Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-06-28 · Heft 25 (28.6.1912) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 25 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063648--07938-3075064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8. Die Wahrheit. 9ir. 25. nvmmen. au den Tisch des Herrn zu gehen und von seinem Leid und Blut zu genießen. Nun ja, man nehme das Abendmahl in der vornehmsten Gesellschaft, habe dabei Anwartschaft auf die höchsten Staatsämter; solle man da soviel Umstände machen der bloßen Lüge, des bloßen geistigen Verrats, der bloßen Lästerung der Wahrheit wegen? Da das innere Bedürfnis zum Gebete fehlte, so mußten die aus äußeren Gründen das Gotteshaus Besuchenden künstlich andächtig gestimmt werden. Das den katholischen Geistlichen und protestantischen Predigern entlehnte Ornat ersetzt den alten Gedetmantel. So ist die Reform nicht das Resultat einer Entwicklung. — des Hervorsprießens frischer Keime auf dem alten Boden, sondern einfach die Verwüstung des Alten. Die Thora wird, wie ein Gelehrter sich ansdrückte, ans den Seziertisch einer leichtfertigen Kritik gelegt, die talmudischen Entscheidungen für ungiltig erklärt; die so entstehende „Theologie" würdigt den Rabbinismus herab, verlangen aber für ihre lediglich ans Phrasen und Floskeln bestehenden Gutachten rabbinische Giltigkeit. So ist die Reform eine-künstliche Pflanze, die auf dem Boden der Inden-Emanzipation ans das Judentum aufgepfropft wärelDie gebildeten Inden nahmen von den neuen Rechten mit Eifer Besitz und wollten, wenn in ihnen das jüdische Gefühl noch nicht ganz erloschen war, das Judentum der es umgebenden Welt angepaßt wissen. Zielbewnßte Rabbiner, voll Begeisterung für das Judentum. hervorragende Gelehrte, die das gesamte Gebiet der jüdischen Wissenschaft beherrschen, verschwinden aus den Rabbinatsfitzen der jüdischen Gemeinde, und wer waren die Männer, die hauptsächlich an ihre Stelle treten? Durchweg inferiore Geister. Meister des Pastoralen Pathos, Verkünder einer Pastoreu-Ethik, Apostel einer erdichteten Mission des Judentums. Für diese Bestrebungen einer öden Gleichmacherei maße man sich den Namen „Liberalismus" an. und glaube alle diejenigen, welche an den Traditionen sesthalten, durch die Bezeichnung „Orthodox" herab würdigen zu können. In der Einleitung zu seiner Schrift „Zur Lehr und zur Wehr" führe Professor Berliner ans, daß ans jene Liberalen die Bezeichnung „Hellennisten" eher passe, jene Orthodoxen aber unter Berufung ans die 2 Mischna des 6. Perek die Bezeichnung „liberal" passe. Das Beste habe man dem Judentum genommen und ihm znm Ersatz einige Phrasen gegeben, die ein absolutes Vacnnm an geistigen Werten und idealen Gedanken hinterließen. Unsere Philantropen haben versucht, dem Volke zum Teile die Leiber zu erhalten, die jüdische Seile haben sie absterben lassen. Eine merkwürdige Art des Liberalismus ist es, die ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer und die übernommenen Traditionen dekretiert: Gebete willkürlich zu beten; äußerer Aufputz sei das leitende Prinzip, nicht Freiheit des religiösens Denkens. Diesen Liberalismus bezeichnete Dr. Schreiner, als Verwesnngsliberalismns. und dieser Berwesnngsliberalmus sei die Staatsraison der jüdischen Kehille. Redner vergleicht dann den inneren Wert des Gottesdienstes in den Gemeindesynagogen mit dem in den zurzeit vom Professor Rabbiner so geschmackvoll Winkel-Synagogen benannten Betlokalen der Privatvereine. In den Synagogen-Palästen mit ihrer äußerlichen Feierlichkeit ohne innere Wärme treten nicht Kinder in das Hans ihres himmlischen Vaters, sondern wohlerzogene Herren und Damen statten daselbst einem ihnen selbst fremdgewordeneu Herrn gelegentlich einen Anftandsbesuch, nach den Regeln einer wohlbewachten Etikette ab. „Ist das der alte Gott Israelis", fragt Redner, „der die gebrochenen und demütigen Herzen tröstet, zu dem die Demütigen und Schlichten kommen, zu dem man in der Seelennnot schreit, in der Freude jauchzend anfjubelt." Durch den Fortfall der stillen Tefillah habe die wirkliche Andacht daher nachgelassen. Redner weist dann im einzelnen nach, wie man wundervolle Gebetstücke durch nichtssagende, ihren Verfassern nicht zur Ehre gereichende deutsche Gebete ersetzte. Beim Ansheben und Einheben habe man die Gebete verstümmelt; die wunderbaren Psalmen 24 und 29, die herrlichen Poesien