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Die Wahrheit · 1912-07-12 · Heft 27 (12.7.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 27 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr, 27 Die Wadrhen- SeUe 7. Jeder stirbt durch feine rige»»eSchuld. 7.77 ' Voi^ A, Stößler, Olmütz. - ' Durch' diese Studie' will" ich eine übersichtliche und klare 'Darstellung der Hauptmomeute der göttlichen Vergeltuugslehre liefern und'dadurch den Beweis erbringen, daß die biblischen. "Rechtsprinzipien in bezug auf bas mir. zur Ausgabe gestellte "Problem bei allen monotheistischen Religionen unanfechtbar dastehen und 'gegen Vorurteil, menschlichen Wahn und Aberglauben auf das allere n t schiedenste Stellung nehmen.. Wer es heutzutage unternimmt, - die Willens- und Glaubensfreiheit zu verteidigen, gegen den Obskurantismus in Kampfstellung zu treten, der muß sich besonders scharf mit den Moralstatistikeru auseinandersetzeu, welche Erscheinungen, die im Bereiche des Naturganges sich säst alltäglich ereignen, als Finger Gottes zu bezeichnen belieben, andererseits wieder den Nachweis „zu führen suchen, daß die menschlichen Handlungen an eine bestimmte'Gesetzmäßigkeit gebunden sind, welche jede Freiheit des Willens und Denkens absolut ansschließt. Bevor ich in das Meritorische der Materie eingehe, will ich in der Einleitung meiner Ausführungen die Anschauungen .der b e d e n t s a m st e n Männer aller Zeiten über das „Walten der göttlichen Allmacht" in knappen Worten darlegen. Es ist leider Tatsache, daß selbst gebildete und sonst freicheitlich gesinnte Männer es nicht selten lieben, in Glanbenssachen das Dnnkel oder Halbdunkel walten zu lassen. Es ist aber .zweckmäßig, die in wissenschaftlich gebildeten Kreisen als richtig anerkannte Anschauung Lessings zu teilen, daß es für die All- -macht und Allweisheit des göttlichen, weltleitenden Wesens weit entsprechender ist, das Ziel seiner Welt-, Völker- und Meuschenleitung auf ganz natürlichem Wege, durch die vom Uranfang bestimmte, regelmäßige Einwirkung seiner Naturgesetze erreichen zu sehen, als etwa mittels übernatürlicher Erscheinungen, wodurch eine Unzulänglichkeit des ursprünglich geplanten Gottesplanes bekundet werden müßte. Uebernatürliche Erscheinungen seien durchaus keine Vermndernngen in dem Gange der Natur oder in dem Willen Gottes. Diese Erscheinungen sind ebenso wie die Alltäglichkeit eine von Gott, bei der Schöpfung prädistinierte Regel für den "Lauf der Dinge in einer gewissen Zeit; nur uns scheinen solche Vorkommnisse ein Heranstreten der Dinge aus dem natürlichen -Gange. In diesem Satze liegt der Kern des ganzen Gedankens, daß selbst das scheinbar Unnatürliche im Bereiche des Natur- .ganges nichts als „natürlich" ist. Die universelle Tendenz und Bedeutung dieses Gedankens wird erst recht faßlich durch die gegenseitigen Beziehungen zwischen Gott und dem Menschengeschlechte, welch letzterem die für seinen Bestand und für seine Entwicklung notwendige nn-- -a b ä u d e r l i ch e Naturordnnng durch göttliche Bürgschaft zu- .gesichert ist. Die Schöpfung des Weltalls bildet die Grundbedingung aller göttlichen Offenbarung und das Gebiet, auf welchem der göttliche Heilsplan seiner Realisierung zngeführt werden soll. Der allmächtige Gottesgeist wird als liebender, fürsorglicher Vater allen Wesen vorgeführt, der alles Organische im Bereiche seiner Schöpfung mit gleicher Huld umgibt, indem er für jedes einzelne Wesen die Mittel zu seiner .Erhaltung und .zur Deckung seiner Bedürfnisse hervorgebracht und sie immerfort durch seine. unabände r l i ch e n Gesetze in der Natur erneuert. Diese herrliche Darstellung des Waltens der göttlichen Allmacht lehrt uns, daß für alle Menschen und alle Lebensverhältnisse nach den h ö ch st e n G e s e tz e n der Weisheit für die Ewigkeit gesorgt worden sei. Täglich neu gibt sich diese Aeußeruüg dem Menschen kund. Aber nicht zur Leidenschaftlichkeit vermag sich diese oder jene -Gotteseigenschaft zu steigern; denn erstens ist Gott unveränderlich und besitzt die seine Wesenheit bildenden Attribute zu jeder Zeit in gleichem Maße; ferner-läßt er seinen Eifer, wie seine Eigenschaften überhaupt, nicht unerheblichen