Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 6. Die Wahrheit Nr. 29. anzusetzen, daß Dr. Jung, der auf diesem Gebiete Großes geleistet hat, auch hier Erfolge erzielen wird." Der „Jewish World" schreibt unter dem Titel: „Ein e neue Epoche": Die Installation des Dr. Jung als Oberrabbiner ist nun vollzogene Tatsache. . . Es ist kein Zweifel, daß der nengewählte Mann all. die Qualifikationen besitzt, die die Leitung einer so großen Vereinigung erfordert.. Er ist ein anerkannter Schulmann, ein tüchtiger Redner, ein Mann von ernstem Willen und ein Organisationstalent; er hat einen tiefen Einblick in die Probleme, die die Inden des Westens beschäftigen und besitzt einen feurigen Arbeitsmut. „Erziehung" war der Refrain seiner Antrittsrede und diese will er zum maßgebenden Faktor des englisch-jüdischen Lebens heransbilden. Wir schütteln ihm die Hände, indem wir unser herzlichstes Einverständnis zu diesem Plane knndgeben. Ein Mann, so begabt, wie Dr. Jung, betraut mit der geistigen Führung so vieler Männer und Frauen, soll die besten Wünsche für sein Wirken znm Wohle der Gemeinde aus vollstem Herzen erhalten. Wir sind von Dr. Jungs Gelehrsamkeit überzeugt und sprechen die Hoffnung ans, daß sein Charakter und seine Entschlossenheit alle Schwierigkeiten glücklich überwinden werden. Ein neues Kapitel in der Geschichte der englisch e n Iudeuheit hat begonnen. Wir vertrauen Dr. Jung, daß er feinen Einfluß verwenden wird, um alles in Harmonie und Frieden zu erwirken. Dann wird nicht nur „East" sondern auch „West" ihm Lob und Dank zollen." Der „Jewish Journal", ein Jargonblatt, bemerkt: „Leute, die Dr.Jung kennen, schildern ihn als „wollen“ Juden, voll Freundlichkeit, mit allen Eigenschaften eines echten Talmid-Chochem im besten Sinne des Wortes. Wir haben sogar schon eine Kritik über ihn gehört: „A Beßmedresch Jid kummt arein und sogt: Ba, Dr. Jung wet kein starken Einfluß nit hoben! — Vorwos? — Er halt sich pofchel! Wenn der Beßmedresch-Jid mit seiner Auffassung recht hätte, daß nur solche Rabbiner großen Einfluß haben können, die aus uns vom hohen Turm herabschauen, so wäre es wahrlich nicht nötig gewesen, sicheinen Rabbiner aus Mähren zu verschreiben. Wir glauben' aber, der Beßmedresch-Jid wird üMer^den „äßoroh batlonim“ bleiben und alle Juden werden einsehen, daß gerade die Einfachheit Dr. Jungs ein großer Vorzug ist ..." Der „Jewish Chronicle" bringt einen ausführlichen Auszug der Rede, sämtliche Londoner Tageszeitungen veröffentlichten Berichte über die Installation. Die Vorgeschichte der Wahl Dr. Jungs entbehrt nicht einer gewissen Besonderheit. Die Stelle des Oberrabbiners der Federation wurde auf die Initiative des alten Lord Swaythling geschaffen. Vor 3 Jahren veröffentlichte man einen Konkurs, in dem Rabbiner des Kontinents aufgefordert wurden, sich um dieses Amt zu bewerben. Die Federation verlangte das philosophische Doktorat und vollständige Beherrschung der rabbinischtalmudischen Literatur, ersteres. weil Lord Swaythling dem Oberrabbiner der Federation, als mit dem Chief-Rabbi gleichberechtigt nach außen hin einen möglichst großen Einfluß eingeräuml wissen wollte, letztere mit Rücksicht auf die hervorragenden talmndischen Größen Londons. Die Federation ging dabei anfangs ganz wahllos vor und berief zuerst Rabbiner Dr. Seeliger aus Krakau und fast zu gleicher Zeit, Rabbiner M. Duschinfki aus Rakos-Palota zu Probepredigten. Dr. Seeliger, ein bedeutender Talmdist und Hebräer, entsprach anscheinend den Anforderungen nicht, trotzdem er ein genauer Kenner der jüdischen Interessen Ost-Londons ist. Gerade das Letztere ging dem zweiten Probekandidaten Rabbiner M. Duschinski ab, der, in eiuem anderen Milieu ausgewachsen, die für die Stelle notwendige besondere Eignung nicht besaß. — Nun ruhte die Federation zum Scheine. Auch starb der alte Lord Swaythling und es schien, als ob das ganze Projekt fallen gelassen wäre. Inzwischen hatte aber eine Sitzung der einzelnen Vorsteher der Federation beschlossen, an die führenden Rabbiner des Kontigents heranzutreten und die von diesen empfohlenen Rabbiner durch eine Deputation besuchen zu lassen. Zugleich wurden die Aufnahmsbedingnngen, die vordem' bloß provisorisch waren, mit. Rücksicht ans die neue Sachlage definitiv erledigt. Gewählt wurde unter den 3 vorgeschlagenen Bewerbern (2 Reichsdentsche, 1' Oesterreicher), der Ung. Broder Rabbiner. Dr. 