Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 24 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24. Die: Wahrheit Seite b. düma fftatt. An der Konferenz haben sich außer Petersburg die Delegierten von 16 Städtenbeteiligt. Die Konferenz beschloß die Annahme folgender Gesichtspunkte bei.den Dumawahleu: 1. Die Juden nehmen an den Wahlen aktiven Anteil und werden überall, wo es ihnen möglich erscheint, sich bemühen, einen jüdischen Kandidaten oder zumindest jüdische Wahlmänner durchzusetzen. > 2. Kein jüdischer Wähler - darf einem getauften Juden seine Stimme geben. : ' ■ ■ 3. Blocks. und Kompromisse dürfen nur mit jenen Nationalitäten geschlossen werden, mit denen die Juden auch bei den früheren Wahlen zusammengegangen sind. 4. Als allgemeiner Gesichtspunkt hat zu gelten, daß die Juden nur die progressiveil Parteien zu llnterstützen haben. , * * * Die Vereinigten Staaten Amerikas haben ihren Ruf als Land der Freiheit und des Rechtes wieder einmal gerechtfertigt. Wie dem „Israelit" aus New-Iork gemeldet wird, wurde das Einwänderungsgesetz, welches im Senat angenommen war und sehr schwerwiegende Beschränkungen enthält, in der Kommission des Kongresses vorläufig abgelehnt. Bei den Beratungen haben besonders die zwei jüdischen Kommissiousmitglieder Goldvogle und Sabbath in scharfen Worten das Projekt kritisiert und uachgewiesen, daß sich die Beschränkungen, welche der Gesetzentwurf vorsieht, hauptsächlich gegen die jüdischen Einwanderer wenden, von denen Amerika bisher nicht nur keinen Schaden, sondern erwiesenermaßen großen Nutzen hatte. Die Kommission verwarf darauf die Dringlichkeit des Gesetzentwurfes mit sieben gegen fünf Stimmen, wodurch derselbe auf unbestimmte Zeit von der Tagesordnung abgesetzt wurde. Das wird nicht allein von den Heimatlosen, die sich jetzt durch die rigorosen Judenaustreibungen aus den russischen Dörfern in erschreckender Weise mehren, sondern auch von allen Frennden der Wahrheit und des Rechtes freudig begrüßt werden. Es ist von der parlamentarischen Kommission einer Großmacht den jüdischen Eiuwanderern das Zeügnis ausgestellt worden, daß sie der neuen Heimat erwiesenermaßen großen Nutzen gebracht haben. Das wird auch in anderen Ländern, wo die Scharfmacher gegen die Emigration eifrig an der Arbeit sind, seinen Eindruck nicht verfehlen. Die Kegende «her den Wlnalmord in Kiew. Der russische Publizist Stefan Brasul - B ruf chko w ski gibt in der „Neuen Freien Presse" über seine Enthüllungen im Mordprozesse Juschtschinski folgende detaillierte Darstellung: „Als am 20. Mürz 1911 in der Umgegend Kiews die Leiche des ermordeten Knaben Andrei Juschtschinski gefrlnden wurde, stürzten die den Rassenhaß predigenden politischen Organisationen mit Ritualmordlegenden. aus der bekannten Schrift Lutostantskis geschöpft, hervor und traten mit der mittelalterlichen, blutigen Anklage gegen das Judentum auf. Die ungeschickten Schritte der Untersuchnngsbehörden gaben dem Blutmärchen neue Nahrung und nach vier Monaten vergeblichen Suchens wurde auf den angeblich des Ritnalmordes Schuldigen, auf Mendel Beilis, hingewiesen; dieser wurde verhaftet. Seit diesem Moment war alle weitere Untersuchung eingestellt und die Angelegenheit nahm damit eine Wendung, die nur den wirklichen Mördern von Vorteil fein konnte. In Ausübung meines Berufes als Journalist war ich von Anfang an über die polizeiliche und Gerichtsnntersuchung unterrichtet. Ans Privalgesprächen mit Polizei- und Gerichtsbeamten gewann ich bald die Ueberzengung, daß die Behörden auf einem Irrwege waren. Die Ueberzengung erstarkte, als es mir nach der Besichtigung des Ortes der Tat klar wurde, daß Andrei Juschtschinski von professionellen Verbrechern ermordet worden war. Da fühlte ich mich verpflichtet, ans der Rolle eines Beobachters herauszntreten und aktiv der Sache näher zu kommen. Ich hatte Grund, zu glauben, daß eine eingehende Erforschung der Begleitumstände die Möglichkeit bieten werde, die behördlichen Unterfuchungsarbeiten auf den richtigen Weg zu bringen. Ich fing an, Material