kleinen Dingen, sondern -stets, der Gesamtheit der Menschen offenbaren. Die biblischen Sätze von der Rache Gottes sind daher aiichts anderes, als s y m b o l.i s ch e Redefignren, die auf die Allmacht und Allgerechtigkeit Gottes in seiner höheren Wettordnung deuten. Es beruht daher auf. krassem Irrt» m, ans U n w i s s e nheit und Entstellung der Wahrheit, etwa annehmen zu wollen, Gott strafe den Einen um der Sünde des dl u d e r e n wille n. Dieser. Gedanke konnte nur in -der Finsternis des Wahnes, des Irr- und Aberglaubens geboren werden. Der Sinn dieses Satzes wurde oft schon entstellt und gab dadurch Veranlassung zu falschen, zuweilen sogar zu gotteslästerlichen Anschauungen und Urteilen. Dieser Irrtum pstanzte sich immer weiter fort, so daß er selbst von Fachgelehrten und bedeutenden Dogmatikern nicht gemieden wurde. Gegner der heiligen Schrift benützten diesen Satz zu entwürdigenden Entstellungen, indem sie das allmächtige Wesen als einen strengen, rücksichtslosen „Rachegott" bezeichnen, der selbst die unschuldigen Kinder und Kindeskinder nicht schont. Eine solche Annahme ist eine grundfalsche, die weder sprachlich noch in anderer Weise zu rechtfertigen ist. Sie steht mit dem Geiste der Religion im hellste u Widerspruche, i)ie~ ja ansdr ü cklich lehrt: „Jeder stirbt seiner eigenen Schuld Wege n." Dies ist ein dogmatischer Grundsatz, der n n a ns e ch t b a r d a st e h t. Wer die biblischen Rechtsprinzipien in Wahrheit kennt, wird diesen göttlichen Ausspruch einsehen und anerkennen. Läßt doch Gott durch den Mund seiner Propheten den Spruch verkünden, also lautend: „Sowahr ich lebe, ist dev Spruch des Herrn der Heerschaaren, nicht sollt ihr ferner mehr d i e A n s i ch t v e r b r e i t e n im Volke, daß d i e Z ä h u e der Kinder st n m p f werden um der Väter willen. Jeder sterbe seiner eigenen Schuld Wege n." Wieso aber die irrige Anschauung über die Rache Gottes sich im Volke Eingang verschaffen konnte, obgleich diese Lehre in der biblischen Satzung nirgends klar ansgedrückt erscheint, läßt sich nur ans der Analogie anderer Erscheinungen im Oriente erklären. Erst unter Ezechiel kam die Wahrheit zum Durchbruche, daß die Verirrung des Einzelnen nicht wie eine reale Schuld übertragba r sei, und daß jede S u bj ekt itä t zu ihrem Rechte kommen müsse. (Vgl. Ezechiel Cap. 18. Weiters „Der Kampf unis Recht" von Dr. Ritt, von Jhering, Wien 1873). Wenn von einigen Bibelforschern darauf hingewiesen werden sollte, daß mehrere einschlägige Bibelstellen die göttliche Vergeltung im sogenannten übertragenen Wirkungskreise als das Kriterium des ewigen, unverbrüchlichen Rechtes darstellen, so kann dem gegenüber kühn behauptet werden, daß falls die Anschauung apodiktische Wahrheit wäre, heute keines Irdischen Fuß mehr auf diesem Planeten wandeln würde. Ein Chaos, ein t o k u waboku w ürde das Antlitz der Erde v o l l st ä n d i g decken. Es ist nicht meine Aufgabe, die Geschichte der menschlichen Aufklärung zu schreiben, den Kampf zu schildern, der im Laufe der Jahrhunderte erleuchtete Männer gegen Vorurteil und Aberglauben führten. Aber der von den Menschen durch jene heterogenen Anschauungen hervorgerufene Geist hat eine wilde, giftig-gärende — man könnte sagen misantropische — Zeitperiode geschaffen, in welcher die Beschränktheit im Vereine mit dem Obskurantismus wahre Orgien feiern. Vor ein und einem halben Jahrhundert tönte das Donnerwort Voltaires, des Verteidigers Callas: „Ecrusez l’infame Superstition“ in die Welt hinaus. Der H^enprozeß und der Glaube an Satansbüudnisfe ist entschwunden. Die in dem letzten Viertel unseres Jahrhunderts wieder enstandene Rüstkammer des menschlichen Aberglaubens ist nicht genug tragfähig, um bei den Jtellektuellen irgend welchen Anhaltspunkt für deren Grundtätigkeit zu erbringen. Hieran wird gewiß nichts geändert durch die historische Tatsache, daß solche Anschauungen in früheren Jahrhunderten sowohl gegen Christen und Inden erdichtet worden waren, um irgend welche dunkle Ziele zn erreichen. Heute ist es wissenschaftlich f e st ge st el l t. daß diese Erscheinungen damit zn erklären sind, daß bei gewissen Menschen

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