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Die Wahrheit · 1912-06-28 · Heft 25 (28.6.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 25 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 9. Nr. 25 Die Wahrheit Vielleicht werde man sich eittrüftet stellen, wenn das eine oder .andere Gebet oder die eine oder die andere Einrichtung, die .vor einigen Jahrzehnten gestrichen wären, wiederkehreu. Das neue Gebetbuch sei doch nicht unangreifbar, nachdem unseren alten Siddnr ein vielhnndertjäbriges Alter nicht vor empfindlichem Eingreifen geschützt habe. Derjenige darf, ohne sich lächerlich zu machen, nicht die ewig nnberührbare Dauer für die Satzungen Mosses, Meyers, Jacobys oder Breslauers in Anspruch nehmen, der die Satzungen Moses und Israels als lorrigibel betrachtet. Redner stellt dann als Gemeindeprogramm bestimmte Forderungen auf, die er unter drei, schon früher von anderen Seiten -betonten Gesichtspunkten betrachtet wissen will. 1. Ablehnung alles dessen, was die Ursprünglichkeit und Selbständigkeit des jüdischen Bewußtseins schädigen könne; 2. Dezentralisation der Knltnsverwaltnng; 3. Erweiterung der Betätigung der Gemeinde. Die rituellen Einrichtungen der Geineinde müßten den strengsten Anforderungen entsprechen; hebräische Sprache in Schule uub Synagoge erhalten, der Zionsgedanke in.den Gebeten wiederhergestellt werden. Vertiefung des Religionsunterrichts und der Kenntnis der jüdischen Geschichte. Einführung von Parochialbezirken. Wohlfahrt»-, Steuermnd Bndgetangelegenheiteu gehören der Zentralverwaltung, wie auch die Festsetzung der Znstäudigkeitsgrenzen für die Bezirksgemeinden rc. Die Bezirksgemeinden ordnen ihre Kultnsangelegenheiten selbst und wählen auch ihre Vorsteher und Knltusbeamten.- Gin jeder- Zensnsznr LVahlberechtigiulg soll aufhören; auf Grund eines allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts sollen die Verwaltungen in Proportionalwahl gewählt werden. Redner appelliert an den Gerechtigkeitssinn der Leiter der Gemeinde, daß sie diesem Rufe ans der Mitte der Gemeinde nicht länger ihr Ohr verschließen mögen. „Weatto m’ lochim 'hasskilu, hiwossru schaufle orez“ und unter Hinweis auf das Wort von Moritz Lazarus:' „Die Religion ist das Herz des öffentlichen Geistes, und unaufhörlich muß auch dies Herz schlagen, wenn nicht der Stillstand des Lebens herbeigeführt werden soll," schließt Redner seine Ausführungen mit der Aufforderung an die Anwesenden, mitzuhelfen, den Stillstand des -jüdisch-religiösen Lebens in Berlin zu verhindern und für frisches 'kräftig pulsierendes Leben zu sorgen. Lebhafter Beifall lohnte den Redner, an dessen Worte sich unter Teilnahme der Herren Eisner. Lesser, der liberalen Rechräsentanten-Stellvertreter Blankenburg und Dr. Rosenberg rc., eine lebhafte Diskussion anfchloß. Don der jüdischen Kolonijationsardeit in Palästina. Immer mehr kommt in der jüdischen Siedlungsarbeit ein neues Prinzip zur Geltung. Während die Zionsfrennde einer früheren Epoche das Hauptgewicht auf den p r i v a t r e ch tlichen Erwerb des Bodens legten und der politische Zionismns die Idee der öffentlich-rechtlichen Sicherung verkündete, bricht sich jetzt die. Erkenntnis Bahn, daß es auch einen dritten Faktor gibt, der von ebenso großer Bedeutung für die Zukunft der Kolonisation ist, nämlich: Die jüdische A r b eit auf jüdisch e nt Boden. Man ist heute wohl allgemein zur Ansicht gekommen, daß ein Plantagenbesitz in 'Palästina, aus dem lediglich nichtjüdische Arbeiter beschäftigt werden, sich nicht wesentlich von einem jüdischen Gute in Galizien unterscheidet, auf dem nur polnische oder ruthenische Arbeiter zu finden sind. Der jüdische Natioualfouds, der sich aus kleinen Anfängen zur einer der mächtigsten jüdischen Weltinstitntionen emporgeschwnngeu hat, und der im letzten Jahre eine Jahreseinnahme in der Höhe von 700.000 Frcs. ausweisen konnte, hat die Wichtigkeit und weittragende Bedeutung dieses neuesten Prinzips llar erkannt und seine Tätigkeit darnach eingerichtet. Nicht nur, daß er auf feinen Gütern und in den Siedlungen, der von ihm geförderten Gesellschaften (Siedlnngsgesellschafr ^Erez Israel-, Palestine Land Development