Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 28 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 28. jüdisch-russischen und jüdischen (hebräisch und jüdisch) Journalistik in Rußland ausgeschrieben. Der Einreichungstermin ist am 12. April 1912 abgelaufen,, ohne daß auch nur ein einziges Werk eingelaufen wäre. Dies veranlaßte nun den Vorstand der genannten Gesellschaft, den Einreichungstermin bis zum 1. Oktober 1912 alten Styls zu verlängern. Ans diesem Anlasse, ersucht die Gesellschaft, die nachfolgenden Preisbedingungen zn veröffentlichen, und zwar; 1. Das Werk muß zumindest 10 gedruckte Bogen groß sein;-2. der Preis für die Lösung der ganzen Aufgabe beträgt 400 Rubel, für je eine Teilfrage (bloß russisch-jüdische oder bloß jüdische Journalistik) je 200 Rubel; 3. Das Werk kann sowohl in Handschrift als auch in Druckschrift überreicht werden. Im ersteren Falle muß, wetin die prämiierte Schrift später in Druck erscheint, besonders betont werden, daß dieselbe mit dem Preise ausgezeichnet wurde. Die einznreicheuden Arbeiten sind an den Vorstand der jüdischen historisch-ethnographischen Gesellschaft in Petersburg, woselbst auch alle anderen Auskünfte in dieser Angelegenheit erteilt werden können, zu richten. Feuilleton. Aer verkaufte Sohn. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Der Rabbiner kannte bereits den ganzen Sachverhalt, machte sich Vorwürfe darüber, daß er den Schlingel ins Hans genommen und beschuldigte seine Frau, daß sie in übertriebenem Zartgefühle ihre Pflicht gegen das ihr anvertrante Kind vernachlässigt habe, indem sie verschwiegen habe, daß ihr Samh zuweilen Näschereien entwendet und sogar Geld und Geldeswert gestohlen habe. Rösel, das einzige Kind des Rabbiners, ging mit verweinten Augen einher, als hätte sie selbst das größte Unglück betroffen. Der Rabbiner konnte seinem Freunde nichts anderes raren, als sofort die Entlassung seines Sohnes ans dem Schülerverbande anzustreben und sich bereit zu erklären.. für jeden Schaden anszukommen. „Wie ist das nur möglich?", jammerte der unglückliche Vater, „wie komme ich zu einem so ungeratenen Sohne? Erklären Sie mir das, Herr Rabbiner?" Dieser antwortete: „Für alle Fehler ähnlicher Art würde ich ein einziges Motiv heransfinden: Mangel an kindlicher Liebe, und diese Ansicht mit den Worten der heiligen Schrift beweisen. Bei keinem der zehn Gebote ist der Schlußsatz angebracht, wie er bei dem fünften ist: „Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest" usw. Allgemein nimmt man an, das sei eine Verheißung, ein Lohn für die Befolgung des selbstverständlichsten Naturgesetzes. Dem ist aber nicht ganz so. Das lange, beziehungsweise glückliche Leben ist nicht der Lohn für die Hochachtung der Eltern, sondern eine natürliche Folge davon. Wenn sich der Jüngling vor der Ausübung einer sträflichen Handlung, zu welcher er von anderen verleitet wird, oder zu der er selber hinneigt, die Frage vorlegt: Wird diese meine Handlungsweise meinen Eltern nicht zur Unehre gereichen? Wird sie ihnen nicht Kummer und Sorge bereiten? Verletze ich nicht dadurch die meinen Eltern schuldige Ehrfurcht?", dann würden gewiß sehr viele schlechte Taten ungeschehen bleiben, und dieser Jüngling wird davor behütet, aus seiner Bahn geworfen zu. werden, ja so oft gerettet werden, durch Ausschweifungen sein Leben abznkürzen, oder gar, wie es vorzukommen pflegt, diesem ein freiwilliges Ende zu bereiten. Das ist eben Samt/s Fall. Bei ihm war die Liebe zu seinen Eltern nicht gehörig aus gebildet. Ich und mein Weib sind in der Tat nicht seine eigentlichen Eltern; die wirklichen Eltern aber waren ihm, trotz ihrer unablässigen Liebesbeweise, dennoch entfremdet worden durch seine frühzeitige Entfernung aus dem väterlichen Hause. „Das ist die Schuld meiner Frau!" rief Goldstein heftig ans. „Nicht sie allein, wir alle tragen gleichmäßig die Schuld. S i e hätten der abergläubischen Grille Ihrer Frau nicht nachgeben sollen, i ch wieder hätte mich Ihrem Zureden gegenüber tapfer beweisen sollen. Jetzt ist es zu spät zur Neue, aber nicht zu spät zur Besserung. Das von dem unseligen Kinde Begangene kann nicht ungeschehen gemacht werden. Er ist .dadurch