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Die Wahrheit · 1912-07-19 · Heft 28 (19.7.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 28 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 0. Nr. 28. Der Chasan. ein Künstler. Bon H. Translatenr, Miltenberg a. M. Der Streit, ob in der Synagoge der knnftgerechte Sologesang oder der althergebrachte Gesangsstyl mit seiner individualistischen Ausprägung zur Herrschaft kommen soll und ob der Schwerpunkt des jüdischen Gottesdienstes im gesanglichen oder im sprachlichen Können zu suchen sei, ist im Grunde genommen ein müßiger. Der Kantor sei in seinem Berufe ein echter und rechter Künstler! — Jawohl, ein Künstler sei er, der mit möglichst wenig Dekorationslind Kunstmitteln die höchsten Effekte erzielt -und zur Andacht und Begeisterung hinreißt; er sei Künstler nicht als Selbstzweck, sondern seine Kunst vergeistige sich zu den höheren Sphären der Andacht. Wie ans jedem Gebiete der Knust, so ist es auch auf dem Gebiete des Synagogenkunstgesanges: Die Wahrheit liegt in der goldenen Mitte und vereinigt sich hier zu praktischen, lebensvollen Formen. Der Synagogengesang muß wie jeder Gesang auf kräftiger, sprachlicher Basis beruhen. Deshalb verlangt der jüdische Gottesdienst eine durchaus harmonische Verbindung von Sprache und Gesang. Während der christliche Kultus nur Andacht, höchste Feierlichkeit und pedantische Formenstarrheit verlangt, ist der jüdische Gottesdienst in seinem Wesen ein durchaus künstlerischer, schon deswegen, iveil er vielfach die Psalmen in ihrer wohllautenden Tonfülle und Poetischen Kraft herauzieht. Er ist aber hauptsächlich deswegen als ein künstlerischer zu bezeichnen, weiter neben der Andacht auch Begeisterung, neben dem Ernst mib der feierlichen Formenstrenge auch freudige Stimmung, neben der ernsten Selbstprüfnng als Vorstufe zum eigentlichen Gottesdienst auch Seelenschwnng verlangt. Deshalb kann auch der jüdische Gottesdienst, da er in seinem innersten Wesen künstlerisch ist, ans äußere Knnstformeu der Plastik und Instrumentalmusik verzichten. Umsomehr muß die Kunst der Rhetorik, der Deklamation und des Gesanges in den Dienst der Herzensandacht gestellt werden und in unseren Synagogen eine würdige Pftegestätte finden. Der Kantor der Neuzeit sei vor allem ein gewandter .und geschulter Deklamator, und dies erfordert wiederum, daß er ein souveräner Beherrscher der hebräischen Sprache und der synagogalen Liturgie sei. Jede feinste Abstufung der an Synonymen reichen hebräischen Sprache, jede leiseste Andeutung in jenen Klinstdichtnngen der Psalmen und biblischen Lieder muß beobachtet werden, um die Stimmungen und Empfindungen des Dichtergenins den spätesten Geschlechtern zu übermitteln. -Der Kantor darf sich nicht damit begnügen, die hebräische Sprache und deren grammatikalische Gesetze wie die englischen oder sran- .zösischen zum Zwecke der Konversation oder Korrespondenz zu erlernen, sondern sie will weniger mit dem Verstände und dem Gedächtnis, als hauptsächlich mit dem Gemüte und tiefster .Herzenskraft erfaßt sein. Nur der ist imstande, der totgesagten hebräischen Sprache neues Leben, neuen Geist und erbauende Kraft einznhauchen, der selbst im tiefsten Herzensgründe von jenem Geiste der hebräischen Poesie durchdrungen und gesättigt ist. Ein Chasan muß schon deswegen ein gründlicher Kenner der hebräischen Gebets¬ und Bibelsprache sein, weil er nicht nur fremde Kompositonen stilgerecht mit persönlicher Gemütsfärbung vortragen soll, sondern .weil seine Kunst hauptsächlich in der selbständigen, künstlerisch freien Gestaltung eines Motivs, eines traditionellen Rezitativs besteht. Nur dadurch kann der jüdische Gottesdienst an Werktagen vor Einförmigkeit bewahrt werden, indem es dem Kantor gelingt, den rezirativischen Rohstoff künstlerisch auszuarbeit'en und ihm stets neue Gefühle und Stimmungen abznlauschen. Denken wir nur an das Hauptgebet an Werktagen; wie abstumpfend und jedes ästhetische Gefühl ertötend muß doch “bie 30—40fache Wiederholung eines kleinen Motivs innerhalb 15—20 Minuten sein, wenn der Chasan es nicht versteht, seine -ganze Empfinduugskraft in den Text hineinznlegen und mit großer Gefühlswärme die sprachliche Masse zu dnrchdringen. Der -Vorbeter muß in seinem Vortrage aus der Thora und den übrigen biblischen Büchern ein Meister der Deklamation sein, wenn er nicht seine Zuhörer ermüden und vielleicht auch langweilen will. Kiuoth. Selichoth, Piutim (Klagelieder Bußgebete und sonstige größere syuagogale Liturgien) können mit Verständnis nur von denen wiedergegebeu werden, die jene meist