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Die Wahrheit · 1912-07-19 · Heft 28 (19.7.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 28 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 28 Die Wahrsten Leite 7. gönne ihnen eine Epoche der Rnhe und Klärung, eine Epoche gesunder, natürlicher Entwickelung, und man wird die schönsten '.Früchte dieses Prozesses sehen. Zn der oben gekennzeichneten Sorte seltsamer Schwärmer wird man auch den Herrn Daniel F r y m a u n zählen. Er hat sich vom nationalliberaken Parteisekretär*) zum konservativ-antisemitischen Scharfmacher hinaufgemansert. Nnu erregt er in .jüngster Zeit Sensation durch sein Pamphlet. „Wenn ich der Kaiser wäre". Man kann auf dieses merkwürdige Buch nur antworten: „Gott sei Dank, daß dieser Frymann nicht der Kaiser ist". Denn das Bach ist verschwommen und unklar, erfüllt von Phrasen und Schlagworten und dazu durch und durch reaktionär. Ans interessieren hier nur die Ansichten Frymanns über die Inden. Das ist bei ihm nicht etwas Nebensächliches, sondern bildet den Hanptqnell seiner Weisheit. Es scheint, daß das ganze Buch nur wegen der antisemitischen Stellen geschrieben worden ist. Der Antisemitismus ist hier der Unterton, der bei allen Betrachtungen mitklingt. Und diese Betrachtnugen sind eigentlich nur merkwürdig, weil man sie bei einem Manne sindet, der sich noch immerhin liberal nennt. Ihr richtiger Platz wäre die antisemitische Presse. In jeder Zeile finden wir hier die Klagen über den „jüdischen Einfluß" und die „jüdische Zersetzung". Es gibt eine Sorte von Politikern, bei denen man wirklich nicht weiß, was sie anfangen würden, wenn es keine Juden ans Erden gäbe. Der Autor schildert die Macht der Juden in geradezu grellen Farben. Alles sei dem Judentum untertan, das ganze politische Leben stehe unter jüdischem Einfluß. Wer die Wirklichkeit kennt, der muß über diese Jeremiaden bitter lachen. Die Allmacht der Inden geht in Wirklichkeit so weit, daß es selbst den Reichsten unter ihnen nicht gelingt, ihre Söhne zu Reserveoffizieren befördert zn sehen. Zur Begründung dieser vagen Behauptung von der mystischen Allmacht der Juden wird immer wieder die Presse angeführt, und man tut so, als wenn die ganze deutsche Peesse im jüdischen Besitze wäre. Nur politischen Kindern kaaa mau mit solchen Märchen imponieren. Es gibt kaum fünf bis sechs große Zeitungen in Deutschland, die jüdische Verleger haben. Und diese Zeitungen besitzen mindestens 3/i christliche Redakteure, und sie dienen wahrlich keinen jüdischen Interessen. Ja, man findet in diesen Zeitungen viel häufiger Notizen über die ausgefallensten Dinge als über jüdische Angelegenheiten. Wo aber bleiben die anderen großen Zeitungen und dann die mittleren und kleineren Zeitungen? Haben diese gar ckeine Bedeutung? Sie aber befinden sich fast durchwegs in christlichen Händen. Der Verfasser schildert die Lage der heutigen Regierung als geradezu tragisch. Er schreibt: „Gibt es eigentlich etwas Tragischeres als die Rolle der heutigen Regierenden? — Zwischen ihnen und dem Volke steht ein Mittler -— der Jude — und der läßt nur durch, was ihm gefällt. Einst, als das römische Priestertum sich zwischen den deutschen Christen und seinen Gott als Mittler gedrängt hatte, erstand aus unserem Volke der Mann, der die Herrschaft über die Seelen zerschlug — nun wir politisch mediatisiert sind, wo ist der Retter? Ich glaube, wenn man einmal so weit von unserer Zeit entfernt ist, daß die Nachlebenden eine Periode von zwanzig, dreißig Jahren als Einheit überschauen können, daß dann der 'Vorwurf gegen Bismarck erhoben wird, er habe trotz der Fülle seiner Macht nichts gegen die Folgen der Judenemanzipation getan, ja der jndengegnerischen Bewegung seiner Zeit eutgegengearbeitet. Was kann da werden: dem politisch ungeschulten Volke wird das allgemeine, gleiche. Wahlrecht gegeben, und die Juden reißen die Presse an sich!" Uns will es scheinen, daß zwischen Regierung und Volk eher eine kleine privilegierte feudale Klasse stehe, als die Jndenheit. 