gewaltsam aus der eingeschlagenen Bahn geschleudert worden. Gehen wir nicht zu streng mit ihm ins Gericht, ans daß er es nicht mit uns tue; es gibt andere Wege noch, welche zu einem geordneten, redlichen Lebenswandel führen, als das Studium- Ebnen Sie ihm einen solchen Pfad. Wir haben Beweise, daß. auf Abwege geratene Kinder zu tüchtigen, braven Männern geworden sind, wenn nur erst der Verstand, die. richtige.Erkenntnis' bei ihnen eingekehrt. Hoffen wir dasselbe von unserem, unglücklichen Kinde." „Nichts da, wenn er nicht studieren kann, so kömmt der Bub in eine Besserungsanstalt. Ein Drittes gibt es nicht." „Ich habe Ihnen nichts vorzuschreiben. Wenn Sie aber zu mir gekommen sind, Rat zu holen, so hören Sie ihn wenigstens an. Die sogenannten Besserungsanstalten erfüllen nur in. den seltensten Fällen ihren Zweck. Die Zöglinge verlassen meist ungebeffert ein Hans, woselbst sie ihrer Freiheit und Selbständigkeit beraubt waren. Sie treten ins Leben hinaus mit einem verstockten Herzen und verbitterten Gemüt, Eigenschaften, die sie ihr Leben lang nicht abstreifen können. Und dann müssen Sie ja noch Ihre unschuldigen Töchter berücksichtigen, deren guter Ruf darnnter leiden würde, wenn ihr Bruder in einer solchen Anstalt untergebracht würde. Ihrer Frau aber würde dies den Todesstoß geben. Die überlebt das nicht." „Was aber soll ich mit dem Schlingel anfangen? Hier bleiben kann er nicht." Das soll er. auch nicht. Führen Sie ihn nach Prag. Geben Sie ihn zu einem tüchtigen Meister in die Lehre, daß er ein gutes Handwerk erlernt, zu einem Meister, der ihn streng hält und zum Beten und Arbeiten anhält. Da wird er seine Würde unb Selbstachtung bewahren und es kann etwas Rechtes aus ihm werden." Goldstein fuhr in die Höhe: „Was, ein Handwerker soll mein Sohn werden? Nie- und nimmer!" Trotz des Ernstes der Situation konnte der Rabbiner nur schwer ein Lächeln imterdrücken. Den Sohn einer Korrektionsanstalt zu übergeben, davor schreckte der stolze Kaufmann nicht zurück, ihn aber ein ehrliches Handwerk lernen zu lassen, das' schien ihm entwürdigenö zn sein. Der Rabbiner kannte dessen Ansichten über den Handwerkerstand, besonders den jüdischen Handwerker, und ließ ihm eine Weile Zeit, sich an dem ihm gemachten Vorschlag in etwas zu gewöhnen, er wußte daß er zum mindesten eine große Abneigung zu überwinden habe, bevor er aus den Rat einging. Diese Geschichte spielte zu Anfang der 60 er Jahre des verflossenen Jahrhunderts, wo der österreichische Jude noch kaum die Fesseln abgeschüttelt hatte, welche Haß und Unduldsamkeit um seine Glieder geschlungen. Er mußte erst lernen und sich es angewöhnen, diese frei und ungezwungen zu bewegen. Da suchte jeder Vater, seinen Sohn in das ausgefahrene Geleise des Kaufmannsödes Handelsstandes zu bringen, indem er nur darin das Heil für seine Söhne suchte und zu sinden glaubte. Nicht die körperliche Arbeit, welche der Handwerker verrichten mußte, scheute man — wie allgemein noch heute angenommen wird — auch nicht die damit verbundene Sorge, denn dieses alles lud ja der Handelsmann auch auf sich, oft noch in weit höherem Maße als der Gewerksmann, es war auch nicht der Stand im allgemeinen, welcher von den Juden gemieden wurde. Aber von jeher war man es gewohnt, daß nur diejenigen Kinder fürs Handwerk bestimmt wurden, welche weder zum Studium noch znm Geschäfte taugten. Diese aber taugten dann zum Handwerk' auch nicht, konnten im besten Falle nur Mittelmäßiges leisten und brachten es nur selten zu einem größeren materillen Erfolge. Diese unbefähigten, mit mangelhaften Willen und geringen Geistesgaben ausgestatteten Kinder hätten auch in einem anderen Berufe nichts Rechtes geleistet. So wurde der ganze Stand in den Augen der Unverständigen herabgesetzt, ohne daß der Versuch gemacht wurde, ihm gute, leistungsfähige Kräfte znznführen. Diesen Umstand und dessen traurige Folgen kannte Ahronson sehr wohl und er war eifrig bemüht, den Nachwuchs, iu seiner. Gemeinde fürs Haudwerk zu gewinnen. Aber sein bester Wille und all seine.Ueberredungsknnst scheiterten an den Vorurteilen, die noch immer so fest wurzelten, als daß es ihm gelingen könnte, sie heransznreißen. (Fortsetzung folgt.) '