Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 26 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 26. nicht zu unterschätzender Bedeutung für nuseren Export sein könnte. Wenn demnach, wie voranszusehen, im Laufe der nächsten Zeit ein neuer Handelsvertrag zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten abgeschlossen wird urld hiebei die Bestimmungen über die Behandlung amerikanischer Staatsangehöriger jüdischer Konfession in Rußland eine Aenderung erfahren, so wird es dringende Aufgabe auch unseres auswärtigen Annes sein, alle von anderer Seite ausgehenden Bestrebungen zur Erreichung liberaler Bestimmungeil für Reisende jüdischer Konfession. bei der russischen Regierung aufs nachdrücklichste zu unterstützen, sowie insbesondere dafür zu sorgen, daß alle eventuell audereu Staaten gemachten Zugeständnisse auch den österreichischen Staatsangehörigen zugute kommen. .Die Unterzeichneten stellen den Antrag, die Kammer wolle wegen der für Reisende jüdischer Konfession in Rußland bestehenden Beschränkungen bei der k. k. Regierung vorstellig werden, damit diese im Wege des Auswärtigen Amtes bei der russischen Regierung auf die Aufhebung aller Beschränkungen für Reisende jüdischer Konfession hinrvirke und sich allen von anderen Mächieu in dieser Richtung emgeleiteten Schritten nachdrücklichst anschließe." * * * Das glücklicher Weise mißlungene Attentat des Abgeordneten Kovacz gegen den Präsidenten des Abgeordnetenhauses wird von antisemitischen Blättern noch immer ansgenützt, um gegen Juden und Judentum toszuziehen. Es ist wohl richtig, daß Julius Kovacs jüdischer Abstammung ist; er heißt von Haiise aus Paul Straßer. Was will das aber besagen? Kovacz, der übrigens schon wiederholt Spuren von Geisteskrankheit gezeigt hat und auch deswegen im Sanatorium verweilt hat, ist e i n Jude unter etwa 30 jüdischen Mitgliedern des ungarischen Parlaments, die zum Teile auf den Negierungsbäukeu sitzen. Wie nilsinnig die Behauptung der „Kreuz-Zeitung" ist, daß die „jüdischen Führer" in den ungarischen Wahlrechtskämpfen eine Hauptrolle spielen, geht schon daraus hervor, daß das jüdische Element auch in sehrrespektablem Umfange in den Regieruugskreisen vertreten ist. Der Landesverteidiguugsminister. Feldmarschallentnant Hazay, war noch vor kurzem Jude, und der Ministerpräsident Ladislaus von Lukacs wird vom Hochadel hauptsächlich darum angefeindet, weil er, obwohl er Katholik ist und seine von ihm geschiedene erste Frau noch lebt, doch eine zweite (Zivil-) Ehe mit einer Jüdin, der Witwe eines Budapester Bankiers, geschlossen hat. Es entbehrt auch nicht des pikanten Beigeschmackes, daß. wie wir der „B. Z. a. M." entnehmen, der Papst dem Ministerpräsidenten v. Lukacs seine Photographie mit eigenhändiger Widmung geschickt hat. Die Widmung lautet: Unserem lieben Sohne, dem EdelmanneLadislans v. Lukacs, senden wir im Schutze himmlischer Güte den apostolischen Segen in großer Liebe. Rom, 29. Mai, Pius X. * * * In Jloncza in Ungarn sind 40 griechisch-katholische Familien zur jüdischen Religion übergetreteu. Diese an und für sich ungewöhnliche Tatsache wird noch dadurch bemerkenswert, daß Jloncza im Komitate Bereg, im finstersten Chasarim liegt, wo nach Behauptung der Antisemiten vom Schlage Barta und Egard jeder Jude ein Shylock. ein geborener Wucherer und Bösewicht ist. Und nun übertraten in einem einzigen Dorfe des Chasorengebietes nicht weniger als 40 christliche Familien zum Glauben der Blutsaugerl Wahrhaftig. Die Ueberläufer von Jloncza machen die schönsten antisemitischen Verleumdungen zn Schanden! -i- Ä * Ueber die Behandlung jüdischer Reisenden in Rußland schreibt die „Franks. Ztg.": „Während die anderen Staaten den Schutz ihrer Staatsangehörigen den Uebergriffeu der russischen Bureaukratie in nachdrücklichster Weise und deshalb auch mit Erfolg wahrnehmen, haben deutsche Reisendewelche genötigt sind, nach Rußland zn reisen, fortgesetzt mit den ärgsten Schikanen zn kämpfen. Natürlich sind es zunächst deutsche Reisende jüdischer Konfession, gegen die sich die berüchtigten „Ausnahmebestimmungen" richten. Es dürfte bekannt sein, welchen Schwierigkeiten ein deutscher Jude bei der Erlangung des Paßvisums durch den zuständigen russischen Konsul begegnet. Während jeder deutsche christliche Reisende ohne