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Die Wahrheit · 1912-07-26 · Heft 29 (26.7.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 29 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 29. eiette 9. Die Wahrheit Feuilleton. Der Verkaufte Sohn. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Samy hielt er zwar nicht für denjenigen, mit dem er -seine Reformalionsbestrebungen beginnen könnte, von diesem erwartete er nicht den Triumpf seiner Idee, aber, da er nm Aat gefragt wurde, wußte er auch keinen anderen zu erteilen. Goldstein geberdete sich derart, als hätte ihm der Rabbiner die größte Beleidigung zugefügt, und erst nach einem längeren Gespräche über diesen Gegenstand begann er, die Ansicht seines Freundes in etwas milderem Lichte zu betrachten. Ahronson .zählte ihm die Männer des Altertums auf, welche als Leuchten der Wissenschaft und der Religiosität, es dennoch nicht verschmäht haben, sich durch ihrer Hände Arbeit einen redlichen Verdienst zu verschaffen. Er nannte ihm einen Rabbi Akiba, einen Hillel und so viele andere, welche, trotzdem sie sich durch schwere Arbeit ernähren mußten, dennoch einen Schatz von Wissen anhäuften und der Nachwelt überlieferten. Goldstein, welcher sich nur schwer von der Hoffnung lossagen konnte, in seinem Einzigen, trotz seiner Veränderung, einst einen Gelehrten zu sehen, schwelgte wieder in dem Gedanken, daß Samy auch noch einst ein großer Mann werden könne. Auf seine diesbezügliche Aeußerung hatte Ahronson nur ein mitleidiges Lächeln, denn er wußte wohl, daß der liebe Samy nicht Las Zeug dazu hatte, ein zweiter Akiba zu werden. Von da ans begab sich Goldstein ins Gymnasium, um Len Austritt Samy's zu melden, und den durch diesen verursachten Schaden zu vergüten. Andern Tages reiste er mit seinem Sohne nach Prag, in der Absicht, ihn daselbst zu einem Meister in die Lehre zu geben. Damals befanden sich in Prag noch keine größeren jüdischen Werkstätten, und zu einem kleinen Meister seinen Sprößling in die Lehre zu geben, das ließ der alte Goldstein'sche Stolz nicht zu. Ebenso wenig konnte er sich entschließen, den Knaben zu einem nichtjüdischen Meister zu geben, wo er einesteils die Religionsgesetze nicht halten könnte, ändernteils als Jude Zurücksetzungen, wenn nicht gar Verfolgungen, ausgesetzt wäre. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als den verkrachten Studenten in eine Privathandlungsschnle zu geben, da ihm infolge seiner Aufführung am Gymnasium jede öffentliche Lehranstalt verschlossen war. Fünf Jahre waren seit diesen, für die Goldsteinffche Familie so ereignisreichen Tagen verstrichen, und große Veränderungen waren in derselben vorgegangen. Frau Goldstein hatte es noch erlebt, daß Samy, ihr Schmerzenskind, bei einer Bank als Kontorist angeftellt wurde, und niemals nannte sie ihn anders, als: Mein Sohn, der Bankbeamte. Sie rühmte sich immer ihrer vorsorglichen Klugheit, welche den Bann gebrochen, der ihr Hans und ihre männliche Nachkommenschaft bedrohte. Ihr Gatte vermied es, ihr vorznhalten,. daß eben diese, ihre vermeintliche Klugheit, ihren Sohn au den Rand des Verderbens gebracht hatte. Er hätte mit einem solchen Vorwurfe nur einen Streit heraufbeschworen, der bei dem Charakter dieser exzentrischen Frau unberechenbare Folgen nach sich gezogen hätte. Er konnte es sich nicht verhehlen, daß deren an und für sich schwachen geistigen Kräfte im Laufe der Jahre noch mehr herabgekommen waren, und daß Sofiens Verstand fast ans Jdiotenhafte streifte. So konnte es noch als Glück betrachtet werden, als sie eines Tages, ein glückliches Lächeln um die Lippen, sanft und schmerzlos hinüberschlummerte, bevor der 'Verlust ihres Verstandes allzu fühlbar und allgemein bekannt geworden. Im Hause wurde Frau Sofie kaum vermißt. Schon viel früher hatte Melitta die Leitung des Hauswesens an sich genommen, und mit einer für ihr Alter auffallenden Klugheit und 'Würde gehandhabt. Treu und liebevll stand ihr die sanfte Ludmilla zur Seite, und Goldstein hätte so ruhig weitergelebt, wenn ihn