Company) in Hulda und B e n s ch ein e u bei Jaffa, in M e r ch a w j a, in der Ebene Jsroel, in Kinereth und Dagania am Tiberiassen eine große im stetigen Wachsen begriffene Zahl von jüdischen Arbeitern beschäftigt, er hat sich auch der Arbeiterfürsorge in den Kolonien zilgewaudt und kann auf diesem Gebiete bereits auf bedeutende Erfolge Hinweisen. In den Kolonien Petach Tikwah und Chedera hat er mit einem Kostenaufwand von Frcs. 40.000. für die unverheirateten Arbeiter Heime gegründet, an deren weiteren Ausbau jetzt geschritten wird. Durch eine Spende des Herrn Ing. Salomon H a l p e r i n ans Kiew in der Höhe von Frcs. 30.000 wird er in die Lage versetzt, ein großes Heim in der Siedlnngsgenosfenschaft Nerchawja, sowie Einzel-Häuser für aschkenasifche und yemenitische Arbeiterfamilien zu bauen. Der Ban der 12 yeulenitischen Häuser in Petach Tikwah und von drei Häusern für aschkenasifche Arbeiter, gleichfalls in Petach Tikwah oder in Chedera, soll demnächst in Angriff genommen, werden. Bekanntlich ist dem jüdischen Natioualfouds auch der David und Fanny W o l f f s o h n f o n d s airgegliedert, ans dessen Mitteln mit einem Aufwand von Frcs. 15.000 bisher fünf Häuser in Petach Tikwah, fünf in Rechoboth. vier in Rischon le Zion und eins in Wadi el Chaniu gebaut worden sind. In diesem Zusammenhänge soll nicht unerwähnt bleiben, daß auch der Verein „Esra" in Berlin sich auf dem Gebiete des Arbeiterhänser-Baues rühmlich betätigt hat. Diese ganze Tätigkeit reicht aber noch nicht entfernt hin, um dem großen Mangel an Arbeiterwohnnngen abznhelfen. Die Frage wird besonders dringend angesichts einer neuen Erfcheinttng, die sich in letzter Zeit immer stärker bemerkbar macht. Es ist dies die immer zitnehmende E i u w a n d e r u n g der y e m e n i t i s ch e n I u d e n. Die jüdische Presse hatte schon öfters Gelegenheit über diese unsere Stammesbrüder ans den fernen südlichen Arabien zu berichten. Immer mehr bestätigt sich die sehr günstige Meinung, die man gleich von Anfang an in Palästina über sie gewonnen hat. Man ist sich darüber einig, daß wir es hier mit einem fleißigen und genügsamen Arbeiterelement zu tun haben, das im fernen Jemen die altjüdischen Tugenden einer hohen Religiosität und strenger Sittlichkeit rein und unverfälscht bewahrt hat. Die geringen Ansprüche, die die Jemeniten an das Leben stellen, versetzen sie in die Lage, mit Erfolg den Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt anfzunehmen. Es ist ganz klar, daß sie fiir die jüdische Siedlung nicht nur in nationaler Beziehung das beste Arbeitermaterial bilden, sie sind auch wirtschaftlich ein äußerst wertvolles Element, da man sich auf ihre Ehrlichkeit und ihren Fleiß unbedingt verlassen kann. In erster Linie muß aber dafür gesorgt werden, daß die Jemeniten in den Kolonien Beschäftigung nnd Unterkommen finden, denn sobald sie in den großen Städten abwandern, wo es keine genügende Arbeit für sie gibt, so ist es. wie es die Tatsachen leider schon gezeigt haben, zu befürchten, daß sie die Bettlerbevölkerung nur vermehren würden. Was nun dieArbeitsaelegeuheiten betrifft, so liegen die Verhältnisse sehr günstig. Für absehbare Zeit wird es für viele tausende Jemeniten in den jüdischen Kolonien reichlich Arbeit geben. Anders verhält es sich mit der Wohnungsfrage. Die Kolonien sind begreiflicherweise nicht in der Lage, den Ban von Arbeiterhänsern in großem Umfange selbst in die Hand zu nehmen, und da die Jemeniten vollständig mittellos ins Land kommen, ist von ihrer eigenen Initiative auch nichts zu erwarten. Hier können also wieder nur Kolonisativnsgesellschaften eingreifen, nnd in erster Reihe hat es sich der Jüdische Nationalfouds zur Aufgabe gestellt, das große Problem der Beschaffung von Wohnungen für die yemenitischen Einwanderer zu lösen. Während der letzten Anwesenheit seiner Direktoren Dr. Bodeuheimer nnd Dr. Tschlenow in Palästina hat er gleich Frs. 23.000 für den Ban von Iemenitenhäusern bewilligt. In den letzten Tagen sind weitere Frs. 30.000 bewilligt worden, und für das nächste Jahr ist die Gewährung von mindestens Frs. 50.000 in Aussicht ge-

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