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Die Wahrheit · 1912-07-19 · Heft 28 (19.7.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 28 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Die Wahrheit. Nr. 28. in Wien weilen, und wir werden niemanden haben, der uns vertritt. . „ Wir sind in einem fremden Lande und dürfen nicht der Regierung zuwiderhandeln, die auf Seite /Eduard Hruschkas steht . . - Und da haben die Antisemiten noch die Frechheit, von „jüdischer Korruption" zu sprechen! Au Korruption hat diese Bande bisher das Höchste geleistet. * * * Eine Deputation der ungarischen Melamdim begab sich am 10. d. M. unter Führung des Verboer Oberrabbiners Reich zum Kultusminister Zichy, um ihm die Bitte um Verbesserung ihrer Lage vorzntragen. Der Minister empfing die Deputation sehr freundlich und versicherte sie seines Wohlwollens und der Förderung ihrer Wünsche, sobald ihm diese genau formuliert eingereicht werden sollten. Starke Erbitterung rief die Mitteilung hervor, daß der Kaschauer Gemeindevorstaud den Gemeindemelamdim wegen Teilnahme an der Versammlung gekündigt hat. Ueber einen resoluten Akt der Selbsthilfe, in dem sich christliche und jüdische Obdachlose vereinigten^ wird ans Sofia folgendes gemeldet: Gegen 3000 Einwohner von Sofia, die sich Asyllose nennen, aber eher Wohnnngsnotleidende sind, griffen jüngst zu einer seltsamen Selbsthilfe. 2600 Bulgaren und 420 Inden gelobten mit Eid und Unterschrift ihren Rädelsführern, die ihnen durch das Los von einer besonderen, aus ihrer Mitte ernannten ^Kommission" selbstherrlich bestimmten Bangrnndparzellen auf Gemeindegrnnd abzustecken und in Besitz zu nehmen. Die Anführer sandten ein Hnldignngstelegramm an die Königin Eleonore, benachrichtigten auch die Behörden und forderten die Asyllosen auf, heute ohne jedwede Waffe zu erscheinen, was diese in frühesten Morgenstunden auch taten, so daß die erst im Laufe des Vormittags eingetroffene Polizei nur feststellen konnte, daß die Absteckung der verschiedenen Parzellen schon vollzogen wür. Die Ansiedlung wurde auf den Namen der Königin getauft. Bauplätze für eine Kirche, eine Synagoge, je eine bulgarische und eine jüdische Schule wurden gewählt, und als Wahrzeichen wurde eine Flagge mit der Aufschrift „Gott schütze uns" gehißt. Die Behörden erklärten, sie würden diese Expropriation, nicht anerkennen, konnten aber die Rädelsführer nicht umstimmeu. Blutige Zusammenstöße scheinen nicht ausgeschlossen, wenn dieser Tage die Polizei sich weniger nachsichtig zeigt und das Bürgermeisteramt die Wohnungsnot nicht lindert. * * * Die Friedenskommission der deutschen Mitglieder der A. I. U. hat am 7. Juli dieses Jahres in ihrer Gesamtsitzung die Statuten.für die Gesamtorganisation der deutschen Mitglieder der A. I. U. fertiggestellt. Es ist zu erwarten, daß nunmehr auch der Friede mit Paris geschlossen wird. Eine erhebende Ehrung österreichischer Soldaten hat vor einigen Tagen auf dem alten israel. Friedhof in der Schönhauser Allee in Berlin stattgefundeu. Dort haben die österreichischen Soldaten Aloys Meyer aus Jamnitz und Moritz Neu m a n n aus Perennape ihre letzte Ruhestätte gefunden, nachdem sie hierin der Kriegsgefangenschaft ihren in der Schlacht von Königgrätz (3. Juli 1866) empfangenen Wunden erlegen waren. Auf Anregung eines bekannten Berliner Stadtverordneten sind die tm Laufe der Jahre verfallenen Gräber und Gedenksteine wieder in einen würdigen Ztlstand versetzt worden. Am Gedenktage der entscheidenden Schlacht haben Kameraden und Vertreter des Militärvereines „Deutsches Vaterland" auf diesen Kriegergräbern Kränze niedergelegt mit Schleifen in preußischen nnd österreichischen Farben. Ein ähnlicher Kranzschmuck wurde auf dem Grabe eines Grenadiers Perl des 2. Garde-Regimentes, der ebenfalls bei Königgrätz beim Sturm auf die Höhen von Chlum die Todeswunde empfangen hatte, vom Verein der Oesterreicher in Berlin niedergelegt. Bekanntlich hat sich das preußische Herrenhaus vor kurzem mit einem Gesetzentwürfe für die Verwaltung der jüdischen Gemeinde beschäftigt und