Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 23 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063646--07915-3075039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Wahrheit Ar. 23. Seite 7. Ler Knltnrentwickluug von oben herab zn fixieren, blind zu sein -gegen die genialen Gedankenblitze, die das Dunkel der chaotisch dnrcheinanderwogenden Lehrmeinungen erhellen, freilich nur, um -das Trostlose dieses Chaos desto greller zu beleuchteu. Mir aber erscheint das Leben, das diese trotz alledem großen Männer, gelebt, viel erhebender und instruktiver, als was sie vorgetragen. Welche Bescheidenheit, Uneigenuiitzigkeit, welcher Stoizismus, welche antik heroische Größe in dem Charakterbild unseres.S p i n o z a! Wie staunt man über die philiströs engbürgerliche Lebensweise des großen Kant, der nie über Königsberg hinansgekommen, der täglich um dieselbe Stunde seinen Spaziergang, von dem den Regenschirm nachtrageuden Diener begleitet, absolvierte und dabei nicht nur die gelehrte, sondern auch die politische Welt revolutionierte! Welches Interesse erweckt endlich, uni auf den eigentlichen Gegenstand dieser Zeilen zu kommen, die Betrachtung des Lebensganges Schopenhauers! Zwischen Leben und Lehre im weiteren, zwischen Lehre und Lehre im engeren Sinne, welch unüberbrückbare Klüste und Abgründe! Der ganze Mann der fleischgewordene Widerspruch! Er haßt und verabscheut die Menschen, zieht sich hochmütig in die Einsamkeit zurück und übt stille, geheime Wohltätigkeit im größten Style. Er spricht geringschätzig von den Frauen, hat aber das hohe heilige Gefühl der Hiebe stillverborgen gekannt und empfunden. Er spricht verächtlich von dem Judentum, trotzdem er, wie keiner von ihm die Mitleidsmoral selbst gegen Tiere predigte, so daß die Jndäo- .phagen — bitte ein Wort eigener Prägung — ihn mit nicht geringem Stolz zu den ihrigen zählen, und bezahlt für seinen Studiengenossen und Freund, den Inden Gans, Logis und Kost während der Ferienmonate. Bemerkenswert ist ferner, daß er den Kollegen bei seiner Mutter, der vornehmen Patrizierin, eiuquartiert und diese dafür entlohnt. Vielleicht erklärt der dem Aristoteles nachgebildete Satz S e n e k a s: „Nullum magnum ingenium sine mixfcura dementiae“ diesen Zwiespalt. Die erste „Epistel" Goethes, die von einem Utopiareisenden und dessen Prügel handelt, wenn er nicht tapfer essen konnte, schließt mit den Versen: So erzählte der Manu, und heiter waren die Stirnen Aller Hörer geworden, und alle wünschten des Tages Solche Wirte zu finden, ja, solche Schläge zn dulden. Deuten unsere geehrten Feinde auf Schopenhauer als ihren Gewährsmann hin. so brauchen sich gleicherweise unsere Stirnen nicht zu umwölken, vielmehr können wir heiter erwidern. „Wir alle wünschten solche Wirte zu finden, ja, solche Schläge .zu dulden." Wäret Ihr Antisemiten nur alle Schopenhauers, wir wollten herzlich zufrieden sein, denn der Frankfurter Philofoph haßte uns nur mit dem Kopfe, im Herzen des borstigen innerlich aber weichen Mannes thronte die Liebe für das All der Erscheinungen, also auch für uns. Wozu hätte er auch sonst den indischen Spruch tat twam assi so oft zitiert? S. V i n e t a. Ans der Wiener Knltnsgemeiude. lAns der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 7. Juni 1912 unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred ^rern. Beginn der Sitzung 12 Uhr.) Einlauf: Herr Willy Ritter von Gutmann dankt namens seiner 'Familie für die anl. des Ablebens des Herrn David Ritter von Gutmann erwiesene Anteilnahme des Kultusvorstandes. Frau Irma Mayer-Ketschendorf dankt für die anl. des Äblebens ihres Vaters, Herrn David Ritter v. Gutmann, erwiesene Anteilnahme. Ein Dankschreiben der Internationalen Hygiene-Ausstellung an Herrn Rabbiner Dr. Grnnwald. Die Zuschrift lautet: Euer Hochwürdeu! Unsere Ausstellung. ist nunmehr -aufgelöst und es kommt für uns die Zeit des Rückblickes. Dabei erinnern wir uns in erster Linie mit Gefühlen des aufrichtigsten "Dankes derer, die die Lösung unserer Aufgabe durch ihre wertvolle Unterstützung gefördert, ja vielfach