Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I fe 29,. Die Wahrheit Seite 5. Sitzung unbeantwortet geblieben ist. 'Man nimmt an, daß sich Paris mit'einer derartigen losen Vereinigung der deutschen Mitglieder einverstanden erklärt, wenn sie je dem Zentralkomitee den Etat zur Genehmigung vorlegt. Aber gerade diese Frage blieb in der Sitzung unentschieden. Sie ist zwar formell abgelehnt worden, kann aber bei einer erneuten Abstimmung, die demnächst unter besserer Beteiligung stattsind.en soll, auch bejaht werden. Was die Deutschen mit dieser losen Vereinigung profitierenwerden, ist nicht ersichtlich. Da ihr keine Befugnisse zuerkannt werden, und selbst ihr durch eine Bestimmung beschränkter Ausgabeetat erst von Paris aus genehmigt werden muß, ist es nicht zu begreifen, warum nicht die Friedenskommission ganze Arbeit leistet und nicht die von Paris ans an die Deutschen gestellten Aufforderung, sich ihr auf Gnade und Ungnade und unter Verzichtleistnng auf jeden Versuch einer wie immer gearteten Sondergruppierung zu ergeben, glatt akzeptiert! Ein solcher Beschluß würde unter den bisherigen deutschen Mitgliedern eine reinliche Scheidung herbeiführen. Und damit wäre dem Frieden am besten und sichersten gedient. * * * In der am 7. Juli in Paris stattgehabten Generalversammlung der „Jca" erstattete der Vorsitzende einen Bericht über die Tätigkeit im abgelaufenen Jahre, den wir auszüglich wiedergeben: Das abgelaufene Jahr kann ein normales genannt werden, da keine außerordentlichen Ereignisse zu verzeichnen seien. Der Redner will darum die Frage beantworten, warum man überhaupt jüdische Kolonien gegründet habe. Er gibt zunächst eine kurze Uebersicht über die Entwicklung der Jndenfrage in Rußland und schildert dann das Kolonisationswerk der „Jca" in Südrnßland. So besitzt Cherson 21 jüdische Kolonien mit 3000 Familien und 19.000 Seelen. Ihnen wurden seit 1901 zirka 3000 Maschinen neu geliefert. In Bessarabien wurde hauptsächlich der Weinbau gefördert, auch die jüdischen Tabakpflanzer wurden unterstützt. In Nordasien wird der Obstbau betrieben. Die ihm fehlende Freiheit und Toleranz hat der russisch-' jüdische Bauer in den überseeischen Ländern gefunden, besonders in Argentinien, wo tausende jüdische Familien ans Polen und Rußland eine zweite Heimat gefunden. Die argentinischen Kolonien zählen 3619 jüdische Familien mit 20.038 Seelen. Sie besitzen 569.000 Hektar Land, 3000 Ochsen, zirka 23.000 Kühe, 1300 Stiere, 53.000 Pferde usw. In Brasilien sind 48 Familien mit 284 Seelen in der Kolonie Philippson angesiedelt. Andere Kolonien werden folgen. In Kanada hat die „Jca" den Emigranten Vorschüsse geleistet. Der Erfolg war günstig. In den Vereinigten Staaten haben die Kolonien wieder einen anderen Charakter, sie sind mehr kommerzieller, industrieller Natur. Es gibt dort bereits 3000 Niederlassungen mit mehr als 30.000 Seelen. In Palästina hat die Kolonisation mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen/ Schwierigkeiten, die teils in der Verwaltung, teils in der Bevölkerung ihren Ursprung haben. Daher ist es geradezu wunderbar, daß die jüdischen Kolonien sich trotzdem in günstiger Weise entwickeln konnten. Aber nur die wenigsten Zeitgenossen - haben eine Ahnung von den ungeheuren Opfern an Geld und Menschenleben, welche sie gekostet haben. Auch in Galizien hat die „Jca" eine Landwirtschaftsschule gegründet. Ferner befinden sich Gründungen dieser Gesellschaft in Klein-Asien, Cypern, der Türkei. -i- * Sie russische Regierung und ihre Verwaltungsorgane wenden alle möglichen und unmöglichen Mittel auf. um die Juden ihres gesetzlich ohnehin stark zugeschnittenen Wahlrechtes in die Duma zu berauben. Das Höchste nach dieser Richtung leistete sich, wie in der „Welt" mitgeteilt wird, der Gouverneur von Jekateriuoslaw, Herr I a k,u n i n. Der edle Satrap griff einfach zu dem bewährten Mittel der Progromdrohung. Er ließ den Gemeinderabbiner zu sich kommen und äußerte ihm seinen Willen darüber, daß die Juden anscheinend für die bevorstehenden Wahlen Interesse bekunden 'und sich an denselben aktiv beteiligen wollen. Die Juden hätten offenbar die Lehren der nahen Vergangenheit schon vergessen.