Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 24 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit diese über ihre Wahrnehmungen in -der Wohnung , der Tscheberjak plaudern würde. Diese Drohung wirkte, und die Djakowa schwieg bis jetzt. Zu den Untersuchttugsaklen . befindet sich ein . anonymer Brief, unterzeichnet „Ein Christa, datiert vom 21. März, geschrieben vom Liebhaber der Wjera Tscheberjak, Mandselewski, der des Versteckens der Leiche überführt ist. Schreiber des Briefes druckt der Mutter Zuschlschiuskis sein Beileid aus und beharrptel, daß Inden den Knaben ermordet haben, um sein Blnt für das Osterbrot zu gebrauchen. Die Leiche wurde am 20. März gefunden. Die Einwohner KietysZ erfuhren von der Attffindttng erst am 21. März und außerhalb Kiews wußte noch au diesem Tage kein Mensch vom Morde des Kunden Jnschtschinski. In den ersten Tagen nach der Entdeckung der Leiche war auch vom Ritualmord noch nirgends die Rede. Mandselewski aber, der überführt ist> den Brief geschrieben zu haben, wußte natürlich,'daß in jenen Tagen die Leiche entdeckt werden mußte, und beeilte sich, den Verdacht nach der ihm gewünschten Seite zu lenken und die Ritnalmordlegende aufzufrischen. Zn der Nähe der Leiche fand man anderthalb Bogen Papier, identisch mit den Papierbogen, die Mandselewsky der Tschebarjak zum Arrangieren einer „Fliegenden Post" brachte. In meinem Material befinden sich Anssagen zweier Zeuginnen, Nachbarinnen der Tscheberjak, die sahen, wie Hunde im Hofe der Tscheberjak aus dem Boden von Blut durchträukte Lappen ausgruben. Am anderen Tage sind die Hunde erschlagen anfgefunden worden. Am Tage vor dem Morde führte Wjera Tscheberjak ihre drei Kinder zu ihrer Großmutter, wo sie auch noch einige Tage nach dem Morde blieben. Am 13. März abends besuchte die Tscheberjak ihre Freundin Djakowa. verweilte eine kurze Zeit und zeigte alle Anzeichen einer unruhigen Stimmung. Vor dem Abschied bat sie ihre Freundin, sie zu begleiten und die Nacht bei ihr zu verbringen. Die Djakowa richtete diese Bitte hierauf an ihre Freundin Tch., diese willigte ein und sie gingen zur Tscheberjak, wo sie übernachten wollten. Die Tscheberjak hatte eine begreifliche Angst vor dem Schlafzimmer und dem Gastzimmer. Diese Angst steckte auch die anderen zwei ^Frauen an, so daß sie nicht einschlasen konnten. Um 12 Uhr nachts entschuldigten sie sich vor der Tscheberjak damit, daß ihnen zu-ängstlich sei, und verabschiedeten sich von ihr. Die Tscheberjak wollte aber nicht allein zu Hause bleiben, verließ ihre Wohnung und ging mit ihren Freundinnen weg. Später erzählte die Tscheberjak einer der Zeuginnen, daß sie in jener Nacht von dem Geipenste des ermordeten Knaben geplagt wurde. Am 14. März erschienen in der Wohnung der Tscheberjak Mandselewski und Masjak, die eben aus dem Gefängnis entlassen worden waren, und erzählten ihr, daß Juschtfchinski schuldlos ermordet wurde, da der Knabe, wie sie im Gefängnis erfuhren, nichts verraten hatte. Die Nächte des 14. und 15. März verbrachte Wjera Tscheberak im Gasthause ^Orion", wo Mandselewski logierte, da sie Augst hatte, zu Hause allein zu bleiben, solange die Leiche in. ihrem Hause war. Diese Angaben sind von der offiziellen Voruntersuchung bestätigt worden. Es würde zu weit führen, wenn ich die mannigfachen Hindernisse beschreiben wollte, welche jedem meiner Schritte im. Wege standen, sowie die Gefahren, die mir vom. frühen Morgen bis in die späte Nacht drohten. . . . Es genügt, nur eines zu erwähnen: Im Laufe meiner Nachforschungen erhielt ich von der Gendarmerie zweimal die Warnung, daß in gewissen Kreisen beschlossen worden sei, mich zu töten. ... Ich führte meine Nachforschungen unter äußerst schwierigen Umständen durch, ich war wiederholt gezwungen, verschiedene Namen auzunehmen. Biele wichtige Einzelheiten müssen dem Publikum noch unbekannt bleiben. . . . Die kleinen, scheinbar unwichtigen Tatsachen, von denen ich ansging, stellten mir die Aufgabe, die zirkulierenden Gerüchte zu prüfen und das Rätselhafte zu.lösen. Ich bin glücklich, daß es mir gelungen ist, Licht in dieses Dunkel zu bringen." Nr. 24. Jüdische Arbeiter