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Die Wahrheit · 1912-06-28 · Heft 25 (28.6.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 25 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25 Dle Wahrhelt' *Seite 7.' Pch mit denen unseres Zentralrates. Solange die Arbeiterpartei an der Macht ist, ist 'sogar eilte englische Eluwauderung erschwert. .Das Höchste, was nichtnur .hier, sondern in jedem anderen 'Teile Australiens zn erhoffen ist, wäre die Siedlung von 5 höchstens 10.000 jüdischen Farmern auf dem Lande. Australien ist so blind für das Reelle, daß sie selbst ihre tropischen nördlichen Territorien, so behandeln, als ob die weißen Emigranten, keine sehnlicheren Wünsche hätten und von nichts Anderem träumten, als dieses unbrauchbare Land zn besetzen. Zudem wir so einige andere Möglichkeiten ins Auge faßten, wandten wir uns abermals Nord- und Süd-Amerika zn. Unser geschätzter Kollega, Mr. Joseph Fels, ging nach Mexiko und hatte mit dem da- .maligen Präsidenten der Republik, D.iaz. eine Unterredung, der sich bereit erklärt hatte,. Inden willkommen zu heißen, jedoch mehr in ihrer Eigenschaft als Handelsleute und weil die Entwicklung, welche die Tüchtigkeit nud der Fleiß der Inden dem Lande Mexiko bringen würden, es in die Lage versetzen würde, Kolonisten in ihrer eigenen Provinz zu besitzen. Es lagen uns auch einige Pläne für den Landankanf in Mexiko vor, darunter ein Änbot von 2 Millionen Acker in Tepic — ein Landstrich, der scheinbar reich und gut bewässert ist und obgleich zu klein, doch eine Ausdehnung nicht unmöglich macht. Aber die ungeordneten Verhältnisse im Lande haben unsere amerikanischen Konseils von der näheren Prüfung dieses Vorschlages abgehalten. Mr. Fels , hat auch in Paraguay Land gekauft nud das Land selbst ausgesucht, welches jüdischen Emigranten Beschäftigung bieten -und auch eine unansehnliche Kolonisation möglich machen würde, aber dieses Land ist wieder zn teuer. Ans Brasilien wurden wir mit Plänen förmlich überschüttet. Da es sich hier um ein Land von blos 20 Millionen Menschen handelt, welche ans einem Gebiete von drei Millionen -Quadratmeilen leben. Äm Tage vor meiner Abreise aus London prüfte ich den letzten dieser Vorschläge, der mir durch unseren Kollegen Maier Spiel mann ans Paris zugesandt wurde. In diesem Plane wird uns vorgeschlagen, die Ausbeutung der 'Konzession der brasilianischen Eisenbahn-Gesellschaft in die Hand LN .nehmen. Eine Kolonisation bringt Eisenbahnen mit sich und -die Eisenbahnen fördern die Kolonisation. Diese Konzessionen erwiesen sich jedoch zn geringfügig, und an Termine gebunden. Aber Brasilien mit seinem mächtigen leeren Flächen wird noch lange die letzte Hoffnung der „Jto' sein müssen. Die endgiltige Auslese war jedoch nicht ganz erfolglos. -Gleich Ruth fanden wir ein Ephaa voll Korn. Zwei Territorien gibt, es, welche die Eignung besitzen, das Zufluchtsland zu werden, welches wir suchen. Selbstverständlich können diese Territorien in dieser öffentlichen Sitzung nicht diskutiert iverden. -Sie bedürfen der eingehendsten Prüfung und was ich über sie Ln sagen habe, muß daher 'unseren vertraulichen Sitzungen Vorbehalten bleiben. Noch ein Wort und ich will schließen. Es wurde behauptet, daß diese Konferenz lückenhaft sei, weil ans ihrer Tagesordnung nichts über unsere Galveston-Tätigkeit steht. - Aber das ist ein Irrtum. Diese. Konferenz ist eine Konferenz ausschließlich der „Jto", und ist daher inkompetent, sich in die Galvestonarbeit einzumengen. Denn das Emigrations-Regnlierungs-Departement .ist, um mich so anszudrücken, eine autonome Kolonie, mit selbstständiger Verwaltung, . unabhängig von dem Mutrerlande. -Seine Arbeit ist wissenschaftlich organisiert und in vier Sektionen geteilt und zwar in eine englische, russische, deutsche und .amerikanische Sektion. Obleich wir uns mir dieser Angelegenheit .hier nicht beschäftigen können, kann, ich doch nicht umhin, ohne die wertvolle Arbeit der anderen Sektionen herabzusetzen, hier .besonders hervorzuheben, daß die Tätigkeit .der russischen Sektion die schwierigste lind die ersprießlichste ist. Und bei aller Würdigung der Tätigkeitanderer Männer, selbst die Meinige witinbegriffen, soll hier konstatiert werden, daß der Erfolg der Galveston-Arbeit in allererster