Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 27 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Wieu> 11/, Nvvaragasfe 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Hvakhäugige Heitfchnft für Mische Aernü»peei»: Ganziühkig ...... K 14.— Halbjährig.. K 1.— Administration 4938/11. K. k. österr. Nostsparkasia- Scheck-Koino Nr. 100.918. Irrlerefse«. Für Uiiltnvbenmte: tSaiiziährig . . . . . . K 10.— Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreilng. Fiir?liishi»d: . Abonnementsnnd Insertion»- ««»»ztiiyrig.8 Mart betrüge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder IN Ire». Ur. 27 Wie», 12. I«li Inhalt: Aus der Woche. — Seltsame Schwärmer. — Einst und jetzt. — Jeder stirbt durch seine eigene Schuld. — Verschiedene Nachrichten. — Oesterr.-ungar. Kantoren-Verein. — Feuilleton: Der verlauste Sohn. - Ans der Woche. Während die sensationellen Enthüllungen des Redakteurs Brasul-Bruschkowsky selbst in Rußland nicht ohne Eindruck blieben und den Kiewer Gerichtshof veranlaßten, eine neue Untersuchung wegen Ermordung Jnstschinskys einzuleiten, fahren die deutschnationalen und czechisch-anlisemitischen Blätter in Böhmen unermüdlich fort, unter nachsichtiger Duldung der Staatsanwaltschaften durch aufreizende Ritualmordartikel den Volksgeist zu vergiften und die Blntlüge von Kiew — gleich dem Polnaer Fall — für ihre Zwecke anszubenten. Ganz Hervorragendes nach dieser Richtung leistete kürzlich die „A n s s i g K a r b i tz er V o l k s z e i t u n g", die wie die Prager „Selbstwehr" mitteilt, finanziell von der bekannten antisemitischen Firma Georg Schicht A.--G. gehalten oder zum mindesten sehr stark unterstützt wird. Diese Firma liefert aber alljährlich hunderte Waggons koscheres Ceres-Speisefett an jüdische Konsumenten besonders nach Galizien, und es wäre Psiicht der jüdischen Presse, ihren Leserkreis darüber aufzuklären, daß man durch den Kauf von Schichts Ceres-Speisefett indirekt die Ritnalmordlüge fördert. * -i- * Kurz vor Schluß des österr. Reichsrates haben die Abgeordneten S t r a u ch e r und Genossen betreffs Chikanieruug der jüdischen Reisenden in Rußland folgende Interpellation eingebracht: Nachdem das Vorgehen Rußlands vitale wirtschaftliche und kommerzielle Interessen nicht nur unserer Staatsangehörigen jüdischer Konfession, sondern auch unseres Handels in Rußland überhaupt empfindlich schädigt, und demnach geeignete Maßnahmen znm Schutze unserer Staatsangehörigen dringend notwendig geworden sind, richten die Unterzeichneten au die k. k. Gesamtregierung die folgenden Anfragen: „1. Ist dieselbe geneigt, im Wege des k. und k. auswärtigen Amtes bei der kaiserlich-russischen Regierung schleunigst und energisch vorstellig zu werden und zu intervenieren, damit alle Beschränkungen, Chikanen und Ansnahmsverfügungen für österreichische Reisende jüdischer Konfession in Rußland aufgehoben werden? ' 2. Ist die k. Regierung geneigt, durch unsere kompetenten auswärtigen Vertreter und Missionen alle von anderen Staaten und Regierungen in der gleichen Richtung bereits eingeleiteten oder eiuznleitenden Schritte wirksamst zu fördern und zu unterstützen? In Kcain findet mau noch viel weniger jüdische Einwohner als in den übrigen österreichischen Alpeuländern, aber trotzdem ist auch dieses Land vom antisemitischen Gift nicht freigeblieben und so stellte jüngst in der Laibacher Handelsnnd Gewerbekammer Handelskammerrat Ogrin namens der klerikalen Minorität einen Antrag, in welchem das Präsidium aufgefordert wird, eine systematische Propaganda gegen die Niederlassung jüdischer Gewerbetreibender und Kauflente in Krain, sowie gegen die Tätigkeit jüdischer Agenten in diesem Lande zu entfalten. Der Antragsteller verlangte auch die Herausgabe eines Zirkulars der Kammer an die kraiuische Kaufmannschaft, in welchem diese aufgeforderl wird, keinerlei Geschäftsverbindungen mit Wiener jüdischen Firmen eiuzugehen. Der Antrag, der die nötige Zahl von Unterschriften besaß, wurde unter lebhaften Protestrufeu der slowenischen Liberalen und der deutschliberalen Minorität dem Ausschüsse zugewiesen. 4- * * Vor einiger Zeit wurde bekannt, daß ein kaum dem Kindesalter entwachsenes jüdisches Mädchen gegen den Willen seiner Eltern im Kloster der Felizianerinnen in Krakan. das schon so viel Leid über jüdische Eltern gebracht hat, getauft wurde. Den Bemühungen des Advokaten Dr. Rafael Landau in Krakau gelang es damals, einen Gerichtsbescheid zu erwirken, auf Grund dessen die Klosterleitung verpflichtet wurde, das Kind den Eltern auszufolgen. Die Eltern kamen wohl, um ihr Kind in Empfang zu nehmen, erfuhren jedoch daselbst, daß das Mädchen angeblich sich nicht mehr im Kloster befinde, sondern vor einiger Zeit "nach Lemberg gegangen sei. Die Eltern schenkten dieser Behauptung keinen Glauben. Nun wird mitgeteilt, daß in demselben Kloster abermals vier jüdische Mädchen unter großem Pomp der Taufe zugeführt worden sind. Die Taufpatinnen rekrutierten sich aus den Kreisen der höchsten polnischen Aristokratie. Wie der Krakauer „Tag" zu berichten weiß, befinden sich in diesem Kloster noch neun jüdische Mädchen, welche demnächst der Taufe zugeführt werden sollen. Eines dieser Opfer entfloh vor einigen Tagen aus diesem Kloster, um zu ihren Eltern nach Przemysl heimzukehren. Ein zweites Mädchen ans Lemberg, das bereits getauft wurde und sich noch im Kloster befand, floh gleichfalls nnd will nun freiwillig zum Judentume zurückkehren. Es ist einfach unverständlich, weshalb diesem unwürdigen Seeleufang in Krakau nicht endlich einmal ein Ziel gesetzt wird. Wie wir erfahren, soll die von der letzten Czernowitzer Konferenz der Rabbiner zu schaffende Orgaiüsation auch zu dieser Frage Stellung nehmen nnd eine entsprechende Aktion eiuleiteu. 4° * *