Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 29. soll von Zeit-zu Zeit im Wege einer periodischen Druckschrift der Oeffemlichkeit dekanntgegeben werden. I. Organisierung des Emigrationswesens durch Gründung von Emigrationsbureaux für Emigranten, in welchen den jüdischen Auswanderern genaueste und verläßlichste Daten über alle die Emigration betreffenden Fragen erteilt werden sollen. 3. Rechtschutz der Emigranten, besonders aber Schutz vor Ausbeutung durch gewissenlose Agenten, Gründung von Arbeitsvermittluugsbureaux usw. Der Landesverband wird in allen größeren und kleinen Städten in Galizien Ortsgruppen, Vertrauensmänner und korrespondierende Mitglieder haben, um auf diese Weise das gesamte Emigrationswesen im Lande zu beherrschen und die verläßlichsten statistischen Daten zu erlangen. * * . . * w lieber die Teilnahme der jüdischen Abgeordneten an der letzten Parlamentskrise in Ungarn schreibt die „Ungarländische jüdische Zeitung: „Im gegenwärtigen politischen Kampfe in Ungarn spielen, die jüdischen Abgeordneten eine hervorragende Rolle. Von einer spezifisch-jüdischen Politik, für die das ungarische Judentum doch in erster Reihe prädistiniert wäre, ist keine Rede. Die jüdischen Politiker verfechten mit viel Geschick und Hingabe in beiden Lagern ihre Ueberzeugnng. Ein allerdings zweifelhafte Berühmtheit hat der Attentäter Kovacs erlangt, der der Familie Straßer im Somogyer Komitat entstammt und mit den orthodoxen Rabbinern von Tokaj und Debreczeu in entfernter Verwandtschaft steht. Unter den wertvollsten Mitgliedern der Justh-Partei nennt man immer Samn Bakonyi. Seine Hingabe für die Sache und sein bewährter Rat sind hochgeschätzt und er gilt als einer der populärsten Parlamentarier Ungarns. Ans der Seile der Regierungspartei hat sich der jüdische Abgeordnete Julius Vadasz mit seinem Referate über die Verschärfung der Hausordnung einen gewissen Namen gemacht. Von den meritorischen Meinungsverschiedenheiten abgesehen, muß gestanden werden, daß Vadasz bei der Lösung seiner- Aufgabe hervorragende Fähigkeiten gezeigt hat. Eine mindererquickliche Aufgabe hat Darvai als Referent des Jmmnnitätsausschusses zuerteilt erhalten,- der die Ausschließung von 60 Abgeordneten anordnete. Daß der Jude sich stets zum Sündenbock gut qualifizierte, zeigt die peinliche Affaire des jüdischen Abgeordneten Nagy, den „Pesti Hirlap" in unbarmherziger Weise bloßstellte. Nagy verlangte die Einrückung einer Erwiderung oder Satisfaktion, und überfiel, nachdem ihm beides versagt wurde, den Redakteur auf der Straße, angeblich mit einem Revolver. Hieraus resultieren zwei gegenseitige Klagen, in deren Verlaufe mehr Licht in die Sache gebracht werden wird. Vaszonyi, bisher der populärste der jüdischen Abgeordneten, glänzt bei diesem Kampfe mit seiner Zurückhaltung. Eine ältere, chronisch gewordene Verschnupfnng mit der koalierten Partei hindert am offenen Auftreten. Eine von ihm jüngsthin verfaßte Resolution für das allgemeine Wahlrecht vermeidet sonst jede Stellungnahme für die eine oder die andere Partei. Der Justh- Parteiler Bela Kelemen zählt auch zu den ausgeschlossenen Abgeordneten. hat aber, trotzdem er oft und gerne gehört wurde, jetzt keine bemerkenswerte Rolle gespielt. Paul Sandor hat feiner Loyalität damit Nachdruck verliehen, daß er von der sondierenden Liga des Wahlrechtes ausgetreten ist, um nicht gegen Tisza zu demonstriereu. Im Vorjahre hat er zuliebe des allgemeinen Wahlrechtes gegen Tisza Stellung gennmmen. Jetzt aber geht er mit der Liga in der Kontremine und mit Tisza a la Hausse. Diese feine Empfindsamkeit für die Tendenz ist am Weizenmarkte ebenso glückbringend wie in der Politik." * * -i- . Die Breslauer Handelskammer hielt vor kurzem eine Vollsitzung ab, in welcher der Syndikus Prof. Riefenfeld über die Stellungnahme der Kammer znm Entwürfe eines Reichsgesetzes, durch das die Sonntagsruhe neu geregelt werden soll, berichtete. Die völlige Sonntagsruhe würde einen besonderen Nachteil für die am Sabbath geschlossenen Geschäfte bedeuten. Seit geraumer Zeit wird daher lebhaft über die Frage gestritten, ob das kommende Gesetz eine besondere Bestimmung über die Sonntagsarbeit der „gesetzestrenen" jüdischen Kaufieute enthalten solle. Es handelt