Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 27 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063650--07961-3075089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«Seite 5. Nr. 27. Die Wahrheit Schmitz: „Die Knust der Politik", versuchter, seine Gedanken über „Die jüdische Gefahr" zu entwickeln. Neues wird man darin kaum finden, noch schlimmer aber ist es, daß man hier auch das Alte nicht als gut wird bezeichnen dürfen/ Der Autor bekämpft den Radikalismus in der Politik. Das ist sein gutes Recht. Grundfalsch aber ist es, wenn er die Juden als die Träger, ja' Erzenger des Radikalismus betrachtet. Der Radikalismus kann die Ausstrahlung eines verbitterten, erhitzten Temperaments sein oder als eine Reaktion auf erlebtes bitteres Unrecht angesehen werden. Mit Religion und Abstammung hat er nichts zu schaffen. Nur da, wie in Rußland, wo man die Juden etltrechtet und geradezu bestialisch behandelt, peitscht man sie gewaltsam ins radikale Lager hinein. Es ist ein alter Grundsatz in der Geschichte: Wo die Evolution gehemmt wird, da kommt die Revolution. Das kann man auf allen Gebieten verfolgen. Jeder Volksstamm hat sanfte und temperamentvolle Naturen, friedliche und kriegerische Elemente. Daß die Religion, und die jüdische nicht weniger als die anderen, ihrer ganzen Natur nach dem Radikalismus abhold ist. braucht wohl nicht erst betont zu werden. Das Leben . zeigt uns all und überall die Mannigfaltigkeit psychischer Natur innerhalb einer jeden Gemeinschaft. Es ist ein nicht nur lächerliches, sondern direkt verwerfliches Märchen, daß die Juden in ihrer Gesamtheit ein revolutionäres Element bilden. Auch die Juden leben nach den Naturgesetzen, und auch sie sind das, was die inneren und äußeren Verhältnisse aus ihnen gemacht haben. In der deutschen Sozialdemokratie findet man mehr Juden in den Reihen der Revisionisten als in denen der orthodoxen Marxisten. Daß aber die Juden überhaupt Sozialdemokraten werden, das hängt mit der ökononischen Lage, mit der Erziehung, mit dem Milieu, mit den inneren und äußeren Einflüssen zusammen — nie aber mit Religion und Abstammung. Wenn es Juden unter den sanftesten Nationalliberalen und unter den radikalsten Sozialdemokraten gibt, so ist das eine merkwürdige Illustration für die' Rassentheorien. Der Verfasser läßt sich von einer Einseitigkeit lenken, die ihn zu den wunderlichsten Konsequenzen führt. Wenn er z. B. den Typus des jüdischen Arztes sehr sympathisch, den des jüdischen Rechtsanwalts aber unerträglich findet, so ist das die Philosophie eines Backfisches. In beiden dürfte es schwer sein, den „jüdischen Typus" zu entdecken. Es gibt vornehme und unvornehme jüdische Aerzte und vornehme und unvornehme jüdische Anwälte. Ist es etwa bei den Christen nicht dasselbe? Man sollte sich endlich die Unsitte abgewöhnen, in jedem Juden den Typus der Judenheit zu erblicken. Die typischen Gestalten sind im Judentum ebenso rar wie in anderen Gemeinschaften, denn die moderne Kultur nivelliert und verwischt das Spezifische. Ja, das Leben bildet, wenigstens für den, der es ohne blaue Brille beurteilt, die größte Ironie auf alle antisemitische Theorien. Unser Autor scheint im Judentum den Antipoden des Deutschtums zu erblicken. Nichts ist falscher als das. Es ist wahrlich nicht schwer, die vielfachen inneren Berührungspunkte zwischen Judentum und Deutschtum nachzuweisen. Wie sollte es auch bei Volkselementen, die seit Jahrhunderten miteinander leben und durch vielfache Bande täglich aneinander geknüpftwerden, anders fein? Diese ganze Phrase vom unversöhnlichen Kampfe zwischen Judentum und Deutschtum wirkt nur auf gewisse Leute bestechend, weil man sich gar keine Mühe gibt, tiefer in die Materie zu dringen und vor allem zu definieren, w ase i g en t l ich Deutschtum i st. Uns ist es bis heute in all diesen Theorien noch nicht gelungen, eine klare Definition zu erblicken. Im' Grunde-läuft alles darauf Hinaus, deutsch sei das, was nicht jüdisch ist. Das ist eine ungemein bequeme, aber keine einigermaßen für ernste Zwecke zu verwertende Definition. Die ganze Unhaltbarkeit dieses merkwürdigen wissenschaftlichen Systems zeigt sich überall da, wo der Autor auf reale Dinge anspielt. Er schreibt: „Noch etwas anderes ist an den jüdischen