erst ermöglicht haben. Ganz besonderen Dank verdienen Euer Hochwürden. In eis- ' rigster und angestrengter Arbeit haben Euer Hochwürden sich bemüht, in allen Teilen Europas und der neuen Welt Material für die Hygiene der Juden frei zu machen und uns zur Ber^ fügung zn stellen. Die Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben, waren sehr groß, teils durch die Neuheit der Idee, teils auch durch die geringe Anzahl von Objekten, die für dieses Gebiet jüdischer Kultur existieren. Umso erfreulicher ist der Erfolg gewesen. Mit Stolz können wir und können Sie auf das erreichte Ziel zurückblicken und das Bewußtsein von dieser Leistung wird Ihnen mehr noch als ilnser Dank, ein reichlicher Ausgleich für Ihre vielen Mühewaltungen fern. Um aber auch unsere Anerkennung für Ihre Tatkraft und Ihr Interesse an unserer Sache nach außen hin zu dokumeutiereil, haben wir beschlossen, Ihnen die höchste Auszeichnung, die die Ausstellnngsleitnng zu verleihen hat, das Ehrendiplom für wissenschaftliche Mitarbeit bei der historischen Abteilung zustelleu zu lassen, das Ihnen eine dauernde Erinnerung an Ihre wertvolle Mitarbeit bleiben möge. Mil dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst: Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911. Der Präsident: Dr. Lingner, Wirklicher Geheimer Rat. (Wird von der Plenarversammlung mit Befriedigung zur Kenntnis genommen.) Im Einlaufe befinden sich weiters: Dankschreiben der Intern. Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 für die Förderung der Gruppe „Hygiene der Jitdeu" durch den Knltusvorstand und Verleihung einer Anerkennungsplakette. Beileidkuudgebungen anläßlich des Ablebens des Herrn David Ritter von Gutmaun seitens der Kultusgemeindeu Graz und Prag, Bethausverein „Adaß Jisroel" Wien, Oberkantor Heller, Brünn. Bericht des Herrn Kultusvorstehers Max Zirner über die Generalversammlung des Frauen-Wohltütigkeitsvereiues Hietzing. Dankschreiben des Herrn Ignaz Zolles für die Gratulation anläßlich seines 70. Geburtstages. Mitteilung der Bibliothek über eine von der Witwe de§ sel. Professor Reiß gemachte ansehnliche Bücherspende. Spenden. Herr I. Feitler Waisenverein K 400"— Rente, Kinderbewahraustalt K 200'— Rente. Blinden-Jnstitnt K 200'— Rente, zur Erhöhung der „Jacques und Fanny Feitler-Stiftnng" K 2000'— Rente, zur Errichtung einer „Feitler-Stiftnug" für die Armenanstalr K 400'—. Herr Adolf Fein für das Svital der israel. Kultnsgemeinde K 20.—. Herr S. Barrfeld für den Waifenverein K 15'—. T e m p e l s p e n d e n II. T e m v e l g a s s e 3. Siegmnnd Subak: . . K 25 — Samuel Pifk. K 20 — Emil Glaser. 30'— Jg. Beckmann .... „ 100- Jacob Löbl. „ 10- Prof. Dr. S. Kraus . . „ 10 — Isidor Löwenbein . . . „ 9 — Albert Kohn. „ 10-— Bertalan Ungar . . . rt 20 — Dr. Adolf Herzfeld . . tt 10 — B. Hohenberg .... 10 — Dr. Gnstav Kohn . . . 80'- Julius Figdor .... 20'— Anton Beck. 20'— David Dohan .... u 20'- Dr. D. Fenchtwang . . 10-- Philipp Oberländer. . 10*— Alois Grnber .... 20-— Jacob Kohn. „ 20-- Jacques Piowati . . . 100-— Jonas Srranfky . . . 10- Dr. Arnold Ascher . . 20 — Dr. Ad. Schnnedl . . " 10 — Zusammen K 594'— Sammelbüchse im Tempel Fünfhans K 177'90. Die Dr. Moritz Rappaportst'che Stiftung wird über einhelligen Antrag der Preisrichter, Schriftsteller Heinrich Friedjung, Prof. Dr. Herzberg-Fränkel und Prof. Dr. Josef Pribram, dem Verfasser der Preissckrift: „Samuel Oppenheimer und sein Kreis", Herrn Rabbiner Dr. Max Grnnwald znerkannt. Adaptierungen iw Spitale. Das Spital der Kultusgemeinde, speziell der sogenannte alte Trakt, in dem die medizinischen Abteilungen nutergebracht sind, entspricht nicht mehr den Anforderungen, die an ein modernes Spital gestellt werden müssen, abgesehen davon, daß sich ein allgemeiner Raummangel seit langem schmerzlich fühlbar macht. — Au eine Beseitigung dieser Uebelstände konnte insolange nicht geschritten werden, als nicht einerseits durch Vermehrung der vorhandenen Räumlichkeiten, andererseits durch Beistellung der erforderlichen, ziemlich bedeutenden Mittel die Möglichkeit