Reihe Dr. Iochelman n zu danken ist. Wenn trotz des unfreundlichen Verhaltems beinahe der gesamten jüdischen Presse, trotz der Schwierigkeiten, denen eine Organisation unter den russischen Gesetzen unterworfen ist, wenn ferner trotz der Feindseligkeit seitens anderer jüdischer 'Organisationen, '.wemt'was'wohl das Schlimmste ist,. trotz der zwei kommerziellen Krisen in New-Iork und der eigensiunigeu Zurückweisung großer Emigrautengruppen seitens Washingtons, wenn sage ich trotz alldem sich für Galveston nahezu zu jedem Dampfer große Partien melden — gerade heule wird die 60. Partie mit 200 Köpfen abgefchickt — so gebührt die Anerkennung hiefür dem Genie und dem Opfermut Doktor Iochelmanns. Dieser Erfolg lehrt, daß wenn einmal ein Territorium gegeben ist, das sich für allgemeine Kolonisation in dem Maße eignet, wie die von. Galveston umsäumle Gegend, so ist das Problem, unser Volk auf diesem Gebiete anzusiedeln, wenn auch viel schwieriger, doch immerhin nicht unüberwindlich. Und dieselbe Organisation, die sich fähig gezeigt hat, ein neues Bett für den Emigrationsstrom nuferer wandernden Massen herznstellen, wird auch in der Lage sein, sie ui ein Jto-Land einzitführen. Stürmischer Beifall folgte diesen Ausführungen. Es sprachen noch Dr. Gustav K o h n namens des Kultusvorstandes, Dr. Kuöpf mach er namens der B'neiBrilh, Herr Pappe nheim namens der Allianz und Dr. Feuchtwaug namens der Wiener Rabbiner. Mit dem Schlußworte des Vorsitzenden Dr. Engel, der die Bedeutung Zaugwills würdigte) schloß die Eröffnungssitzung der Konferenz um 12 Uhr mittags. Gottesdienst nnd Reform. Auf Veranlassung der Schönhauser Bezirksgrnppe des Neuen Jüdischen Gemeindevereiues zu Berlin, hielt Herr Bücherrevisor Ludwig Behr vor einem zahlreichen Anditorium im großen Saale des Restaurants „Patrizierfäle" einen Vortrag über : D i e E n t w i ck l u n g des s y n a g o g a l e n Gotte s d i e n st e s u n t e r der s o g e u a n n t e n Reformbewegug", unter besonderer Berücksichtigung der Mißstände in der Rykestr.-Synagoge. Nach einigen einbegleitenden Worten des zweiten Vorsitzenden des Vereines, Herrn Engländer, schildert Redner die Entstehung der sogenannten Reformbewegung und weist auf die Tatsache hin, daß von den Nachkomme» jener 31 Männer, welche den Aufruf zur Gründung der Berliner Reformgemeinde vom 2. April 1845 unterzeichnet hätten, keiner mehr dem Judentum angehöre. Das traditionelle Judentum wolle das ganze Leben mit seinem geistigen Gehalte durchziehen, das Reformjudentum beschränke sich auf den einen Tag in der Woche, an welchem nur der Prediger gleichsam als Sühnbock und Faktotum der Gemeinde, welche passiv bliebe, in Funktion trete. Die hebräische Sprache, das heilige Gewand der göttlichen Thora, sei durch die deutsche, reip. die Landessprache verdrängt. Eine Richtung, die ohne jede Individualität, jede Erinnerung an unsere historische nationale Vergangenheit, selbst darau. daß wir Nachkommen der Patriarchen wären, einfach aus dem Gedetbnche streicht, könne ihren Anhängern keine Widerstandskraft geben, eine religiöse Gemeinschaft, die selbst dem ewigen Wechsel sich unterwirft, habe kaum augenblicklichen Wert. Das Heut harre des Nirwanas, das schon der morgige Tag bringen könne. Rednerweist auf einen im Westen des Reiches staltgehabten nichtjüdischen Kongreß hin, ans welchem ein bedeutender Gelehrter nnd Theologe — Herr Behr meint Harnak — vor welligen Stunden wörtlich geiagt habe: „Auch wir wollen nicht als Vagabunden in die Zukunft hineinleben, als hätte es nie eine Vergangenheit gegeben; auch wir wollen kein K ö r n ch e n von dem verlieren, was unsere Voreltern im Schweiße einer heißen Arbeit gesammelt haben." Genau von derr gegenteiligen Grundsätzen seien die Reformatoren ausgegaugeu, deren Ansporn nicht in dem mächtigen, unbedingten sich immer gleichbleibenden Trieb zur Wahrheit, sondern lediglich in dem Unbehagen liege, welches ihnen die äußere Stellung des Judentums verursacht hätte. Der Vernunftstolz dieser Leute, die für die einfachste Zeremonie des Judentums nicht Verachtung genug hätten zeigen können, habe sich oft gar schnell vor der inkponierenden M a ch k. nicht vorder Idee, des Christentums gebeugt und keinen Anstand ge-

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