Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 25 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10.. Die Wahrheit Nr. 25. nommen. In diesem Jahre sollen noch hundert Häuser fertiggestellt und mindestens ebenso viele im nächsten Jahre gebaut werden. Der Jüdische Nationalfonds, der indes viele andere wichtige Aufgaben zu bewältigen hat, ist mit diesen Bewilligungen bis an die äußerste Grenze gegangen. Es läßt sich aber nicht verkennen, daß eine gründliche Lösung der Frage weit höhere Ansprüche stellt. Sollte es gelingen, in wenigen Jahren die Ansiedlung von einigen tausend yemenitischen Familien durchznführen, so wäre damit eine Tat für die jüdische Zukunft in Palästina geleistet, deren segensreiche Folgen nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Man könnte ruhig behaupten, daß damit eine neue Epoche in der jüdischen Siedlungsarbeit eingeleitet wäre. Der Ban eines Einzelhauses nebst Ankauf eines kleinen Gartens erfordert einen Kostenaufwand von ungefähr Frs. 1000. Jeder wohlhabende Jude sollte eine Ehre darein setzen, durch eine Spende von Frs. 1000 dem Nationalfonds die Möglichkeit zu geben, eine Jemenitenfamilie anzusiedeln. Das Bewußtsein, durch diese Spende der jüdischen Voltsarbeit in Palästina die schaffende Kraft einer jüdischen Familie zugeführt zu haben, dürfte für den Spender eine erhebende Genugtuung bilden. Feuilleton. Der verkaufte Sohn. Bon Babette Fried, Prag. * (Fortsetzung.) Trotzdem hatte die Liebe und Fürsorge des Rabbinerschen Ehepaares zu ihrem Pflegesohne keine Einbuße erlitten. Nach wie vor war klein Samy der Liebling des bis vor kurzem kinderlos gewesenen Ehepaares.Die Erwartungen jedoch, welcheEltern und Pflegeeltern in den Knaben gesetzt hatten, erfüllten sich nur znm Teile. Samy war talentiert, faßte beim Lernen sehr leicht auf, über feine Charaktereigenschaften entsprachen nicht der sorgfältigen Erziehung, die er bei dem redlichen, pädagogisch gebildeten Rabbiner genossen. Vermag eine überzärtliche Mutter schon, ein Kind zu verderben, vermögen zwei solcher Mütter es noch viel eher. Und diese besaß unser lieber Samy. Zu Hause umgab ihn Frau Louise mit aller möglichen Liebe und Nachsicht. Sie fürchtete immer, daß der Knabe etwa bei ihr mütterliche Zärtlichkeit vermissen werde; seine Unarten, die immer bedenklicher anstraten, wollte sie nicht mit der erforderlichen Strenge rügen, immer war sie besorgt, daß ihr einst Mangel an mütterlichem Gefühle für den Pflegesohn vorgeworfen werden könnte. Kam aber der Knabe zum Besuche in sein wirkliches Vaterhaus, da überschüttete ihn die überglückliche Mutter mit Liebkosungen, fütterte ihn mit Leckerbissen und auserlesenen Näschereien. Die Schwestern, welchen man gesagt hatte, daß Samy ans dem Grunde außer Haus erzogen wurde, damit ihn nicht das Schicksal seiner Brüder treffe, erblickten in dem jüngeren Brüderchen das Opfer eines unglückseligen Verhängnisses/ das über ihrem Elternhanse waltete. Darum überhäuften auch sie ihn mit den Beweisen der zärtlichsten, durch Mitleid verstärkten Liebe. Und Samuel ließ sich alles dieses gerne gefallen und richtete darnach seine Lebensweise ein. Wußte er doch, daß die dummen Dinger, wie er seine Schwestern nannte, jeden von ihm begangenen Bubenstreich und veranlaßten Schaden mit ihrem Taschengelde beglichet! und alles vertuschten, damit das liebe, herzige Brüderlein von seinem bösen, strengen Pflegevater keine Rüge oder. Gott behüte, gar Strafe erhalte. Kurz, es geschah alles Mögliche, um ans dem talentierten Kinde einen schlimmen Jungen zu machen. Nun war dieser fast dreizehn Jahre alt geworden und er bereitete sich zu seiner Bar-Mizwa vor. Er hatte seinem Pflegevater vielen Kummer bereitet. Sich sagen zu müssen, daß er die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt habe, versetzte Ahronson in tiefe Betrübnis und