Talenten, wie überhaupt an - den Juden, besonders charakteristisch. Gerade die besten zeigen am meisten das Ueberzüchtete. Ueberdifferenzierter, Unharmonische alter, aber allzu einseitiger Kultur. Die volle, schöne Harmonie der leiblichen und geistigen, ja, auch nur der geistigen Kräfte allein ist hier wohl überhaupt nicht mehr vertreten. Aus dieser Zerstörung der Harmonie erklärt sich auch, warum die Juden f o feiten schöpferisch und so h ä n f i g kritisch, ja überkritisch veranlagt sind. In früheren, weit, weit zurückliegenden Zeiten, als die Juden noch ein ganzes Volk waren, als sie noch nicht die vorher genannten Klassen nahezu vollständig aus ihrem organischen Massiv ausgeschieden hatten, wird auch ihre leibliche und geistige Struktur, werden auch ihre Talente und Charaktere vollständiger nnd harmonischer, jedenfalls weniger spitz und schrill ausgeprägt gewesen sein. Sie werden damals nicht nur echte Dichter, sondern auch Staatsnnd Kriegsmänner von Bedeutung gehabt haben. Jetzt werden das ehrliche, wahrheitsliebende Juden — diese gibt es noch — wohl selbst nicht mehr behaupten wollen. Talentvolle Diplomaten, soweit geschäftliche Klugheit oder Rabulistik dazu ausreicht, mögen noch unter reinen, unvermischten Juden zu finden sein; schöpferische Staats- und Kriegsmänner von irgendwelcher Bedeutung wohl kaum. Auch das Beispiel Disraelis will nicht viel dagegen besagen; denn ob das, was Disraeli in der Kunst der Politik eigemümlich war, was er nicht von früheren englischen Politikern (Bolingbroke) einfach übernommen und verarbeitet hat. für England wirklich heilsam gewesen ist — darüber sind die Akten noch nicht geschlossen. Das wird erst die Zukunft klar an den Tag bringen. Selbst wenn nämlich unter den Inden noch schöpferische Staatsmänner zu finden wären, sie würden, zur Herrschaft gelangt, doch nur im Sinne der Ei haltungs- und Entwicklungsbedingungen ihrer Raffe, ihres Volksrudiments wirken können. Das für die Lebenszwecke eines anderen Volkes, einer anderen Raffe, zum Beispiel bei nnserigen, rein verstandesmäßig Abgezogene würde ihnen dann nichts nützen, seblst wenn sie es sich ehrlich aneignen wollten." Den ernsten Menschen mutet diese Betrachtung sehr wunderlich an. Die Harmonien des Innenlebens sind wahrlich nicht so wohlfeil, wie sie unser Autor schildert. Wer besitzt sie im modernen, komplizierten Leben mit seinen tausendfachen Differenzierungen? Wir alle, welcher Abstammung wir auch sein mögen, müssen im langen Kampfe nach einer Harmonie ringen, und selten ist unser Leben ganz ohne Sprünge nnd ohne Widersprüche. Dem Inden fällt es freilich noch schwerer, harmonisch zu sein, nicht aus inneren Gründen, sondern weil man ihm keine Ruhe läßt, weil man seine innere Entwicklung immer wieder durch äußere Hindernisse stört. Der Jude muß immer wieder gegen alle Vorurteile ankämpfen, und er gelangt daher noch schwerer zu einer wahren Harmonie. Besagt dies etwas gegen die Judenheit? Bildet das nicht eine schreiende Anklage gegen den antisemitischen Geist unserer Zeit? (Schluß folgt.) Einst nnd Jetzt. Dielendenlahmen Erklärungen des preußischer Kriegsmiuisters anläßlich der kürzlich im deutschen Reichstage abgeführten Debatte über die Nichtbeförderung jüdischer Reserveoffiziersaspiranten fordert unwillkürlich zn einem Vergleiche zwischen Einst und Jetzt heraus nnd für diesen gibt eine im Jahre 1837 erschienene und heute wohl aus dem Buchhandel verschwundene Schrift von Prof. Krug-Leipzig: „Kritische Geschichte öffentlicher Verhandlungen über die bürgerliche Gleichstellung aller Religionsparteien christlichen Staaten usw." (Leipzig, 1837, bei Chr. .C. Kollmann, Preis 16 Groschen), hochinteressante Anhaltspunkte. Die Schrift erhält ihre besondere Bedeutung dadurch, daß sie die parlamentarischen Verhandlungen über die Emanzipation der Juden, besonders in Sachsen, kritisch beleuchtet. Es ist vielleicht nicht ganz unangebracht, an der Hand dieser parlamentarischen Akten daran zn erinnern, mit welcher Wärme damals gerade von den höchsten Stellen die Forderung des Bürgerrechtes der Juden vertreten wurde. Als in der ersten Kammer über den § 4 eines Gesetzentwurfes, die Inden betreffend, debattiert wurde, sprach sich gegen ein nachteiliges nnd beschränkendes Amendement besonders