nicht ein Ereignis aus. seiner Behaglichkeit aufgerüttelt hätte. Der Rabbiner trat als Freiwerber nm Melittas Hand für Doktor Markus Weiß auf. Da war Goldstein's alter Ahnenstolz wieder erwacht, und er wies die Zumutung, seine Tochter, den Sprößling eines alten Kaufmaunshanses. dem Sohne von Salme Bäck zur Frau zu geben, voll Entrüstung zurück. „Mit der Mitgift, die sie bekommt, kann sie in der renommiertesten Kaufmannsfamilie heiraten, ich kann doch nicht den alten Salme Bäck zu meinem Mechnten machen", nsw. Im Grunde war das nur ein Vorwand. Dem vereinsamten Witwer schien es schrecklich zu sein, sich von seinem guten Geiste, der seinem Hanse auf so vollendete Weise Vorstand, zu trennen, und seine Abweisung war mehr das Produkt seiner Selbstliebe als seines Ehrgeizes. Er hatte bisher den Gedanken, daß es an der Zeit sei, seine älteste Tochter zn verheiraten, von sich gewiesen und Vogel Strauß-Politik getrieben. Umsonst zitierte ihm sein gelehrter Freund den talmndischeu Spruch: „Ist man aber schon dein Töchterlein Und ist sie keinem Freier recht. So setze dir zum Eidam ein Den freigelassenen eigenen Knecht." „Wenn unsere Weisen einen solchen Schwiegersohn zulassen, wievielmehr würden sie einen Mann von der Stellung, den Kenntnissen und dem Charakter eines Dr. Weiß empfehlen." Aber nichts nützte. Für den eigensinnigen Goldstein war der Bewerber nicht der hochgeachtete, allgemein beliebte Stadtnrzt, sondern der Sohn des Gemeindebäckers Salmele, welcher sich von der ersten besten Köchin Grobheiten gefallen lassen mußte, wenn ihr Gebäck nicht Farbennuance erhielt, wie sie es liebte, oder im Schalet gesetzte Kugel augebrannt wäre. Für die beiden Liebenden waren traurige Zeiten angebrochen. Dem Stolze des reichen Kaufmannes setzte Doktor Weiß seinen Gelehrtenstolz entgegen. So schonend ihm auch der Rabbiner die Absage mitgeteilt hatte, so tief beleidigt fühlte er sich. Er tat einen heiligen Schwur, daß er sich nicht mehr unterwerfen werde, und so lieb er auch Melitta habe, sie nicht eher heimzuführen gedenke, bis Goldstein sie ihm ans eigenem Antriebe geben werde. Das waren schlechte Aussichten für das liebende Mädchen, um so mehr, als ein anderer Bewerber nm ihre Hand in der Person des Sohnes eines Geschäftsfreundes ihres Vaters austauchte. Dieser junge Mann stellte sich im Hause Goldftein vor und war alsbald von dem stillen Liebreiz des ihm zngedachten Mädchens derart gefesselt, daß er ihr bei der ersten Gelegenheit seine Liebe gestand und um Gegenliebe flehte. Melitta erklärte ihm offen, daß ihr Herz nicht mehr frei sei, und daß sie niemand anderm als ihrem Jugendfreunde Doktor Weiß ihre Hand reichen werde. Den jungen Mann hatte dieses Geständnis sehr betrübt, jedoch wußte er dem aufrichtigen Mädchen Dank, daß sie nicht, wie manches andere, mit der Liebe zn einem anderen, in den Ehebund treten wollte, diesen im Vornherein entweihend. Als ihn Goldstein um das Resultat seiner Bewerbung bei Melitta befragte, setzte der junge Mann alle Hebel in Bewegung, nm von dem starrsinnigen Vater die Einwilligung zn erhalten, daß Doktor Weiß wieder wie früher sein Hans besuchen dürfe. Er selbst überbrachte dem glücklichen Markus die Einladung Goldsteins und in seiner Begleitung war der Doktor auch nach langer Panse zu Goldstein gekommen. Bald danach wurde die offizielle Verlobung des liebenden Paares gefeiert und nach einiger Zeit fand bei Goldsteins ein glänzendes Hochzeitsfest statt. Bei dieser Hockzeitsfeier fand der jüngere der Weißischen Brüder, der Juris Doktor Jakob Weiß den Mut. der . zarten Ludmille seine Liebe zu gestehen und ihre Gegenliebe zu erflehen. Diese ward ihm zwar zugesichert, doch schien diese Liebe gänzlich aussichtslos zn sein. Wenn der angesehene Stadtarzt einen harten Kampf zu bestehen hatte, ehe es ihm gelang, die so lange Zeit heimlich Geliebte zu erringen, wie erst sollte es dem schlecht besoldeten Advokaturskandidaten ergehen, der noch viel weniger zn bieten hatte. (Fortsetzung folgt.)

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