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Die Wahrheit · 1912-06-21 · Heft 24 (21.6.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 24 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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M 24 Die Wahrheit €>eite*7. Haftes Interesse daran, sich' solche Arbeitskräfte zw sichern. Es, Ist natürlich' nicht bei diesen.Verhandlungen geblieben. Das Schreiben der Gesellschaft datiert schon vom 10. April. Es bat sich am Orte ein Komitee gebildet, das den Zuzug judischMilisch^ ''Arbeiter 'kämpfen -' fürihren Glanben, bringen der jüdischen Arbeiter organisieren soll. Der Plangeht dahin, zunächst 1000 bis 2000 Arbeiter heranzuziehen, mit der Zeit aber die Zahl ans 6000 zu erhöhen. Wer Landaus Buch „Unter .jüdischen Proletariern" gelesen hat, der weiß, selbst wenn er keine andere Kenntnis von dem Vorhandensein der jüdischen Arbeiterbevölkernng in den Industriezentren des ehemaligen polnischen Reiches hat. daß in den Gruben und Fabriken Galiziens, der Bukowina, Kronpolens, Lithanens, .Rußlands und Rumäniens, Hnnderttausende fleißiger und solider jüdischer dlrbeiter auf das Wort der Erlösung harren. . In Lodz hat das Wort schon gezündet. In dieser großen Fabriksstadt wohnen über 40.000 jüdische Arbeiter in der Vorstadt Balnty, meist Weber. Wie überall ist die Lage dieser Handwerker recht trostlos geworden. Unser Eulengebirge ist ja dafür ein klassischer Boden. Die Maschinenarbeit verurteilt diese Heimarbeiter zu Schnudlöhnen. und auch diese finden sie nur in der Hochsaison, so daß sie das Jahr über am Hnngertuche nagen. Dazu kommt noch ein Moment, das nicht minder traurig ist. Die jüdischen .Fabriksbesitzer in Lodz beschäftigen keine jüdischen Arbeiter', nicht etwa, weil sie nichts taugen, vielmehr einzig und allein deshalb, weil die jüdischen Arbeiter in Lodz am Sabbat nichts arbeiten wollen. Poznanski, der große Millionär, hat neulich 200 jüdische Arbeiter ans die Straße gesetzt. Diese Leute wollen arbeiten, wenu sie ihren Schabbos heiligen können. Da kommt ihnen die Erlösung von nichtjüdischer Seite. Wenn diese Zeilen hinausgehen, dürfte die Einstellung dieser braven 200, die für ihren Glauben Opfer bringen, in Kattowitz bereits vollzogen sein. Die Sache war nicht so einfach. Es entstanden noch Paßschwierigkeiten bei der russischen Regierung. Wer in Rußland einen Vollpäß zu läugerem Aufenthalte im Anslande lösen will, muß zuvörderst 20 Rubel erlegen. Das Haben die armen Weber natürlich nicht; dazu kommen die Kosten der Reise, der Ausrüstung usw. Da erstand ihnen Hilfe von opferwilliger jüdischer Seite. Der in letzter Zeit vielgenannte Kommerzienrat Feist in Frankfurt a.M. Hat 25.000 Mark für diesen Zweck angewiesen. Damit ist den Arbeitern geholfen. Facta loquntur! Taten reden! Was hat man nicht -alles in letzter Zeit geredet und geschrieben für das Judentum, jeder'für sein Judentum, wie er es meint, und was ist dabei heransgekommen: Nichts, als Streit und Zank und Spaltung nud Verbitterung, weil jeder den anderen vergewaltigen wollte unter der Maske von Recht und Frieden. Hier liegt eine positive Tat vor von erstaulicher Größe, von wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Es ist ein alter Satz von tiefer psychologischer Wahrheit, daß die Gesellschaft, je mehr siean Geistesbildung znnimmt. an Herzensbildung abnimmt. Die geschichtliche Entwicklung liefert die Beweise.' Seitdem unsere Glaubensgenossen in den Kampf für die politische Emanzipation eingetreten sind, seitdem sie schrittweise ein klein wenig vorwärts gelangt sind, je mehr sie den Zutritt zur bürgerlichen Gesellschaft, zur modernen Kultur erlangt haben,''desto größer ist der Abfall vom Glauben, von der alten Lehre, von der Väter Sitten geworden. Insbesondere hat die Sabbathruhe im Kampfe ums Dafein gelitten. Je größer der Betrieb, je kapitalskräftiger der Kaufmann, desto weniger hat er. dem Sabbat .noch Treue bewahrt. Vollends hat die' Ausdehnung der Sonntagsruhe einschränkend auf die Sabbathheiligung gewirkt. Mit Hohn hat mau injüdischen Kreisen angefchlgen,. auf die Sabbatfrennde zu weisen. Ist es doch sogar vörgekommen, daß in Stadtvertretnn'gen gerade einflußreiche, jüdische Stadtverordnete unter Zurückweisung berechtigter Jntereffeit , derlSabbatfrennde die völlige Sonntagsruhe auch für diese .erzwungen Haben. Man schien sich in Deutschland schon au den Gedanken zu gewöhnen, daß der Sabbat im wirtschaftlichen Lebest'jede Bedeutung verloren