Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 26 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 26. Die Wahrheit Seite II Feuilleton Der Verkaufte Sohn. Boii Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Dem Knaben fehlte der notwendige Ernst, jener sittliche Halt, welcher zur Erreichung jenes Triebes unbedingt sein mußte. -Ein Ben Thora war Samy nicht geworden, trotz der großen Mühe. die sich sein Pflegevater gegeben. Er hatte kein Interesse für das Judentum und seine Lehren. Diese Erkenntnis trübte ein wenig den Freiheitsransch welcher die Brust des Rabbiners durchströmte. So kam er in das Zimmer, woselbst Fran Lonise mit einer Näharbeit beschäftigt saß, während die kleine Rosa sich .mit einer Schularbeit abplagte. - „Kannst du Rätsel lösen, Louise?" „Wenn sie leicht sind, gewiß." „O, das ist ganz leicht, welches ich dir ausznlösen gebe. Des Vorstehers Sohn wird Bar-Mizwah und der Rabbiner sagt ein inniges: B o r u ch s ch e p u t r a n i," „Wie, Samy kömmt von uns weg?" „Du hast es erraten, liebes Kind." „Er wird mir sehr fehlen, und noch mehr unserer Rosa." „Mir nicht," erwiderte Ahronsou. „Ich fühle mich glücklich, daß ich die Verantwortung für den Jungen von mir ab- Wälze." Bei der Erwähnung ihres Namens hatte Rosa von ährer Arbeit ausgeblickt und gesagt: „Wer wird mir fehlen, Mütterchen?" „Niemand, mein Kind," beeilte sich der Vater zu antworten. „Samy wird jetzt bei Goldstein's wohnen, doch oft zu uns kommen, denn er hat uns lieb, und da wird er dir immer etwas mitbriugen." Die Augen des Kindes füllten sich mit Tränen. „O, bitte, Vaterl. lasse ihn nicht fort", flehte sie mit ansgehobenen Händen. „Wer soll mir bei den Arbeiten helfen, wer soll mir Geschichten e.rzählen und mit mir spielen, wenn er geht?" „Das alles geschieht wie früher, fürchte dich nicht, Röschen, du verlierst ja deinen Spielkameraden nicht." Doch umsonst war alles Trösten. Röschen konnte sich nicht beruhigen und krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren zarten .Körper. Ihre Eltern aber freuten sich doch damit, daß sie der auf ihnen lastenden Verantwortlichkeit enthoben wurden. Sie hatten ja ein liebes Töchterchen, dem sie ihre Liebe und Aufmerksamkeit zuwenden konnten, und das ihnen bei weitem nicht so viele Aufregungen und Sorgen verursachte, wie der fremde Junge. Das vielbesprochene Barmizwahfest, welches entgegen der früheren Abmachung im Goldsteinsichen. Hanse gefeiert wurde, war ein Doppelfest. Es wurde gleichzeitig die Wiederkehr des .Koufirmänden gefeiert, welcher unter solch seltsamen Umständen bisher in einem fremden Hanse gelebt halte. Seiner noch immer ängstlichen Frau hatte Goldstein ein- .znredeu verstanden,, daß der Baun gebrochen sei, welcher ihren Sohn gefährdet habe. Andächtiges Gebet, Reue über etwaige Missetaten und Wohltätigkeit, namentlich an dem armen Studenten Kobi, jetzigen Dr. jnr. Weiß, habe das böse Verhängnis abgewehrt. Viel dazu habe ihr heldenmütiger Entschluß beigetragen, das Kind so lauge als fremdes zu betrachten, so lange es unter ihrer Verantwortlichkeit sei. „Jetzt ist er es nicht mehr?" fragte Sofie gespannt. „Von jetzt, seiner Barmizwah au. wo er ein Sohn der Verpflichtung wird, muß er für seine Handlungen allein einstehen, und die Eltern sind, jeder Verantwortung enthoben, wofür auch der Vater mit einem kurzen Gebete den Dank ausspricht." Das, entschied. Die nervöse, stets vor^ ungewissen Gefahren zitternde Frau überkam ein Frieden und eine Ruhe, wie sie schon jahrelang an ihr nicht beobachtet wurde. Die gute Stube — damals kannte man im Lande selbst .in reichen Häusern keinen Salon — war von Gratulanten überfüllt, welche das Doppelfest im Hause des allbeliebten Vorstehers ztrm. Anlaß nahmen, um ihm ihre Glückwünsche auszu sprechen. Es war die ganze Gemeinde erschienen: Arm'und Reich, Vornehm und Niedrig. Alle wurden gleich freundlich empfangen und bewirtet. Frau Goldstein in ihrem neuen schwarzen Seidenkleide die dicke Goldkette »in den Hals, sah so frisch und glücklich ans. daß man es fast nicht geglaubt hätte, daß sie Mutter von zwei erwachsenen Töchtern sei. Letztere waren gar lieblich anzuschanen. Die ältere, Melitta, trug ihr glänzend schwarzes Haar, in schweren Zöpfen geflochten, kroneuartig um den Kops geschlungen, was ihr ein gar ernstes, vornehmes Aussehen verlieh. Die jüngere. Ludmilla, noch ein Backfischchen, war nicht mehr so lichtblond wie damals, wo wir sie znm erstenmale in Gesellschaft der Studenten Weiß gesehen. Ihr Haar und ihr Teint war etwas nachgedunkelt, aber letzterer frisch und rosig. Ihr Zopf, der über den Rücken laug herabfiel, schien dem zierlichen Köpfchen eine schwere Last zu sein. Diese verschiedene Haartracht ausgenommen, waren beide Schwestern gleich gekleidet. Sie hatten moderne, dunkelblaue Tnchkleider. ein feines, weißes Latzschürzchen und einen gestickten Halskragen, der mit einer goldenen Brosche zusammengehalten wurde. Trotz der Einfachheit dieses Anznaes hastete so manches Auge bewundernd an den schlanken Müdchengestalten, welche behend zwischen den Gruppen der Gratulanten durchschlängelten, um Erfrischungen und Delikatessen mancher Art hernmznreichen. Jeder erhielt von den Töchtern des Hanfes ein freundliches Wort und wurde zum Zngreisen genötigt. Es war ja alles in Hülle und Fülle da und wurde so herzlich geboten. 'Unter den frohen Gästen saß einer da, welcher an dev allgemeinen Freude nicht teilznnehmen schien, dessen hohe Stirne von Unmntsfalten bedeckc war und jedesmal wie schmerzlich zusammenzuckte, wenn sein Blick ans den Helden des Tages, Samy, siel. Es war dies ein eleganter, junger Mann, nahe der 30, dessen intelligentes Gesicht mit den geistvollen Angen aufs Vorteilhafteste von der Gesellschaft abstach, die sich da im Hause des Vorstehers drängten. Vielen von den Gästen war es ausgefallen. daß der sonst gemütliche, heitere Doktor Markus Weiß heute schweigsam, mit sorgenvollgefnrchter Stirn dasaß, als stände er am Lager eines unheilbaren Kranken, an dem all sein guter Wille und seine ganze ärztliche Wissenschaft scheiterte. Von der Familie des Hausherrn kümmerte sich niemand um den jungen Doktor. Man war es seit seiner Knabenzeit gewöhnt, daß er so wie sein jüngerer Bruder im Goldsteinsi'chen Hause wie ein Familienglied ein- und ansging, man sich nicht viel Zwang ihm gegenüber anflegte, sondern ihn quasi als Hausgenossen betrachtete. Nur der älteren Tochter des Hauses war der ungewohnte Ernst des Dokors ausgefallen. Sie drängte sich durch die Menge der Besucher bis nahe znm Doktor, und, indem sie ihm ein Gläschen Liqnenr anbot, flüsterte sie ihm zu: „Was fehlt dir, mein Lieb, daß du so ernst bist?" Doktor Weiß blickte auf und ein Strahl voll unendlicher Liebe entfuhr seinen geistvollen Augen. „Gut, daß du gekommen, Schatz, ich habe ans dich gewartet. Ich muß dich heute noch im Geheimen sprechen, in einer wichtigen unaufschiebbaren Angelegenheit." „Wo?" frng Melitta. „Bestimme du den Platz und die Stunde." „Um nenn Uhr Abends erwarte ich dich vor der Tür unseres Magazins." „Wir gehen daun hinein. Der Garten wäre mir lieber, wir wären dorr ungestörter." „Unmöglich. Der Schnee liegt dort fußhoch." „Also vor denl Magazin." Laß mich nicht lange warten, mein Lieb, es ist kalt." Gleich nach diesem Gespräche verabschiedete sich der Doktor einen wichtigen Krankenbesuch vorschützend. Melitta aber hatte ihre ganze Heiterkeit eingebüßt. Sie wußte, daß es nur eine sehr wichtige Angelegenheit sei, wegen welcher sie Markus zu so später Abendstunde bemühte. Seine ernste, fast traurige Miene hatte ihr verraten, daß es eine unangenehme Mitteilung sei^ welche er ihr dort unter vier Augen zu machen habe. (Fortsetzung folgt.)