zu sammeln. Das Studium des offiziellen Unterfuchnngsmaterials mußte ich ja. von Anfang an mit eigenen Unterfuchungsarbeiten ergänzen. Eine große Anzahl von Zeugen, Personen, die dem Ermordeten und seinen Angehörigen nahe standen, wurde von mir in Form von Privatgesprächen allsgefragt. Im Laufe meiner Nachforschungen gewann ich viele wesentliche Kenntnisse über Art, Ort und Zeit der Mordtat. Daun begab ich mich nach einer südrnssischen Stadt, wo eine Person mir sehr wertvolle Hinweise gab. Die Ergebnisse meiner Nachforschungen wurden von mir Mitte Dezember vorigen Jahres der Untersuchungsbehörde zur Verfügung gestellt. Der Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Fenenko, der die Untersuchung führte, nahm mein Material in Empfang und lub den Staatsanwalt des Kiewer Landgerichtes, Sazjepin und den Vizestaatsanwalt Laschkarjow (der später den Anklageakt gegen Beilis verfaßte) zir sich ein, um gemeinschaftlich mit ihnen meine Aussage zn vernehmen. Dieses Verhör dauerte etwa sechs Stunden und ergab, wie es schien, ein günstiges Resultat. Die Vertreter der öffentlichen Anklage und der Genchtsnntersuchung schienen mit meinen Grundgedanken einverstanden zu sein nud baten mich, das Begonnene fortzusetzen. Aus dem weiteren Verlaufe der Dinge mußte ich aber leider zur Ueberzengung kommen, daß meine Argumente ohne Wirkung geblieben waren, da der richtige Weg ignoriert wurde . und gegen den unglücklichen Beilis, der auch nicht im entferntesten mit dem Morde zn tun hatte, die Anklage erhoben wurde. Am 18. Jänner d. I. überreichte ich dem Staatsanwalt des Kiewer Landgerichtes einen Teil meines Materiales in Form einer Deklaration über neue Umstände. Ich brachte ihm auch eine Anzahl Zeugen, die meine Angaben bestätigen wollten. Trotzdem blieb alles beim alten. Nichts half. Weder der Wechsel der Uutersuchnugsbeamten. noch die schlagenden Beweise für die Unschuld des Beilis, noch die scharf ausgesprochenen Schwankungen der Detektivpolizei, der „Ochrana". der politischen, geheimen Polizei, sowie der richterlichen Gewalt in Fragen der Mordursachen. Wie kam es, daß ein gewöhnlicher Mord zu solchen traurigen Komplikationen führte? Wo ist der Grund, der die Verhaftung und die bereits elfmonatliche Festhaltung des Beilis rechtfertigen konnte? Diese Fragen beschäftigten und beunruhigten mich und meine weitere Arbeit ging darauf hinaus, diese Fragen zu beleuchten und den Kern des Falles ans den ihn umhüllenden nationalistischen Leidenschaften herauszuschälen. Zurzeit ist die Mordtat in allen ihren Details gänzlich aufgeklärt. Der Geudarmerieoberst Iwanow nud einige Vizestaatsanwälte, die der Voruntersuchung der Affaire seitens der Gendarmeriebehörde beiwohnten, prüften aufs genaueste meine angegebenen Ermittlungen und fanden sie bis ins kleinste richtig. Diese Ermittlungen sind von mir in einer speziellen Eingabe am 5, Mai der Behörde überreicht worden und basieren ans Aussagen jetzt bereits verhörter Zeugen. Unter letzteren sind zwei, 3E und I, deren Aussagen zur Feststellung der Sache viel beigetragen haben, bereit Namen aber im Interesse der Sache zurzeit noch nicht genannt werden können. Das allgemeine Bild der Mordtat sowie die Namen der Täter sind dem deutschen Publikum bereits bekannt. Ich möchte nur auf die Umstände Hinweisen, die von der Nntersuchungsbehörde als indizierend betrachtet werden. Der eigentliche Vollführer der Mordtat. Peter Lingajewski, gestand in einem Privatgespräche mit den obenerwähnten 36 lind I, daß er zusammen mit Boris Rndsinski. Iwan Latisckow und Wjera Tscheberjak an der Ermordung des Knaben Juschtschinski teilnahm. Die Wjera Tscheberjak gestand ihre Beteiligung am Morde der Zeugin Frau Djakowa im Privatgespäche. Letztere kam zur Tscheberjak zu Besuch gerade zur selben Zeit, als die Mordtat geschah. Sie sah die Täter, die sich im Schlafzimmer versteckten, sowie den Teppich mit der Leiche Jnfchtschinskis unter dem Sofa. Später drohte die Tscheberjak, der Polizei anznzeigen. daß die Djakowa ihr uneheliches Kind umgebracht habe, falls