schwierigen Dichtungsformen geistig und sprachlich beherrschen. Hier ist ein systematisches, gründliches und langjähriges Studium unbedingt nötig. Der Chasan als Rezitator muß ein feiner Psychologe sein, um in der umfangreichen Skala von Gefühlen und Stimmungen die entsprechenden Töne in ihren verschiedenartigen stimmlichen Färbungen wiederzngeben. Der Chasan muß aber auch neben einem gewissen Maß von Stiminenmaterial die Grundsätze der Phonetik, die allgemeinen Sprechregelu kennen und bei den Rezitationen und Gesängen anwenden. Doch genug der Anforderungen, genug des „Muß" und des „Soll" in Anbetracht der oft mangelhaften Daseinsbedingungen im Kantorenlebeu. Versuche es jeder, der Lust und Liebe zur hebräischen Sprache und zum Synagogengesang hat. sich in der angedenteten Weise tüchtig und gründlich fortznbilden, trotz aller Schwierigkeiten und Hemmnisse, die sich meistens dem Kantor entgegenstellen; versuche es jeder, der sich den Namen eines Vorbeiers, Vorsängers. Chasan, Schlliach-Zibbur oder Kantors beilegt, wenigstens ein der Knust Beflissener, ein angehender Künstler zu sein; denn Gran, Freund, ist alle Theorie; Doch grün des Lebens goldener Baum. Ans Marienbad. Es ist eine alte Gewohnheit von mir, in jedem Badeorte, wo ich zur Kur weile, regelmäßig den Freitag- und Samstag-Gotresdieust zu besuchen. Einmal ans dem Grunde, weil ich durch diesen Besuch gerade als Patient eine besonders wohltuende seelische Befriedigung darin finde, wodurch der Knrerfvlg ganz bedeutend unterstützt wird — was mir übrigens von anderen Kurgästen ihrerseits bestätigt wird — und zweitens bin ich ein großer Freund der Synagogenmusik und ihrer Interpreten. der Kantoren — der Träger des jüdischen Gottesdienstes. Ich besuchte daher auch wiederholt die Gottesdienste des hiesigen Tempels nnd freute mich, einem so schönen, geordneten Gottesdienst mit Orgel uud Chor beiwohnen zu können. Der hiesigeKnltusvorstand ist sich seiner verantwortungsvollen Ausgabe voll uud ganz bewußt, daß in Marienbad, diesem Weltknrorte, ein würdiger Gottesdienst startfinden muß. In dieser Richtung wird der Vorstand von dem bewährten Oberkautor Herrn Goldeuberg auss beste unterstützt. Herr Oberkantor Goldenberg ist ein Kantor noch aus der alten Schule, ein gebildeter Sänger dabei, der mit seinem sympatischen Tenor, der wohl nicht mehr die Blüte der Jugend anszuweisen hat, doch aber durch die sympathische und ausdrucksvolle Vortragsweise die Herzen der Beter zu ergreifen vermag, so daß man ihm mit Andacht zuhören kann. Seine Rezitative im Haschkiwenu oder l’fonow naawod in polnischer Weise sind osr von ergreifender Wirkung. Ein besonderes Lob verdient der Eifer, mit dem er den gut geschulten Chor abrichtet. Allerdings wird der-Herr Oberkantor durch sehr tüchtige Gesangskräfte, die in uneigennütziger Weise ihre bewährte Kraft in den Dienst der edlen Sache stellen, unterstützt. Da ist der noch vor kurzem erfolgreiche Opern-Tenor, der in Olinütz. Troppau, Reichenberg mit großem Erfolge gesungen, Herr Ernst S r i n q l, der am Freitag abend ein Solo mit seinem warmen und klangvollen Tenor singt, das großes Interesse erweckt und von prächtiger Wirkung ist, und nicht minder wirkungsvoll ist der tragfähige und sympathische Sopran der Frau Max S t i n g l. Beide machen sich besonders um den würdigen Gottesdienst sehr verdient, was auch von den zahlreichen Besuchern sehr anerkannt wird. Ich will aber auch nicht verschweigen, daß mich etwas auch gestört hat nnd das war, daß Beethovens Hymne: „Die Himmel rühmen die Ehre Gottes" zu einem Weschom'ru umgearbeitet wurde. Ich denke doch, daß die Synagogenmusik so reich an herrlichen „Weschomrn's" ist, so daß man derartige Experimente aus vielfachen Gründen sich ersparen könnte! — Und Herr Oberkantor Goldeuberg, ein ausgezeichneter Kenner der Synagogenmusik. braucht ja nur daraus hinzuweisen, um gewissen Einflüsseu entgegenzutreten' — Nicht unerwähnt seien die schönen und gehaltvollen Predigten des Rabbiners, Herrn Dr. Diamant, die gerne gehört und vielfach belobt und anerkannt werden. Alles in Allem, es ist in Marienbad ein würdige»' und feierlicher Gottesdienst. zu dem Vorstand, Rabbiner und Oberkantor mit Hingebung und Talent das Ihrige beitragen. Anstritte ans den» I»»der»tn»n. Tauber Siegfried Dr., geb. 1881 in Wien, ledig. XX. Klosternenburgerstraße 1. Schnabl Leo, Bahubeamter, geb. 20. April 1860 in Proßnitz, ledig. II. Nordbahnstraße 14. Klebinder Ludwig, geboren 26. Jänner 1683 in Klein-Schwechat. Hadersdorf-Weidlingau, Mühlbergstr. 18.

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