sich um Firmen, die am Sabbath 'und an beu jüdischen Feiertagen ihre Läden völlig geschlossen halten und ihren Geschäftsbetrieb ganz ruhen lassen. Sie verlangen, daß es ihnen erlaubt sein soll, ihre jüdischen, nicht auch ihre christlichen Angestellten, Sonntags fünf Stunden lang zu beschäftigen. Es sei das eine Forderung der Billigkeit und der Zweckmäßigkeit; denn wenn die jüdischen Angestellten am Sabbath frei hätten, könnten sie ganz gut am Vormittage des Sonntags einige Stunden schaffen. Zwei volle Feiertage in der Woche könne kein Angestellter verlangen; das Geschäft würde zu sehr darunter leiden, weil man am Sonntag nichts uachholen könnte. Die Kammer hat deshalb .schon aus früherem Anlaß die Regierung gebeten, daß es bei gesetzlicher Einführung der Sountagsrnhe solchen Geschäflen gestaltet werden möge, an den Sonntagen die jüdischen Angestellten eine gewisse Zeit zu beschäftigen. Obwohl die Verbände der Angestellten gegen dieses Verlangen heftig stritten, ist es im Entwurf als gerechtfertigt, anerkanntworden. Der neue Gesetzentwurf gestattet die Beschäftigung bis zur Dauer von fünf Stunden. Da die Handlungsgehilfenverbände hiergegen Einspruch erhoben hatten, haben die betreffenden jüdischen Kaufieute die Kammer dringend gebeten, für Anfrechterhaltung der im Entwürfe vorgesehenen Bestimmung einzutreten. Der Kleinhandelansschuß der Kammer will in Verfolg seines früheren Verhaltens der Bitte Nachkommen. Weil. aber der Entwurf nach Ankündigung im Erlaß der Minister des Innern, des Handels und des Kultus umfassende Aendernngen erfahren dürfte, und weil die Angestellten ihren Kampf fortsetzen, haben sich die treu an den jüdischen Glanbenssatznngen festhaltenden Kaufieute in Breslau, sowie in vielen anderen Städten, zusammengeschlossen. um gemeinsam bei den gesetzgebenden Körperschaften zu bewirken, daß ihr Wunsch erfüllt werde. . . . ' ' # Die in unserer letzten Nummer veröffentlichte Nachricht über die Tätigkeit der Friedenskommission der deutschen Mitglieder der A. I. II. wird durch folgende Mitteilung des „Israelit" über die neuesten Phasen des Allianz-Kampfes ergänzt: „Deutsche Konferenzgemeinschaft", „Deutsches Landeskomitee" , Deutsches Reichskomitee" und Vereinigung der deutschen Mitglieder der Allianz". An diese vier Namen wird sich der Historiker halten müssen, wenn er einst daran gehen sollte, die Phasen des Kampfes innerhalb der Alliance zu bezeichnen. welchen beizulegen eine unter der energischen Leitung des Herrn Landtagsabgeordneten Wolff-Lassa stehende Friedenskommission sich seit Wochen alle erdenkliche Mühe gibt. Bekanntlich wurde die deutsche Konferenzgemeinschaft, da sie den Parisern nicht zu Willen war, vom Zentralkomitee kurzerhand aufgelöst. Ein in den Agoniestunden , der Konferenzgemeinschaft gegründetes „Deutsches Landeskomitee" wurde als null und nichtig erklärt und fiel umso eher in sich zusammen, als die süddeutschen Lokalkomitees Berlin in 'den Rücken fielen und auf französischer Seite gegen die „deutschen Sonderbestrebnngen" kämpften. Nun erfährt man aus den Arbeiten der Friedenskommission, daß sie am letzten Sonntag im Verwaltungsgebäude der Berliner jüdischen Gemeinde eine geheime Sitzung abgehälten hat, die in sechsstündiger Beratung das in der vorhergehenden Karlsbader Versammlung in aller Stille gegründete „Deutsche Reichskomittee der Alliance Jsraelite Universelle" auslöste und an dessen Stelle eine „Vereinigung der deutschen Mitglieder der Alliance" ins Dasein rief. Der in Karlsbad als Representativorgan beschlossene Ausschuß soll nicht 60, sondern nur 31 Mitglieder haben. Im Gegensätze zu der bisherigen deutschen Körperschaft der. Alliance ist es-für die Vereinigung nicht erforderlich, daß sie ihren Sitz in Berlin hat. Der Name des Bureaus kann, wie bisher „Deutsches Bureau der Alliance Jsraelite Universelle" bleiben. Den von Paris aus gemachten Einwendungen gegen das schlechte Haushalten der Deutschen K. G. soll durch eine Bestimmung begegnet werden, wonach die Höhe der Ausgaben für Bureau und Propaganda einen bestimmten Prozentsatz der Einnahmen (20. Prozent) nicht übersteigendarf. Die Hauptfrage, um die sich der ganze Streit dreht, ist die Frage der Abhängigkeit von Paris, die aber in dieser