irgendwelche Umstände das Visum erhält, wird , von den russischen Konsulaten an deutsche jüdische Reisende nur dann ein Visum erteilt, wenn diese handelsgerichtlich eingetragene Kausieute oder deren Bevollmächtigte sind. Anderen jüdischen Reisenden, wie Gewerbetreibenden, Akademikern ufw., ist überhaupt der Eintritt nach Rußland verboten. Aber auch nach Erteilung des Visums sind die jüdischen Kauflenle während der Dauer ihres Aufenthaltes in Rußland fortgesetzt neuen Schwierigkeiten ansgesetzt. Wie bekannt. muß vor jeder Abreise von Rußland nach dem Anslande der Paß mit einer Bescheinigung der russischen Polizei des letzten Aufenthaltsortes versehen werden darüber, daß dem Reisepaßinhaber der Austritt ans Rußland gestattet ist. Nach einem ganz willkürlichen Erlaß des Gouverneurs von Petrikau, in dessen Amtsbezirk die großen Industriestädte Lodz. Tschenstochau, Sosnowitz gelegen sind, werden jüdischen Kauflenten diese Bescheinigungen erst daun erteilt, wenn diese die russische Gewerbesteuer von 150 Rbl. (325 Mk.) pro Jahr bezahlt haben. Von christlichen Reisenden wird dagegen eine derartige, ganz ungesetzliche und den bestehenden Handelsverträgen mit Rußland direktwidersprechende Steuer überhaupt nicht verlangt, während deutsche Staatsangehörige jüdischer Konfession diese Steuer bezahlen müssen, auch wenn sie in Rußland selbst keinerlei Geschäfte betreiben. Ueber dieses ganz ungesetzmäßige Vorgehen eines russischen Bureankraten ist bereits vor einiger Zeit durch mehrere deutsche Handelskammern beim Auswärtigen Amte in Berlin Beschwerde erhoben worden, jedoch ohne den geringsten Erfolg. Es ist schwer zu glauben, daß Vorstellungen der deutschen Regierung, wofern sie mit dem nötigen Nachdruck nnternommen würden, gegen die Uebergriffe russischer Beamten sollten ohne Erfolg bleiben." * * ■ •5* , In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschien, wie wir einem alten Jahrgang des „Snlamith" entnehmen, bei Varrentrapp in Frankfurt a. M., redigiert von Dr. Julius von Hoeninghails, Ritter des päpstlichen goldenen Sporn-Ordens, eine „Universal Kirchenzeitnng usw. des Protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands." In der Ankündigung heißt es unter anderern: „Ebenso fern von geistesflachem Indifferentismus und sinnloser Religionsmengerei als von engherziger Intoleranz und herzloser Menschenfeindlichkeit ist das hohe Ziel ihrer (der Zeitung) Aufgabe: „Wahrheit in Liebe". Das Blatt enthielt drei konfessionelle Spalten, eine protestantische, eine katholische und eine israelitische, durchaus gleichmäßig und unabhängig nebeneinander. Lange, lange ist es her! * * * Wie man dem „Israelit" ans London mitteill, kommt neuerdings Dr. Samuel Daiches, Professor am hiesigen Rabbinersemiuar und Mitglied der philosophischen Fakultät der Universität London, ernstlich als Kandidat für die Stelle des Chief-Rabbi in Betracht. Herr Professor Dr. Daiches ist den Vorstehern der „United Synagogue" offiziell vorgestellt worden und hat den Auftrag erhalten, in fünf Londoner Synagogen an fünf Sonnabenden zn predigen. Gegen diese Schaupredigten find zwar in letzter Zeit verschiedene Stimmen laut geworden, aber die Vertreter der „United Synagogue", die eigentlich die Wahl vornehmen, halten daran fest, daß man der englischen Jndenheit nicht ein geistliches Oberhaupt ausbürden könne, das ihr in seiner Eigenschaft als Prediger und Redner unbekannt sei. Herr Dr. Daiches, der eine Zeit lang das Rabbineramt in Sunderland, die orthodoxe Gemeinde Englands, bekleidet hat und dessen Vater, der bekannte Oberrabbiner in Leeds ist, ist 35 Jahre alt und Schüler des Berliner Rabbinerseminars. * * * Die Verleihung der Baronie an Herrn Stuart Samuel, die anläßlich des Geburtstages des Königs erfolgte, ist von der gesamten Jndenheit mit Freuden begrüßt worden. Der Nobilitierte ist der'Brnder des Postministers Herbert Samuel und Parlamentsmitglied für Whitechapel. Baron Samuel ist ein streng orthodoxer Jude, und jedes Jahr berichtet die Londoner Presse über die „Koscher Dinners", die er seinen politischen Freunden im Unterhanse gibt, zu welchen auch der Premierminister gehört. Als Vertreter von Whitechapel im Unterhaus steht er mit der dortigen großen Judenmasse, die das Gros seiner Wähler darstellt, in enger Fühlung und es. sind nur