Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 27 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die In einer Pariser/Korrespondenz der „Voss. Zeitung", die eine Gerichtsentscheidung in Ehesachen mitteilt, werden recht bedauerliche Zustände bei den in Frankreich lebenden russischen Juden konstatiert. Die betreffende Mitteilung hat folgenden Wortlaut: Seitdem eine starke Einwanderung russischer Inden nach Frankreich eingesetzt hat, geben die Ehescheidungen dieser Einwanderer den hiesigen Gerichten viel zu schaffen. Nach russischem Gesetz ist eine Judenehe nur gültig, wenn sie vor einem Rabbiner geschlossen ist.. Nach französischem Gesetz hat eine solche Ehe keinen gesetzlichen Bestand, da es nur eine vor dem Standesbeamten geichlosseue anerkennt. Diese Gesetzeslage benützen die Leute auf verschiedene Weise, um sich der Ehefesseln nach Willkür zu entledigen. Entweder betrachten sie hier ihre russische Ehe als nicht bestehend .und geben eine neue ein, in welchem Falle sie von ihren verleugneten Frauen wegen Bigamie verfolgt werden, in anderen Fällen schließen sie hier vor dem Standesamt die Ehe, ohne sie durch einen-Rabbiner bestätigen zu lassen und erklären sich dann für frei, weil das russische Gesetz die standesamtliche Ehe nicht anerkennt. Der hiesige bürgerliche Gerichtshof hat nun in einem jüngst gefällten Urteil die Regel ausgestellt, daß der persönliche Status russischer Untertanen für Frankreich unerheblich und jede nach französischem Gesetz in Frankreich geschlossene Ehe vollgültig ist, auch wenn sie in Rußland als solche nicht anerkannt wird, weil kein Rabbiner an dem Akt teilgenommen hat. * * * Die Nominierung von zwei Kandidaten für den Posten des Chief Rabbi, die vor einigen Tagen erfolgt ist, hat in der englischen Jndenheit vielfachen Protest hervorgerufen. Der Wahlausschuß der „United Syuagogue" konnte sich weder für den Dayan Dr. Hyamson, noch für Dr. Herz ans New-Iork entscheiden, und. da Lord Rothschild auf die sofortige Vornahme der Wahl drängte, so hat man sich entschlossen, um beiden Parteien gerecht zu werden, zwei Kandidaten zu nominieren; damit wird die Wahl noch verschoben. Hinter beiden Kandidaten stehen eiustnßreiche Gruppen und der Wahlkampf verspricht wenig erbaulich zu werden. Die „Jewish Chrouicle" vergleicht die Lage mit der Konventiou der republikanischen Partei in Chicago — Kenner der hiesigen Gemeindepolitik versichern, daß jetzt beide Kandidaten gleich viel oder gleich wenig Chancen haben. * Bekanntlich hat der Senat in einer seiner jüngsten Sitzungen die Bestimmungen des russischen Dnmawahlgesetzes dahin ausgelegt, daß die Juden, denen der Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons nur bedingungsweise gestattet ist, vom Wahlrecht ausgeschlossen bleiben. Aus Grund dieser „Erläuterung" gehen z. B. die zahlreichen jüdischen Handwerker, die außerhalb des Ansiedlungsrayons wohtten dürfet:, sofern sie ihr Handwerk ausüben, des Wahlrechts verlustig. Wahlberechtigt bleiben außerhalb der Ansässigkeitszone nur die absolvierten jüdischen Akademiker und die Kaufleute erster Gilde. Demzufolge verlieren das Wahlrecht u. a. in Petersburg 6000 jüdische Wähler, in Moskau ungefähr die gleiche Zahl, in Kiew 7000, in Charkow etwa 1000 nsw. Von der Entziehung des Wahlrechts werden auch viele jüdische Zahnärzte, Chirurgen und Pharmazeuten betroffen, die das Wahlrecht bisher unangesochleu ansübten. * p * Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Sasanow, überreichte dieser Tage dem amerikanischen Botschafter die Meinungsäußerung der russischen Regierung betreffs der Erneuerung des im vorigen Jahre gekündigten russisch-amerikanischen Handelsvertrages. In dem Schriftstück wird ausgeführt, daß es für die russische Regierung eine Sache der Unmöglichkeit sei, die Beschränkungen für die nach Rußland reisenden Juden amerikanischer Staatsangehörigkeit aufznheben. So sehr Rußland den Vereinigten Staaten entgegenzukommen wünsche, könite es in diesem Punkte, der seine wichtigsten staatlichen Interessen berühre, keinerlei Zugeständnisse machen. ' -?