'Jung,' 'der infolge seiner vielseitigen Tätigkeit in^ innigstem Kontakte mit den Inden Rußlands. Galiziens lind Üngarns einerseits.stand, andererseits durch seine Schulgründungen ,der Federation als der geeignete Mann,. das englisch-jüdische Schulwesen zu reorganisieren, erscheinen mußte.; Die vielen einzelnen Rabbiner der Federation, unter denen wohl' mancher scheel auf das -neue Oberhaupt blickten, besänftigte Dr. Jung durch seine bescheidene Bitte in der Antrittsrede, in der er sie bat, ihm als treue Mitarbeiter zur Seite zu stehen. Semigotha- Unter diesem Titel ist kürzlich im Kyffhänser-Verlag in Weimar ein gemeines Machwerk erschienen, das den Gothaer Adelskalender nachahmend, eine Uebersicht der „verjudeten Adeligen" und „adeligen Juden" gibt, aber durch den Zynismus und die Leichtfertigkeit seiner angeblich historischen Konstatierungen die Tendenz der antisemitischen Hetze zweifellos dartut. Um unseren Lesern das Urteil über dieses Pamphlet zu erleichtern, geben wir im Nachfolgenden eine im „Neuen Budapester Abendblatt" jüngst veröffentlichte Besprechung des mittlerweile von der Weimarer Staatsanwaltschaft konfiszierten „Semigotha" wieder: Ein eleganter Band liegt vor uns: am Rücken trägt er in jüdischen Lettern das Wort Jehudcr und darunter steht Semigothe. Gebunden laut Erklärung des Verlages : gelb. Gelb war der Fleck, den die Juden bis 1871 tragen mußten inib silber-gold und ft 16er waren die. Landesfarben im alten. Königreich Juda. Und das Buch bezeichnet sich als „Matrikel des gesamten Adels jüdischer Herkunft". Ein antisemitisches Machwerk, welches sich wohl „historisch-genealoges" (statt: genealogisches!) Taschenbuch nennt, aber weder historisch, noch genealogisch ist, schwere, grobe Jrrtümer enthält und den jüdischen Ursprung mancher Adelsfamilien in der naivsten Art Nachweisen will.' Nichts als Vermutungen, Gerüchte und. bloßes Gerede — die rein antisemitische Tendenz tritt fast' auf jeder Seite in der aufdringlichsten Weise zu Tage. Bezeichnend ist es, -daß das Buch nicht durch den Buchhandel zn beziehen ist. Buchhändler,: die es verlangen, erhalten vom Verlag folgende Verständigung: „Wir bedauern, an Sortimenter nicht abgeben zu können, weil das Redaktionskomitee nicht .wünscht, daß-das Taschenbuch in jüdische Hände gelange." Blättern wir einmal in dem Buche. / Ganz „Gotha" kopierend, hat es ein Titelbild: Men elik, Negns von Aetheopien, den das Taschenbuch als „jüdischen Kaiser" an die Spitze stellt. Noch ein regierender Fürst wird als Judenstämmling bezeichnet: König Danilo von Montenegro, von Venetianer Handelsjuden abstammend, am Auge und Nasenwurzel der spezifisch jüdische Zug — seine Tochter Prinzessin Anna verheiratete er mit dem Prinzen Franz Joses von Battenberg, dessen jüdische Genesis „außer Zweifel" steht. Judenstämmlinge auf dem Papstthrone sind neun. Der . letzte Pius IX., dessen Bild „unverkennbar die Physiognomie eines jüdischen Beau zeigen." Den Kardinalshnt trugen 16 den sich Torqnemada, Rampolla. Fraknoi (eigentlich Frankl) anschließen. Dann folgen 5 Jndenstümmlinge.. Darunter befinden sich Marschälle, 113 Generäle, 23 Oberste und 10 Admiräle. . In der Einleitung läßt sich der Almanach des Langen und Breiten aus über die „wissenschaftliche" Seite der Frage und tischt Sentenzen auf, wie z. B. : „Taufe und sogar Kreuzung nützen gar nichts — bei jeglicher Verbindung mit jeglichem Weibe ist die-jüdische Raffe chominirend: es werden junge Inden daraus!" ' Dann folgen vier Abteilungen: I. Für sten Nass e.; Wie der Semigotha arbeitet, geht aus, der .Begründung hervor,.mit der er die Borghese in die Judenstämmlinge,einreiht: