Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 26 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Seite 6. Die Wahrheit Fürchten die Machthaber nicht, den Sinn der Bevölkerung für Recht und Gesetzlichkeit zu untergraben, ja die Anarchie geradezu selbst zu züchten, wenn sie derartig empörende Tatsachen in die Well setzen? Wahrlich, wer die Sorglosigkeit und Kühn-, heit der betreffenden Machthaber ermessen will, die sich in den augezogeuen Tatsachen dokumentieren, der kann sich einer Gänsehaut nicht erwehren. R. L. Ito-Koufereuz, Wie». Nach der Eröffnungsrede Israel Z a n g w i l l s, deren Wortlaut wir bereits in voriger Nummer, wiedergegeben, sprach der erste Vizepräsident der Wiener Kultnsgemeiude, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn: Meiuesehr verehrten Damen und Herren! Hochansehnliche Festversammlnng! Der Kultusvorstaud hat mir im Vereine mit den geehrten Kollegen Hofrat Dr. Rappaport und Gemeiuderat Frank — und uns hat sich eine namhafte Delegation von Kollegen ans dem Kultusvorstande angeschloffen — den ehrenvollen Auftrag erteilt. Ihre Versammlung, vor allem aber den gefeierten illnstren Führer und Präsidenten der „Jto", Mr. Zangwill, hier herzlich zu begrüßen. (Lebhafter Beifall.) Wenn ich mich dieser Aufgabe mit vollster Befriedigung entledige, genieße ich dabei auch noch den Vorzug, daß es mir gegönnt ist, bei dieser Gelegenheit auch die wackere und liebenswürdige Gattin unseres illnstren Präsidenten hier herzlichst willkommen zu heißen (lebhafter Beifall), wobei ich nicht unerwähnt lassen kann, daß nach Mitteilungen, welche ich erhalten habe, diese wackere Dame ihren Mann m allen seinen Bestrebungen lebhaft und kräftig unterstützt. Ich begrüße und feiere den Präsidenten Zangwill hier, nicht als den illnstren Schriftsteller, Dramaturgen und Literaten, ich betrachte ihn heute nur als den ausgezeichneten Inden, als welchen wir ihn durch eine Reihe von Jahren kennen zu lernen Gelegenheit haben. Wir bewundern die Begeisterung, mit welcher Israel Zangwill seinem Ziele zustrebt, aber noch mehr die Geduld und Ausdauer, welche er dabei an den Tag legt und die ihren beredten Ausdruck in dem wunderbaren Bericht gefunden hat, den er heute hier lieferte. Geduld und- Ausdauer sind in dem vorliegenden Falle eigentlich der wichtigste Teil. Kr selbst hat in seinem Berichte hervorgehoben, und es ist nichts Neues, was er uns gesagt hat. daß der Kampf, den wir führen, ein harter ist, nicht nur ein Kampf gegen Staaten und Regierungen, gegen Hasser und Feinde des Judentums, sondern ein Kampf gegen die Zerklüftung im Judentum, gegen Eifersüchtelei unter den Juden, ein Kampf gegen Jndifferentismus bei den Juden, ein Kampf, der tatsächlich große Kraft, eine ganz immense Geduld und eine ungeheure Ausdauer braucht. Als ob es sich mehr um das „Wie", wie man dem Ziele znzustreben hat, handeln würde, als um das „Was" — was wir zu erreichen wünschen und anstrebeu müssen. Ich gratuliere uns und gratuliere der ..Jto" zu ihrem Präsidenten und gebe gerne der Hoffnung, nicht bloß des Kultusvorstandes und dieser Versammlung, sondern der allgemeinen Hoffnung Ausdruck, daß er in diesem' Kampfe nicht ermüden werde und daß eS ihm mit Gottes Hilfe gelingen werde, jenes Ziel allmählich, wenn auch nur etappenweise zn erreichen, welches ihm bisher in allen seinen Tätigkeitsgebieten vorgeschwebt hat. Ich bin aber auch berufen, dem verehrten Präsidenten Zangwill die Sympathie und den Dank namens jenes vorbereitenden Komitees auszudrücken, welches über Wunsch einer angesehenen russischen Gruppe hier in Wien zusammengetreteu ist, um eine Emigrations-Konferenz vorzubereiten, die infolge äußerer Verhältnisse bisher allerdings nicht stattsinden konnte. Es mußte ans Gründen, die hier nicht entwickelt werden können, ein Stillstand eintreten. Die Sache ist aber noch nicht aufgegeben, und die Zeit muß abgewartet werden, wo die Dinge möglich werden und sich besser gestalten. Jene Konferenz hat sich auch nur jene Aufgabe gestellt, welche in dem Berichte unseres verehrten Präsidenten Ihnen zur Kenntnis gelangte, die Aufgabe des Zusammenschlusses aller jüdischen Organisationen, die sich mit der Not der Juden befassen und daran denken, diese Not zu lindern und allmählich zu benehmen. Dieses Komitee war bescheiden genug, sich nicht an die Spitze stellen zu wollen, ihr Streben war, nur einen Zusammenschluß tierbeizuführen, dann möchte die Führung wer immer übernehmen. Dieselbe Erfahrung, die unser Gast Heute uns in seinem Berichte zur Kenntnis brachte, hak auch dieses „Komitee gemacht. Es ist aber dadurch nicht abgeschreckt worden und die Schuld, daß nichts geschehen ist, liegt an den äußeren Verhältnissen. Hochansehuliche Versammlung! Der Kampf, der scheinbar nur für die Juden geführt wird, ist meiner Ansicht nach ein Kampf für die Sittlichkeit, ein Kampf für die Menschlichkeit. Und gerade die Behandlung der Juden zeigt, auf welch tiefem Grade sich die Sittlichkeit in allen sogenannten Kulturstaaten befindet. Wenn wir es heute erleben, daß das als liberal geltende England, daß Frankreich, la gründe Nation, welches immer zu seinem Ruhme vorgebracht hat, daß es für Menschlichkeit und Humanität kämpfe, wenn diese beiden Staaten um die Gunst jenes Rußland buhlen, in welchem der Kiewer Beilis-Prozeß vor sich gehen kann, der unsere Hilsner-Schmach noch weil übertrisfr, wenn wir weiters sehen müssen, wie Rumänien, welches kraft des Berliner Vertrages seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit erhalten hat, sich über diesen Vertrag hinwegsetzt und nicht einer von den sogenannten Kulturstaaten sich auch nur rührt, um Rumänien au seine Pflicht zu erinnern, so ist dadurch der Tiefstand der öffentlichen' Sittlichkeit, der öffentlichen Ethik, genug gekennzeichnet. Und es kann mich gar nicht wundern, daß unter solchen Umständen auch in der großen Masse die Verrohung eindringt und sich weiter verstärken muß. Ich glaube also, daß, wenn wir den Kampf für unser Judentum führen, wir auch für die höhere Sittlichkeit kämpfen, und daß wir au unseren Präsidenten und die Jto-Gesellschaft die Bitte zu richten haben, sie mögen weiter, unentwegt, ohne Rücksicht auf etwaige Anfeindungen, ihres Amtes walten und kräftig dem Ziele znstreben. Und der Gott, der uns Inden ja doch noch nie verlassen hat, möge diese Bestrebungen mit seinem Segen begleiten. Das walte Gott! Ich begrüße nochmals den Präsidenten und danke ihm im Namen der Gemeinde. (Lang-, anhaltender Beifall.) Nachdem noch Dr. K n ö p f m a ch e r als Delegierter der B'nai Brith, Herr Wilhelm P a p p e n h e i m namens der Wiener Allianz, Dr. Rn bin stein, Zürich und Rabbiner Dr. F e u ch t w a n g, Wien, gesprochen hatten, schloß der Vorsitzende Dr. Engel die Eröffnungssitzung mit folgenden Worten: „Gestatten Sie mir, namens des vorbereitenden Komitees dem Gefühle des Dankes Ausdruck zu geben, daß die Versammlnng io zahlreich besucht ist und uns eine so große Zahl illustrer Persönlichkeiten mit ihrem Besuche beehrt hat. Sie sind aber gewiß eines Sinnes, wenn ich, bevor ich die Versammlung schließe, noch speziell eines Mannes gedenke, den wir alle in unser Herz geschlossen, dieses Stolzes des Judentums, dieser Zierde der Menschheit, des Mannes mit dem Fenermnte in dem goldenen Herzen, unseres Zangwill. Wo Inden beisammen sind, da ist auch ein Gebet gestattet und so richten wir-denn nufer Flehen zu dem Allmächtigen, daß er diesen ausgezeichneten Mann im Vereine mit seiner Gattin bis an die äußerste Grenze menschlichen Lebens walten und schaffen lasse, zum Ruhme unserer heiligen Sache und zum Wöhle und Heile des Judentums! Hiemit schließe ich die heutige Versammlung. Nachmittags-Konferenz. Donnerstag, drei Uhr nachmittags, begann der vertrauliche Teil der Konferenz, welcher mit einem Referate Zaugwills über die verschiedenen Projekte, welche die Zentralleitung der „Jto" in den letzten Monaten beschäftigt haben und die noch zum Teile in Beratung stehen,'eingeleitet wurde. Besonders interessant und anregend war jener Teil seiner Ausführungen, welcher sich mit dem Anträge der portugiesischen Regierung, den Juden in ihrer afrikanischen Kolonie Angola ein großes Kolonisationsgebiet zur Ansiedlung zu überlassen und dem diesbezüglichen von der portugiesischen Negierung bereits angenommenen Gesetzentwürfe beschäftigte. Mr. Zangwill berichtete auch über seine Reise nach Lissabon .und über die Eindrücke, die er ans den Verhandlungen mit den verschiedenen portugiesischen Politikern gewonnen hat. Es wurden ferner Referate von dem berühmten