehrt. Doch wie ganz anders ist es heute! Habe ich doch im Mai meinen Vater verloren und galt meine Fahrt doch nur vornehmlich dem Zwecke meine greise schwergeprüfte Mutter zu besuchen. Da hängt es sich wohl wie Bleigewicht an den Flug des Geistes. . Und doch, unser Häuschen lag so freundlich im engen Tale, hingeschmiegt zu'den Füßen waldiger Bergriesen, und die . Luft war balsamgeschwängert! Wenn etwas imstande gewesen wäre, mich meinem Gedrücktsein zum Teil zu entreißen, so hätte es nur ein solches Bild zuwege bringen können. Wie hätte ein Rousseau die köstliche Einsamkeit dieser Eremitage auf sich wirken lassen, dachte ich, wie würde er da geschwärmt und an dieser Natur zu gesunden getrachtet haben! Alle menschlichen Vorstellungen, Meinungen und Bekenntnisse haben ihre Äversseite und auch den Ronsseanschen fehlt es nicht an einer solchen. „Dein Blick", so wendet man ein, „gleitet entzückt über den blumengewirkten Teppich der Wiese, über den sich summende Insekten im Sonnenglanze wiegen. Bewundernder Thor, sieh nur etwas schärfer'zu, etwa mit den Augen des Naturforschers! Es' ist unmöglich, daß du dann nicht gewahrtest, wie hinter dieser gleißnerischen Maske der Kampf ums Dasein blutige . Opfer .'fordert und stehe einmal an einem Sterbebette, du mußt schon'ein sehr standhafter Naturfreund und Liebhaber und Don Quijote sein, um hernach nicht beträchtlich abgekühlt zu werden." Ich will es nur gestehen: auch ich gehöre ein wenig zu diesen Opponenten des Naturdusels, wenn ich auch den Worten des österreichisch-amerikanischen Schriftstellers Sealsfield volle Zustimmung erteile: „Euere Städte sind von Menschenhänden gemacht — von Menschenodem, verpestet, die Prärie aber von Gottes Hand geschaffen, seinem reinen. Odem belebt." L_•' Doch sei dem wie ihm wolle, dem Gedanken an Rousseau hatte ich meine Ablenkung von trübem Sinnen zu verdanken; ich erinnerte mich, daß gerade jetzt 200 Jahre seit dessen Geburt verstossen, und diese Gedenkfeier in den Zeitungen aller Zungen zum Ausdrucke kommt. Da durchzuckte es mich! Ich fragte mich, ob wohl eine jüdische Zeitung Anlaß nehmen werde, Ronsseans zu erwähnen und sagte mir ° zugleich, daß hiefür wenig Wahrscheinlichkeit spreche. Ich weiß auch heute noch nicht, wie es sich damit verhält, doch soll es mich angenehm enttäuschen, erfahre ich Gegenteiliges. Aber was hat Rousseau eigentlich mit dem Judentum zu tun? O. sehr viel! Doch die Undankbarkeit ist eine allgemein menschliche, also auch jüdische Untugend und selten erhebt sich Blick und Urteil über das zunächst Liegende hinweg in weitere und verwickeltere Perspektiven. Ein Parteiblatt — und dieses ist doch schließlich jedes jüdische Blatt — wird sich zunächst fragen, welches Verhältnis der jeweilig in Diskussion stehende Held des Geistes oder der Feder dem Judentum gegenüber einnehme, wie er gegen dasselbe gesinnt gewesen lt. s. w. Dieses Kriterium aber, mit dem man ja zumeist sein Auslangen findet, versagt bei Rousseau vollständig. Mir ist im ganzen Schrifttum nur noch ein Geistesgroßer bekannt, nämlich Carlyle, der wie Rousseau das Judentum niemals erwähnt, weder im Schimpf noch im Glimpf. Sonst lassen sich alle geistige Größen bequem in drei Klassen teilen: In die erste gehören die entschiedenen Judenfresser, ein Treitschke etwa, ein Lagarde und Eugen Dü bring. In diezweite rangieren die dünngesäten Freunde der Juden: Lessing, Zschokke, Ibsen und in die dritte möchte ich diejenigen verweisen, welche, komisch genug, sowohl von Philoals Antisemiten, als zu ihrer Fahne gehörig reklamiert werden. Beide haben recht, denn wir haben es, wenigstens in dieser Beziehung, mit Zwittertum zu tun. So verklausuliert sich Schiller allsogleich in seiner „Sendung Moses" mit seltsamen Einschränkungen, so oft er die Juden freundlich behandelt. So tut es ihm sogar der humane Herder gleich und von Goethe existieren zerstreute Aussprüche, die einander aber wunderlich widersprechen. Rousseau gehört in keine der genqnnten drei Klaffen. Die Natur scheint hier ein vereinzelt dastehendes aber hochaufragendes Phänomen geschaffen. Klaffe, Art und Individuum in einem einzigen Exemplar verkörpert zu haben: Unum, sed leonem! Rousseau schweigt über Juden und Judentum, sollen auch wir über ihn schweigen? Mit nichten! Rousseau hat sich — vor- :1 j ■

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