- Sie sollten auch in Betracht ziehen, daß er. der Gouverneur, als echter Odessaer, kein Freund von kalten Waffen fei; die Ereignisse in den Leuaschen Bergwerken genierten ihn nicht im geringsten ... Am Schluffe „ermächtigte" er beu Rabbiner, der jüdischen Gemeinde von der Kanzel herab Mitteilung von seinen Worten zu machen. Diese unverhüllte Progromdrohung eines hohen staatlichen Würdenträgers ist auch für russische Verhältnisse ein starkes Stück. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die blutrünstige Rede des hochmögeuden Gouverneurs auf die jüdische Gemeinde Jekaterinoslaws, bei der der Progrom von 1905, einer der furchtbarsten, noch iu frischer Erinnerung ist, den „gewünschten" Eindruck gemacht hat. Die jüdischen Mitglieder sind bereits aus dem fortschrittlichen Wahlkomitee ausgetreten, und den Parteien der Reaktion wird der Sieg allem Anschein nach sehr leicht fallen. * -i- * Ueber eine neue judenfeindliche Verordnung der rumänischen Regierung wird aus Bukarest folgendes berichtet: Bisher waren sämtliche Studierenden an der medizinischen Fakultät der Bukarester Uttiversitüt von der Erfüllung ihrer Militärdienstpflicht bis zur Erreichung des 38. Lebensjahres befreit, damit sie ihr Studium ungehindert beenden konnten. Nunmehr hat das Kriegsministerium verfügt, daß die „Fremden" von dem Genuß dieses Vorrechtes ausgeschlossen bleiben. Die „Fremden" — das sind bekanntlich in der Terminologie der rumänischen Gesetzgebung die jüdischen Bewohner des Landes, auch wenn sie bereits seit vielen Generationen in Rumänien ansäßig sind. Die Folge dieser Ministerialverordnung wird also sein, daß die jüdischen Studenten nach ein- bis zweijährigem Universitätsbesuch ihre Studien unterbrechen müssen, um ihrer Heerespflicht zu genügen. Man bedenke, die rumänischen Juden, die unter Fremdenrecht stehen — ohne daß sie einem ausländischen Staatsverband angehören — müssen die Pflichten gegen das „Vaterland" strenger erfüllen als die Landeskinder, die sich im ungeschmälerten Genuß aller staatsbürgerlichen Rechte befinden. Die „Federation of Synagognes" in Kondor». Bon Mentor. Dieser große aus 48 Synagogengemeinden bestehende Verband hat vor kicrzem in der Person des Ung. Broder Rabbiners Dr. Jung einen Oberrabbiner gefunden, dem mau, nach den sympathischen Berichten der englischen Zeitungen zu schließen, allseits das wärmste Interesse entgegenbringt. Namentlich der „Jewish Chronicle", „Jewish World" und „Jewish Journal" bringen spaltenlauge Berichte über die Zustände in den der Federation unterstehenden Gemeinden und erhoffen von dem neuen Oberhaupte, dem sie große Energie und bewährtes Organisationstalent nachrühmen, einen vollständigen Umschwung in den wichtigsten jüdischen Fragen der Londoner Judenheit. So schreibt der „I CH." vom 21. Juni 1912: „Herzliches Willkommen tönt von allen Seiten Dr. Jung entgegen, dessen offizielle Einführung am letzten Sonntag iu der großen Synagoge stattfand. Seine begeisterte Rede und der gute Ruf, den er vom Kontinente mitbringt, rechtfertigen die großen Hoffnungen. die man au seine Person knüpft und bilden eine wertvolle Beigabe zu seinem persönlichen Werte. Wenn Dr. Jung in den Verhältnissen des East-Endes eine Besserung herbeiführen wird, ist ihm der aufrichtigste Darrt von London-E. und London-W. gewiß. Dr. Jung ist im formellen Sinne Oberrabbiner der „Federation of Synagogues"; tatsächlich hat er den einflußreichsten Wirkungskreis innerhalb der englischen Judenheit erhalten. Denn in seiner großen Gemeinde ist jüdischer Sinn rrnd jüdisches Wissen im hohen Maße vertreten, während die ^United Synagogues" zum großen Teile demJudentum indifferent gegenüberstehendeMitglieder besitzt. In feiner Rede ' betonte Dr. Jung, daß er seine Arbeit mit der Reorganisation des Schulwesens und der Erziehung beginnen werde. Es scheint uns ganz richtig, hier den Hebel