in den Grnben Oberschtestens. Ueber die bereits gemeldete Einstellnug größerer Massen jüdischer Arbeiter in den oberschlesischen.Grnben gibt das Breslauer „Jüdische Volksblatt" folgende ausführliche Darstellung: Während sich unsere Glaubensgenossen ans deutschem Boden in brudermörderischem Kampfe zerfleischen, während man in Berlin und im Reiche über Satzungsänderungen sich stritt und zankte, und Herrschsucht hüben, und drüben Triumphe feierte, vollzog sich in aller Stille m der entlegensten Ecke des Reiches, indemvon politischen Parteien heiß umstrittenen Wetterwinkel der schwarzen Erde, ein Vorgang, dessen Entwicklung von ganz unberechenbaren Folgen für die Judenheit sein kann, nicht bloß für die deutsche Judenheit, jetzt aber schon in politischer wie in wirtschaftlicher Beziehung ein Ereignis von solcher Tragweite darstellt, daß es wohl seit Jahrzehnten ohne Gleichen dasteht. Die „Kattowitzer Aktiengesellschaft für Bergbau und Eiseuhütteubetrieb" hat sich durch ihre Direktoren Gebhardt und Kluger entschlossen, jüdische Arbeiter in größeren Massen auf ihren Gruben einzustellen. Das Schreiben liegt uns im Wortlaute vor. Nachdem sie bereits auf ihrer Floreutinergrube seit einiger Zeit jüdische Arbeiter beschäftigt und mit denselben gute Erfahrungen gemacht hat, will die Gesellschaft auch auf iyren anderen Grnben einige Hundert jüdische Arbeiter, welche Bergarbeit verstehen und dazu tauglich sind, einstellen. Zunächst soll der Versuch auf Myslowitz- und Carlssegengruve gemacht werden, und zwar auf jeder Grube mit 50 Manu. Die Beschäftigung soll unter denselben. Bedingungen und zu denselben Lohnsätzen wie die der ruthenischen Arbeiter erfolgen, nämlich 3 bis 4 Mark für den Tag, je nach Art der Beschäftigung und Leistung, steigend bis 6 Mark. Soweit wäre nichts Ungewöhnliches zu finden. Denn jüdische Arbeiter finden wir. in großen Massen, — wenn's. auch Antisemiten, christliche und jüdische, nicht wissen wollen — -auch anderswo, in den Petroleümgruben Galiziens, wie in den Fabriken Polens und Lithauens. Von Bedeutung ist aber das Folgende: Die Gesellschaft erklärt, daß, wenn die Leute in der „Woche sonst fleißig arbeiten, wir durchaus nichts Störendes darin finden, wenn sie am Sabbath die Arbeit aussetzen". Den Entgang zweier Ruhetage in der Woche (Samstag und Sonntag) will die Gesellschaft dadurch wetimachen, obwohl sie dies nicht als Bedingung hingestellt, daß die Leute entweder täglich eine Stunde länger arbeiten oder einmal in der Woche eine Nachtschicht leisten. Dadurch ist den Arbeitern der Wochenlohn für sechs Tage gewährleistet. Noch mehr. Die-Gesellschaft hat sich bereit erklärt, den jüdischen Arbeitern besondere Baracken einzuräumen, in denen sich Kücheneinrichtungen befinden, Baracken zu 50 Mann, und „dafür Sorge zu tragen, daß dieselben in ihren religiösen, bezw. rituellen Verrichtungen nicht gestört werden". Und die preußische Regierung! Dieselbe Regierung, die Oppelner Negierung, welche sich bisher einen-Namen erworben hat durch Ausweisung jüdischer Ausländer aus .Oberschlesien, hat sich mit der Heranziehung jüdischer Arbeiter aus dem Auslande (Galizien und .Polen koinmen zunächst in Betracht) einverstanden erklärt. Nur eine Bedingung hat die Regierung gestellt. Einmal im Jahre sollen die Arbeiter auf mindestens vier Wochen außer Landes gehen, das.preußische Staatsgebiet verlassen; dies geschieht zu dem Zwecke, damit sie nicht auf Grund des Reichsgesetzes vom Unterstütznngswohnsitz den Anspruch auf Unterstütznng erwerben. Diese jüdischen Arbeiter wollen Arbeit, keine Unterstützung. Das weiß .auch die Grubeugesellschaft. Die Direktoren bitten förmlichum den Zuzug jüdischer Arbeiter. Sie erklären, paß sie mit den jüdischen Arbeitern auf der Floreutinergrube „durchaus zufrieden" waren. „Wenn es Ihnen gelingen sollte, uns unter diesen Voraussetzungen kräftige, tüchtige jüdische Arbeiter znzuwenden, würde unsdies recht -freuen". Sie sagen znm Schluffe ihres Schreibens „im Voraus für Ihre Bemühungen verbindlichsten Dank". Die jüdischen Arbeiterhaben sichals tüchtig, fleißig und nüchtern erwiesen. Die.Gesellschaft hat selbst ein leb-