'Es dürfte in Deutschland wohl wenige Juden geben, deren Ambition dahin geht, auf den Gang der Regierung irgendwie *) Er gehört offenbar dem alldeutschen Flügel der National-liberalen an und soll nach den Informationen der „Rheim-Wests. Ztg." anch „.Vorstandsmitglied der nationalliberalen Wahlorganisatiou einer großen norddeutschen Stadt" sein. einwirken zu wollen. Die 2—3 Juden, die zu Hofe zugelassen werden, setzen wohl ihren Stolz darein, Förderer von Kunst und Wissenschaft zu sein, nicht aber irgend welche politische Rolle zu spielen. Das ganze hohle Phrasentnm ist die Ausgeburt einer blühenden Phantasie. Geradezu komisch wirkt es, wenn mau Bismarck als Kronzeugen gegen die Judrn zitiert. Bismarck war in diesem Punkte ziemlich vorurteilsfrei, und in seinem persönlichen Leben verkehrte er mit geistreichen Juden viel lieber als mit rückständigen Junkern. Kennzeichnend für die ganze Auffassung des Verfassers sind folgende Zeilen: „Das A und O der Maßregeln gegen die jüdische Zersetzung lautet aber: Die Rasse ist der Quell der Gefahren — die Religion spielt keine andere Rolle, als daß sie ein Ausfluß der Rasse ist. Der Hof, die ans ihn blickende Regierung, die gonvernementalen Bestandteile der Konservativen sind mit dem Jndentnm ein Herz und eine Seele — mit der Blindheit geschlagen, die den Todfeind nicht erkennt." Man fragt sich mit Recht: Kann ein vernünftig denkender Mensch im Ernst an all diese Dinge glauben? Mutet es nicht geradezu romanhaft an, wenn man behauptet, daß selbst die nationalliberale Partei von den Inden beherrscht wird? Nach der Ansicht unseres Autors scheint ja überhaupt das Ende des Deutschtums zn nahen. Denn alles, Hof. politisches Leben, Literatur uirb Wissenschaft, alles sei bereits jüdisch. Und ein solches Sammelsurium abgestandener hohler Redensarten macht heutzutage in Deutschland Sensation. Wie sehr muß schon heute das ganze öffentliche Leben in Verwirrung geraten sein, wenn man solche Ausjührnngen überhaupt lieft! Herrn Frymann gefällt nichts im heutigen Deutschland. Weder Kaiser noch Kanzler, weder das gesellschaftliche noch das politische Milieu ist nach seinem Geschmacke. Da wird nichts übrigbleiben, als daß er selber Kaiser. Kanzler, Papst und Volksführer in einer Person wird und — unbeschränkt über die Antisemiten regiert. Verschiedene Nachrichten. Wien. Am 11. Juli d. I. fand in I. Streng» Restauration im Prater die erste, zahlreich besnchre Generalversammlung nach der Gründung des Prater Herhausvereines „Testlarh Jeschurun" statt. Herr Obmann Heinrich Bo ndy hob in.seiner Begrüßungsansprache das hehre Ziel des Vereines hervor und trilte gleichzeitig mit, ldaß da» rührige Gründungskomitee eine kolossale Leistung vollbracht hat, indem es trotz mangels jeglicher Mittel nach Ueberwindung der größten Schwierigkeiten seitens maßgebender Behörden binnen kürzester Zeit ein vollkommen ausgestattetes Bethaus und Talmud Thora-Schnle errichtet und den Verein zn vollem Ansschwung gebracht hat. Hierauf ergriff Herr Schulinspektor Braun als Delegierter der Kultusvorstandes da» Wort und sprach sich sehr lobend über das Bethans aus, besonder» aber über die von ihm inspirierte Talmud Thora-Sckule, deren Leitung durch Herrn- Moritz L. B o n d y er als eine tadellose bezeichnete. Nach Wahl von vier Ehrenmitgliedern fand die Neuwahl des Ansschnsses mit großer Stimmenmehrheit statt, wobei mehrere scheidende Ausschußmitglieder durch neue ersetzt wurden. Bisenz. Am 5. d. M. fand in Bisenz in der israel. Synagoge ein Trauergoltesdienst für nnseren unvergeßlichen in Gott ruhenden. Führer Dr. Theodor H e r z l statt. Bei hell beleuchtetem und vollbesuchten Tempel intonierte der verstärkte Chor unter der ausgezeichneten Leitung des Herrn Oberkantors Jsak L e w i t i n das Ma Towu. Nachdem noch Herr Oberkantor Lewitin El mole rachamim in rührender Weise zum Borkrage gebracht, bestieg Herr Rabbiner Dr. Josef Hoff die Kanzel und hielt eine von hoher Begeisterung getragene, allen Zuhörern zn Herzen gehende Gedächtnisrede, in der er unseren großen Führer in gebührender Weise zu würdigen wußte. Nach Absingung des Schiwissi und der Hatikwoh endete die erhabene Feier. Lemberg. Zum Rektor der Lemberger Universität wurde für da» llächste Schuljahr der Professor der medizinischen Fakulrär Dr. Adolf Beck gewählt. Er ist der erste jüdische Rektor an dieser Universität. Dr. Beck ist in Kraukau als Sohn eines Bäckermeisters geboren und erfreut sich als Patholog eines großen Rufes. ChrzanoM (Galizien). Der hier als Gast weilende Oberkantor G i b l i ch m a u n aus Wien (Fugbachtemvel) hielt über Einladung des Gemeindevorstandes sowohl Freitag als Samstag einen Bortrag und wurde derselbe durch seine schöne Stimme und herrlichen echt chanasischen Rezitationen allseitig mit Ehrungen ausgezeichnet. Petersburg. Der Vorstand der Jüdischen historischethnographischen Gesellschaft in Petersburg hat, wie erinnerlich, anläßlich des fünfzigjährigen Jubilänms der jüdisch-russischen Journalistik einen Preis für das beste Werk über die Geschichte der

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