denselben auf Grund verschiedener Petitionen von orthodoxer Seite abgelehnt. Zu dieser Angelegenheit hat . die Repräsentantenversammluug in ihrer letzten Sitzung' Stellung genommen und folgender Resolution zngestimmt: Die Versammlung erklärt, daß alle religiösen Richtungen in gleicher Weise seitens der Gemeinde berücksichtigt werden. Sie weist die gegenteilige Behauptung, die in einigen'an das Herrenhaus gerichteten Petitionen enthalten sind, mit Entrüstung zurück und spricht ihr Befremden über den Inhalt der nicht in einwandfreier Weise zustande gekommenen Petition ans, durch welche innere Angelegenheiten der Inden in unrichtiger Darstellung dem Herrenhause unterbreitet worden sind. Sie spricht dem Gemeindevorstaud ihr volles Vertrauen ans. * . * Vom Hanptbnreau des „Jüdischen Nationalfondes" in Köln werden wir um Aufnahme nachstehender Mitteilung ersucht: D e r I ü d i s ch e N a t i o n a l f o n d s, der bekanntlich den Erwerb von Grund und Boden in Palästina für die jüdische, Kolonisation bezweckt,, veröffentlicht soeben die Statistik seiner Einnahmen im ersten Halbjahre 1912. Diese 'Statistik, die mit einem Totalergebnis von zirka 250.000 Mark abschließt zeigt gegenüber dem Vorjahre eine Steigerung der Einnahmen von zirka 20.000 Mark. Insbesondere füllt es auf, daß trotz der überaus traurigen Verhältnisse in Rußland die Eingänge aus diesem Lande sich ganz beöeitteuö gehoben haben. Sie weisen mit einer Totalsumme von zirka 60.000 Mark gegenüber denen des ersten Semesters 1911 '(unter Abzug einer testamentarischen Zuwendung von 10.000 Mark) eine Steigerung von nicht weniger als 50 Prozent ans. Ans Deutschland gingen 26.000 Mark ein. ans Oesterreich 60.000 Mark nnd aus den Vereinigten Staaten 40.000 Mark ein. In den letzten Jahren hat das zweite Semester regelmäßig 100.000 Mark mehr gebracht als das erste, sodaß für 1912 mit einer Jahreseinuahme von mindestens 600.000 Mark gerechnet werden darf. (Im Jahre .1912 550.000 Mark). Diese günstige Entwicklung ist umso, freudiger zu begrüßen, als gerade jetzt große Aufgaben in Palästina zu bewältigen sind. Insbesondere stellt die immer zunehmende Einwandernng der y emeuitischen Inden, die in einem Jahre schon die Bevölkerung der jüdischen Kolonien um zirka 20 Prozent gesteigert hat, große Anforderungen an die Kolonisationsinstitution und namentlich an den Jüdischen Nationalfonds, der sich der yemenitischen Juden, die ein außerordentlich wertvolles Kolonisationsmaterial bilden, besonders angenommen hat. ■St In Alderfhot ist unlängst eine Garnisonsynagoge feierlich eingeweiht worden. Bei den in England stattfindenden jüdischen Militärgottesdiensten für Offiziere, Soldaten und Matrosen erhebt sich die Beteiligung öfter zu sehr starken Ziffern. So haben an einer Channkkafeier 330 Militärpersonen hebräischer Konfession teilgeuommen, die 70 verschiedenen Truppenteilen angehörten. Neuerdings haben das Kriegsamt und die Admiralität bestimmt, daß allen Juden in Heer nnd Flotte an Neujahr zwei — am Versöhnungsfest ein — an Laubhütten zwei dienstfreie Tage gegeben werden sollen; die Befreiung vom Dienst beginnt mit Sonnenuntergang vor diesen Festen. Einen energischen Protest gegen die in Rußland besonders in intelligenten Kreisen zunehmende Tanfsenche hat eine dieser Tage in Kiew stattgefundene Versammlung, an welcher die hervorragendsten Mitglieder der Gemeinde teilnahmen, eingelegt. Die Versammlung, welche über allgemeine jüdische Fragen in Rußland beriet, nahm auch zu der in Rußland überhand nehmenden Tansbewegung Stellung. Dieser Teil der Beratungen war von besonderem Interesse nnd schuf eine feierliche Stimmung, die^in der einmütigen Annahme der folgenden Resolution ihren Höhepunkt erreichte: „Mit tiefem Schmerze sehen wir es, daß in der letzten Zeit unter unserer Intelligenz die Fälle.des Austrittes ans dem Jndentume sich häufen. Es geschieht dies nicht aus innerer . Ueberzengnng, wir kennen nnd empfinden nur zu gut die tranrige^Lage, in der sich Viele von uns befinden, die der mensch-

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