Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seitdem die nationale, und antisemitische Couleur bei den Deutschen in Czernowitz stärkeren Anllang gesunden hat, mehren sich die Mißhelligkeiten zwischen' dem jüdischen und deutschen Gemeinderatsklnb, die früher in vollster Harmonie lebten. Es kam wiederholt zu scharfen Auseinandersetzungen, besonders übergab das Verhalten des deutschen Klubs in der Schulangelegenheit Anlaß zu gerechter Mißstimmung auf jüdischer Seite. Es ist erwiesen, daß in fast allen kommunalen Schulen die jüdischen Schüler die Majorität bilden, demgemäß laut § 48 des Reichsvolksschulgesetzes der Schulleiter der konfessionellen Mehrheit angehören müßte, aber trotzdem gibt es bis heute keinen jüdischen Oberlehrer in Czernowitz und die Deutschen bieten alles Mögliche auf, um das Gesetz zuungunsten der jüdischen Lehrer zu umgehen. Diese Tatsache muß man vorausschicken, wenn man den jüngsten Beschluß des Czernowitzer Stadtschulrates, mit Beginn des Schuljahres 1912/13 die konfessionelle Scheidung der Schulen einzuführen, richtig beurteilen will. Es ist der umgekehrte Vorgang, wie er in Wien seitens der christlichsozialen Machthabergeübt wird. Hier wird die Minorität, dort die Majorität—in beiden Fällen die Juden — gewaltsam um ihr Recht verkürzt. Der Bürgermeister von Czernowitz, Freiherr v. Fürth, versucht, in der „Neuen Freien Presse" der Sache folgende, harmlose Darstellung zu geben: „In unserer Stadt leben römisch-katholische, protestantische und jüdische Deutsche, welche zusammen die Mehrheit der ganzen Bevölkerung ansmachen; dann gibt es hier griechisch-orientalische Rumänen und Ruthenen, welche teils griechisch-katholischen, teils griechisch-orientalischen Glaubens sind, und endlich römischkatholische Polen. Die Rumänen bewohnen in kompakten Massen die fünf Vorstädte, 'die Ruthenen mehr die Peripherie der Stadt, während die christlichen Deutschen mit den Juden, Polen und anderen zusammen die innere Stadt bevölkern. Außerdem sind die christlichen Deutschen nur in einer Vorstadt in großer Zahl vertreten. .Bis in die jüngste Zeit waren alle achtzehn städtischen Schulen utraqnistisch-deutsch; dann ist mau an die Nationalisierung der Schulen geschritten, indem man die uichtdemscheu Kinder in eigene Klassen vereinigt hat, ans welchen nnnmehr durch entsprechende Zusammenziehung im kommenden Schuljahr 1912/13 selbständige nationale Schulen (konfessionelle Schulen) gebildet werden sollen. In den Vorstädten, wo die Bevölkerung nach, Nationalität und Religion mehr einheitlich ist, ist das leichterdurchführbar,. als in der inneren Stadt, wo eine gemischte Bevölkerung vorherrscht. Nnn wurde seitens der römisch-katholischen Kirchenbehörde immer darüber Klage geführt, daß der Religionsunterricht dadurch schwer leide, daß die Kinder dieses Glaubens auf alle Klassen aller Schulen verteilt sind. In Konsequenz dessen wurde mit Nachdruck verlangt, es sollten die römisch-katholischen Kinder in zwei innerstädtischen, reindeutschen Schulen vereinigt werden. Ein solcher Antrag ist in der Stadtschulratssitzung vom 10. d. M. mit Stimmenmehrheit angenommen worden. Die christlich-deutschen Mitglieder des Stadtschulrates haben dem Antrag zugestimmt, um sich dadurch an diesen beiden Schulen die Schulleiterstellen zu sichern, was schon seit langem den Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen den christlichen nnd jüdischen Deutschen bildete. Die Juden haben gegen diesen Beschluß ein Miuoritätsvotum augemeldet und den Rekurs ergriffen. Wenn auch der Stadtschulrat durch seinen Beschluß nicht die Konfessionalisierung aller Schulen bezweckt hat, muß doch zugegeben werden, daß durch die Zusammeuziehuug aller christlich-deutschen Kinder an zwei Schulen auch auf die konfessionellen Verhältnisse in den übrigen Volksschulen und damit ans die Oberlehrerstellen u. s. w. Einfluß genommen wird. Die Entscheidung über diese Angelegenheit, die die gesamte Bevölkerung unserer Stadt in Atem hält, liegt nunmehr beim Landesschulrat." Aus dem Wege der Koufessionalität wollen sich die Deutschen eine Anzahl von Schulleiterstellen sichern, aber wie sie es bisher getan, werden sie auch fernerhin alles Mögliche ausbieten, um die Ernennung jüdischer Schulleiter zu verhindern. Von Tag zu Tag zeigt es sich immer mehr, wie unnatürlich es war, die Inden und die Deutschen in der Bukowina zusammenzuspannen. Die ersteren werden trotz ihrer Majorität immer den Kürzeren ziehen. * * * Eine Anzahl jüdischer Persönlichkeiten in Krakau hat, angeregt durch die Erfahrungen während der letzten Regierungsenquete über die Emigrationsfrage in Galizien sich entschlossen, einen Landesverband für jüdische Statistik und Emigrationswesen in Galizien mit dem Sitze in Krakau ins Leben zu rufen. Die Statuten des Verbandes wurden bereits der kompetenten Behörde zur Genehmigung überreicht. Sobald dieselbe herabgelangt ist, wird der Verband seine schon lange entbehrte Tätigkeit beginnen. Die Hanpttätigkeit des Verbandes wird sich nach zwei Richtungen erstrecken: 1. Sammlung und Veröffentlichung genauer statistischer Daten aus dem gesamten jüdischen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Leben.der Inden in Galizien. Dieses Material