° * * - Wahrheit. Nr. 27. Die Vorlage zu einem Gesetz, das .Analphabeten vott der » Einwanderung in Amerikaaüsschließen würde, ist nunmehr in ihrer bisherigen Fassung von der Tagesordnung' der Einwanderungsbehörde abgesetzt worden Und wird der Regierung in wesentlich abgeschwächter Form unterbreitet werden. In seiner neuen Fassung verlangt der Gesetzentwurf nur noch, daß der Einwanderer 50 Worte irgendeiner Sprache (also auch jüdisch oder hebräisch) lesen könne, während schon im Lande befindliche Emigranten nahe Anverwandte Nachkommen lassen können, selbst wenn diese des Lesens unkundig sind. Auch in der neuen Form wird gegen die Gesetzesvorlage —hauptsächlich von jüdischen Volksvertretern — energischer Protest erhöben. Zuweilen ereignen sich hier Vorfälle, die mit dem Begriff des „freien Amerika" seltsam kontrastieren. In einer Schule in Bedford ersuchte ein jüdisches Schulmädchen um Ausstellung einer Einlaßkarte zu einer bestimmten Veranstaltung. Die Eltern des Kindes, welche sahen, daß quer über die Karte der Vermerk „Jüdin" geschrieben war, ersuchten die Lehrerin um Angabe, was das zu bedeuten habe. Die eigentümliche Antwort lautete, daß Kartell für Judenlind N e g e r k i n d e r diese Bemerkung tragen müßten.' Seltsame Schwärmer Neben den berufsmäßigen antisemitischen Hetzern, deren Unwissenheit und innere Unwahrhaftigkeit einen jeden feineren Menschen abstoßen muß, gibt es auch noch seltsame Schwärmer, denen der Antisemitismus eine Liebhaberei ist. Psychologisch ist diese Spezies sicherlich interessanter. Die Natur dieser Leute ist komplizierter und auch reiner. Es sind sonst. ehrliche, häufig auch tüchtige Männer, die auf manchen Gebieten Hervorragendes leisten. Sie verspüren aber die unselige Neigung, ans fremdem Gebiete einem Dilettantentum zu stöhnen, und so wird der Antisemitismus zu ihrer Lebensmarotte. Mit kindlicher Naivität reden sie sich ein. in den jndenfeindlichen Instinkten die gefundene germanische Kraft zu erblicken, und von diesem Gesichtspunkte ans suchen sie alle Erscheinungen des Lebens zu beleuchten und alle Probleme sozialer, biologischer, politischer und nationaler Natur spielend zu lösen. Diese Leute bilden nicht immer eine komische Erscheinung, sie können'auch tragisch berühren. Es ist mit den geistigen wie mit den körperlichen Verkrüppelungen. Nttr Flachköpfe ltitb Rohlinge vermögen darüber zu lachen. Man denke sich jemand, der sonst ernst imb vernünftig ist, mit einer Fülle von Kenntnissen und Erfahrungen ansgestattet, über mattches richtig und gesund urteilt. Und nun gelangt derselbe Mensch plötzlich auf das Gebiet der Judenfrage, und er produziert die lächerlichsten, oberflächlichsten Urteile. Es ist, als wenn hier eine Manie wäre, gegen die die Vernunft ohnmächtig ist. Wirkt das nicht betrübend? Im allgemeinen wird man sagen dürfen, daß diese Schildertlng auf unsere dilettierenden Antisemiten zutrifft. Ohne jede tiefere Kenntnis auf diesem Spezialgebiete, arbeitet! sie mit halben Wahrheiten' und ganzen Verkehrtheiten und zimmern sich eine Weltanschauung, die aus heterogenen Teilen besteht, die nicht zueinander gehören. Der Antisemitismus bildet den Kitt, der die Löcher notdürftig ansfüllt. Sobald aber ein Hauch ernster Kritik dieses merkwürdige Gebilde berührt, fallen die Scherben auseinander und bieten einen unerfreulichen Anblick. Diese Welt- , anschanung gleicht einem Gebäude ohne Fenster, einem Gebilde ohne Plan. Die Instinkte bilden einen schlechten Leiter für das menschliche Leben. Zn dieser Kategorie gehört auch Herr Dr. 'S ch m i d t - ' G i e b i ch e n fe l s. Er gibt die „P o l i t i s ch - A n t h r opologische Revu e" heraus und hat schon manche ernste Betrachtung geliefert. Er ist zweifellos ein ehrlicher Mann, der in seiner Weise das Beste will. Sobald er aber das Gebiet der Judenfrage berührt, überläßt er sich ganz der Führung des instinktiven Elements, und es kommen merkwürdige Ansichten zum Vorschein. Im Maiheft seiner Zeitschrift finden wir einen Artikel aus seiner Feder unter dem Titel „Das Judentum und der Radikalismus". Anknüpfeud an das Buch von Oskar A. H.