habe.! Da kommen Leute, die man in gewissen Kreisen über die Achsel anzusehen pflegt und belehren uns eines anderen. Die Parias der Gesellschaft-, die cholnifchen Inden,- die'Proletarier, Opferfür ihren Sabbat, beweisenihre Treue durchdie Tat und erzielen durch ihre Charakter-Festigkeit eine» Erfolg, um densie sogenannte reiche Leute beneiden könnten; die- Armen beschämen die Reichen, die Enterbten die Träger der Gesellschaft. Wir haben auch kein Gefühl des Neides übrig für die eigentümliche Lage, inwelche diese Poznianzky et fcuti quanfci geraten sind. Die Kattowitzer Herren haben bewiesen, daß es möglich ist, den Arbeitern den Sabbat sreizngeben, wenn man will. Aber au gutem Willen fehlt es recht vielen, die sich „liberal" nennen, und liberal handeln, soweit es sich mit ihren Interessen, mit ihren Herrscher-Gelüsten verträgt, welche den Liberalismus von oben fordern, nach unten die Tyrannen spielen, wenn sie selbst die Macht besitzen und regieren. Weit größer ist aber noch die politische Bedeutnng des Vorgangs. Zum Katechismus antisemitischer Welt-Weisheit gehört bekanntlich der Satz, daß die Inden sich vor schwerer Arbeit scheuen. Das ist natürlich eine große Lüge, welche tausend und aber tausendmal widerlegt ist, auf Grund unerschütterlicher Tatsachen. Die vielen jüdischen Handwerker-Innungen und Vereine unseres Vaterlands, die jüdischen Diamantschleifer in Holland, die Sacklräger in den Häfen der Türkei, die Arbeiter in' den Petroleum-Schächten Galiziens, in den Fabriken Polens, in den Grttben Lithanens sind lebendige Zeugen gegen diese antisemitische Lüge. Der Vorgang in Kattowitz bietet nach dieser Richtung an sich nichts . Neues, neu und bedeutungsvoll wird er nur dadurch, daß auf deutschem Boden der Versuch gemacht wird, jüdische Arbeiter in größeren Massen zu beschäftigen. Schon der Versuch hat seine große Bedeutung. Dann die Direktoren der Gruben-Gesellschaft haben sich bereits überzengt von der Tüchtigkeit der jüdischen Arbeiter. Nicht um der jüdischen Arbeiter willen haben sie sich zu dem Versuche entschlossen, dazu liegt für sie gar kein ersichtlicher Anlaß vor. Sie glauben die Interessen ihrer Gesellschaft am besten zu fördern, wenn sie ihr tüchtige Arbeiter zuführen. Nltn hat man uns eingewandt. Diese Einstellung jüdischer ausländischer Arbeiter in größeren Abteilungen könnte zu Schwierigkeiten gegenüber den inländischen polnischen Arbeitern führen. Ich glaube, wir haben nicht nötig, uns den Kopf der Herren in Kattowitz zu zerbrechen. Diese Schwierigkeit, wenn sie überhaupt eine bedeutet, haben die Herren wohl selbst schon erwogen. Wenn sie sich dadurch nicht abschrecken ließen, so werden sie wohl der Meinung fein, daß sie entweder auf die Arbeit, unzuverlässiger, zu Umtrieben aller Art geneigter und nicht immer nüchterner Elemente verzichten können oder daß sie die Möglichkeit haben, sie anderwärts abzuschieben; vielleicht trifft, beides zu. Im Uebrigen dürfte die Tatsache, daß die Gesellschaft neben polnischen auch rntheuische Arbeiter beschästigt, zwei Elementen, die sich auf den Tod hassen,, schon beweisen, daß es möglich ist, derartige politische Gegensätze bei der Arbeit auszugleichen. Nicht zu übersehen ist auch die Haltung der preußischen Regierung. Man kann sich ja freuen über das jetzige Verhalten, man wird ihr die Anerkennung über die gleichmäßige Behandlung der jüdischen mit den katholischen Arbeitern des Auslandes nicht versagen dürfen. Die Frage bleibt aber trotzdem offen, warum die Regierung diese gleichmäßige Behandlung nur auf die Arbeiter beschränkt, warum sie das Recht, preußische Luft in Freiheit zu atmen, den jüdischen Kanfleuten des Zlnslands vorenthält.;: Wir sind nicht Optimisten genüg zu glauben, daß darin so bald ein Wandel eintreten dürfte. Der Weg aber, auf dem! eine Aenderu.stll des Kurses der Regierung zu erzielen ist, die Möglichkeit hierzü ist uns jetzt klar vorgezeichnet. Nicht das-Interesse der jüdischen Arbeiter hat die Regierung veranlaßt, ihre bisherige Haltung aufzugeben, so wenig die; Gesellschaft - in Kattowitz die jüdischen Arbeiter ihnen zu Liebe! eingestellt hat. Die Forderung der heimischen nationalen Industrie im'Wettbewerb, mit dem Ausland ist das treibende Motiv für die Regierung, vornehmlich wenn sich die nationale Industrie i in christlichen Händen befindet. Wenn diese Herren der Regierung erklären, wir brauchen die jüdischen Arbeiter, so sagt die-

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