eines Königs David lasse man fortfallen. Redner weist auf die Ausführungen erster Kommentatoren hin und bedauert, daß inferiore Machwerke derartig hochstehende Geistesprodnkte ' hätten verdrängen können. Die Schlußworte beim Einheben „vüaässoll jomZnnL'lrsäsrri.",. erneuere unsere Tage-wie ehedem, übersetze. man, „erneuere unsere Tage zu unserem Heile." Wenn sich ihm gegenüber ein Rabbiner darauf berufen hätte, es stände so in der Liturgie, io müsse er bedauern, daß es möglich sei, auch wenn es in der Liturgie stände, daß ein Rabbiner eine gefälschte Uebersetzungi Vorträge, durch welche man die geschichtliche Vergangenheit, leugne. Nur e i n Rabbiner fände den Mut, die richtige Uebersetzuug vorzutragen. Wie könne man denn zu den Rabbinern- Vertrauen haben, die sich so sehr den Anordnungen der Liturgie' fügen, unter Aufgabe ihres eigenen Empfindens und ihres eigenen Charakters? Auch wies Redner auf Fälle hin, in denen die Predigtensich von einem Tag znm andern widersprächen. Ein beliebtes Thema sei es, ans die guten Sitten der Väter hinznweifen und Dinge als absolut hmznstellen, die es gar nicht wären, sondern einfach bei der Berliner Gemeinde Verständnis- und pietätlos abgeschafft wären. So feierte ein Rabbiner den Umstand, daß. die Sprüche der Väter ein Bestandteil des Gebetes gewesen wären, als eine Waffe gegen alle Anfeindungen von außen; ein anderer schilderte seine selige Mutter, wie sie am Nachmittage eines Sonnabends im Winter „borachi nafschi" sage und feierte diesen 104. Psalm in begeisterten Worten, ein Dritter' bräche eine Lanze für „Kol nidre." Die Erinnerungen au unsere Eltern sollten nicht durch Phrasen gepflegt werden, sondern dadurch, daß man jene Gebete wiederherstelle und für ein würdiges „Sagen" derselben sorge. Anreden, und ans nichtjüdischen Predigten entnommene Phrasen, wie „Beken Nergemeinde", „Heilsegnnngen", die Transponierung ganzer Stellen in das Jüdische sollten unterbleiben. Die alten Rabbiner hatten derartiges nicht nötig, sie waren originelle Persönlichkeiten und Charaktere gewesen, weil ihre Glnbensfestigkeit sich auf ernstesjüdisches Wissen gestützt hätte, demgegenüber unsere modernen Rabbiner durchweg weit zurückblieben. . . . Der Inhalt der modernen Predigten beweise dies undwie viel'Wesens mache man oft von ihnen. Mirza Schaffy im Parsenland war verwundert, daß man Fürsten mit Lob überhäuft, „weil mit Verstand sie reden oder schreiben". Am Ende hätte man auch keinen Anlaß, unsere Rabbiner so sehr in den Himmel zu heben, ihnen so außerordentliche Anerkennung zu zollen, wenn sie endlich etwas sagen, was selbstverständlich erscheinen sollte, und unseren Alten selbstverständlich erschien. Unsere alten Rabbiner hätten sich aber manche unerfreuliche Erscheinung der Jetztzeit nicht bieten lassen. Redner schildert so z. B. die Lächerlichkeiten, welche das Streben nach äußerem Aufputz in der Synagoge Hervorrufe; wie der Gemeindediener den Kiddnsch-Becher überreiche und dabei exakte militärische Wendungen mache, wie er im Paradeschritt die Barmizwah- Knaben zur Empore führe rc. „Ist denn." so fragt der Redner,, „die Bimoh ein Exerzierplatz", ist denn der einzige Standpunkt,, von dem aus die Barmizwah-Feier zu betrachten ist, der Standpunkt des Parademarsches? Er bedauert, daß die Synagogen-Vorsteher einem solchen Uufnge nicht steuern, bedauert die Art, wie diese ausgewählt wurden, ohne Rücksicht auf ihre Wohnung und ihr Verhältnis zu der betreffenden Synagoge. Nur so sei es möglich gewesen, daß sich eine Art Schamossim-Wirtschaft heransgebildet habe, daß die Verteilung der Mizwaß mehr im Interesse der Gemeindediener als der Gemeinde erfolge, chaß ein Trinkgelderunfng am Sonnabend und Festtagen, selbst am Jomkippur in der Synagoge selbst Platz greife rc. Die Gemeinde habe den Fehler gemacht, die Anbringung von Kasten zur Aufnahme der Gebetbücher an den Bänken zu unterlassen; wenn sich jetzt die Gemeindemitglieder-solche bestellten, so würde seitens der Gemeindediener nicht sowohl der wirkliche Kostenpreis, als ein Preis berechnet, dem eine progressive Skala nach den Vermögens- Verhältnissen des Reflektanten zu Grunde zu liegen scheine. Dies - seien Mißstände, die von Wissenden in fast allen Synagogen beobachtet werden, und zn deren Beseitigung es endlich nötig sei, die Flucht in die Oeffentlichkeit zn wagen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.