vergällte ihm die Freude, die er an seinem eigenen, lieben, guten Töchterchen hatte. Der Rabbiner . ging - mit dem Plane um, aus Anlaß: Samys bevorstehender' Bar-Mizwah diesen wieder ins Elternhaus zu bringen, das er-niemals hätte verlassen sollen. Er ging diplomatisch zu Werke. Eines schönen Tages begab er sich zu Goldsteins, um mit diesem Rücksprache zu nehmen. Lange mußte, der Rabbiner-, warten, bevor sich der viel-' beschäftigte Mann lösreißen konnte, nm die Zeit zur Erledigung einer außergeschäftlichen Angelegenheit zn finden. Die ernsten Mienen des Rabbiners machten ihn betroffen. „Was ist's, Herr Rabbiner, was geht vor? Ist inder' Gemeinde etwas vorgefallen?" „Nichts ist geschehen, Herr Goldstein! Ich komme Sie nnr darauf aufmerksam machen, daß unser Samy in einigen Tagen Bar-Mizwah wird." „Weiß schon, weiß schon, meine Frau läßt mich so was nicht vergessen. Die hat mich schon längst daran erinnert. Sie haben ihm schon früher Teffilin^) und einen neuen Talis^) gekauft. Von mir bekömmt er eine silberne Uhr mir Kette, von meiner Frau wird er mit Kleidern und Wäsche ansgestattet,, die Mädels machen irgendeine Handarbeit, ich glaube, sie sticken einen Talis- und Teffilinbentel. S i e lernen ihm Mastis) vortragen und studieren ihm eine schöne Droscht) ein, Ihre Frau sorgt für Erfrischungen für die Gratulanten; so wird jeder beitragen, daß dieser Tag zn einem wahren Familienfeste wird- Damit ist alles in Ordnung." „Nicht alles, Herr Goldstein. Samy wird au diesem Tage zum erstenmale zur Thora gerufen. Unter welchem Namen foller den Segensspruch bekommen?" Etwas betreten antwortete Goldstein: „Im Gegensätze zu der neuesten Gepflogenheit, den Kindern hypermoderne Namen: zu geben, welche keine Ähnlichkeit mit ihrem wirklichen.hebräischeu haben, ließ ich meinen Sohn Samy nennen, gleich seinem hebräischen Namen Samuel." „Nicht dieses glaube ich. Wenn er zur Thora gerufen wird, muß auch der Name des Vaters genannt werden. Soll es mein, oder Ihr Name sein?" Ich glaube, meinen Namen; es ist doch mein Kind, mein Fleisch und Blut." „So ist es recht. Das wollte ich hören. Eines unsinnigen: Aberglaubens wegen, den ich noch dazu sündhaft nennen möchte, haben Sie Ihren einzigen Sohn vom Vaterhaus? ferngehalten,, und wenn ihm auch bei uns nichts fehlte, er war ja doch in der Fremde, aus dem Kreise der Seinen ausgeschlossen." Goldstein rechtfertigte sich damit, daß es der Gesundheitsnnd Gemütszustand seiner Frau erfordert habe, ein ch ungewöhnliches. Mittel zu ihrer Beruhigung zu ergreifen. Er gestand, daß er in den zwei Jahren, wo das Kind im Elternhause lebte, alles versucht habe, seiner Frau diese Idee,, das Kind ans dem Hause zu geben, auszureden, aber alles vergeblich. Einer welterfahrenen, gebildeten Frau kann man etwas begreiflichmachen, sie "von einem Vorhaben abbringen; einer . begriffsarmen muß man nachgeben, wenn man es nicht aufs Aeußerste ankommen lassen will. Aber jetzt, wo der Junge nach biblischem Recht selbständig wird und für seine Handlungen selbst aufkommen mnß, wird auch sie ihn gerne wieder zu sich ins Hausnehmen. Hocherfreut verließ Ahronson das Hans seines Freundes. Es schien ihm nicht anders, als-hätte jemand eine schwere Last von seinem Herzen gewälzt, unter deren Wucht er nur mühsam Atem geschöpft hatte. Frei fühlte er sich jetzt, frei vor Gott undseinem Freunde Er hatte das übereilte Versprechen, welches er sich von Goldstern abpressen ließ, eingelöst, fo oft er es auchbereut hatte. Heil und gesund führte er seinen Pflegling in-das Elternhans zurück. „Heil mrd gesund?" so fragte er sich zögernd, doch nicht - ganz. Körperlich wohl. Aber wird der Knabe die von seiner törichten Mutter in ihn gesetzten Hoffnungen auch erfüllen?' Dazu war wenig Aussicht vorhanden. (Fortsetzung folgt.) l) Gebetriemeil, 2) Gebetmantel, 2) Haftorabortrag, 4) Rede.)