Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 23 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheil Lreite 5. 9kr 33^ Rom fandjüngst eine' Gedächtnisfeier für fünf gefallene jüdische Soldaterl statt. Die jüdische Gemeinde von Turin versprach dem jüdischen Soldaten oder-Offizier der sich die goldene Tapferkeitsmedaille verdienen würde, eine Belohnung von 1000 Lire. Ans allen Kanzeln Italiens sprechen die Rabbiner über den Krieg und in allen Synagogen spricht man besondere Gebete für den Sieg der italienischen Truppen. - ••••••••' .V. -i- •' *. * In Saloniki ruft die Airsweisung der Italiener besonders unter den Angehörigen der ärmeren Klassen Verzweistung hervor. Sie bedrängen das deutsche Konsulat, weil ihnen Mittel zur Abreise und zum Leben im Anslande fehlen. Zumeist sind Spaniolen durch die Ausweisung betroffen. In Saloniki leben über 8000 italienische Untertanen, von denen aber nur ein minimaler Bruchteil jemals Italien gesehen har und die wenigsten italienisch sprechen können. Die meisten sind, wie gesagt, Spaniolen, also sephardische Juden, ans deren Kreisen gerade jene Bankiersfamilien stammen, die, wie znm Beispiel der Advokat Salem, die pekuniäre Stütze und zugleich das geistige Haupt der jungtürkischen Revolution von 1908 und 1909 waren. ''•*! Der Grand Rabbin der Türkei, Chaim Nahnm, suchte, wie aus Konstantinopel gemeldet wird, dieser Tage den Minister des Innern ans, um mit ihm die Situation in Jemen zu besprechen. Der Grand Rabbin schilderte die traurige Lage der Inden in Jemen, welche ohne jeden Rechtsschutz den Arabern ausgelieferr sind und von diesen bedrückt und verfolgt werden. In der letzten Zeit ist, wie der Grand Rabbin ausführte, die Situation für die yemenitischen Inden geradezu, unerträglich geworden. Er bat die Regierung so rasch als möglich das Nötige zu veranlassen, ehe es zu größeren blutigen Exzessen kommt. Der Minister des Innern teilte hierauf dem Grand Rabbin mit, daß ihm die Sachlage im Jemen durchaus nicht unbekannt ist und er nach einer Rücksprache mit dem Großvesier bereits dem Militärkommandanten des Jemen, Jzzet Pascha, den strikten Auftrag erteilt habe, alle erforderlichen Mittel zu ergreifen, um die Ruhe im Lande sicherznstellen und die jüdische Bevölkerung vor jedweder Verfolgung oder Bedrückung zu schützen. -i- -i- ' . * Der große Anteil der Juden am öffentlichen Leben in England wird durch nachstehende Daten illustriert: Im englischen Unterhause sitzen 18 Juden, von denen mehrere eine Hervorragende politische Stellung eiunehmeu. Im London County Council sitzen 13 Juden. Jüdische Lords gab es bis vor dem jüngst erfolgten Tode des Lord Wandsworth 4. Außerdem 3 jüdische Mitglieder der Regierung. Utid zwar der Generalprokurator Sir Rufus Jfaacs, der Staatssekretär für Postwesen, Herbert Samnel und der Vizestaatssekretär für Indien. E. E. Montague, ein Bruder des Lord Swaythling. Unter den Geheimräteu befinden sich 4 Juden, und jüdische Baronets gibt es 11. Üuter ihnen 2 gewesene Lordmayors von London. In der britischen Armee, welche bekanntlich ans lauter Freiwilligen besteht, gibt es 400 Juden, und in der Marine 1000, darunter 13 Offiziere. London zählt gegenwärtig. 150.879 Juden. Mit Rücksicht darauf, daß die russischen Behörden die Tagung der geplanten jüdischen Emigratiouskonferenz in einer russischen Stadt allem Anscheine nach nicht gestatten werden, beschloß die jüdische Emigrationsgesellschaft in ihrer jüngsten Sitzung, die Konferenz für Ende des Sommers nach Krakau einznberufen. -i- Vorige Woche fand in Petersburg die diesjährige Generalversammlung der Gesellschaft zur Verbreitung der Landwirtschaft und des Gewerbes unter den Juden in Rußland statt. Die Gesellschaft hat, wie dem Jahresberichte zu entnehmen ist, mit Rücksicht auf die politischen Verhältnisse die Hanpttätigkeit darauf verwenden müssen, verläßliche Daten über die Lage der jüdischen Gewerbetreibenden innerhalb und außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes z:i beschaffen. Zu diesem Zwecke wurden sachverständige Delegierte in die betreffende Gegend entsendet. Die" Gesellschaft hat in Wilnaeinen gutbesuchten Kurs für Elektrotechnik errichtet und geht daran, in Berdilschew und Schitomir je einen Kurs für moderne Tischlerarbeiten zu eröffnen. Demnächst wird auch ein Jnformationsbnreau für solche Gewerbetreibende errichtet werden, die sich außerhalb des Ansiedlnngsgebietes niederlassen wollen. Bon großem Nutzen wird auch das Buch sein, das im Verlage der Gesellschaft in jüdischer Sprache demnächst erscheinen und die juristischen und wirtschaftlichen Vorbedingungen für die Niederlassung außerhalb des Ansiedlungsgebietes enthalten wird. Wie sehr die Idee der Verbreitung der Gewerbe unter den Jttden Rttßlands Platz greift, mag daraus zu ersehen sein, daß die Gesellschaft jetzt nahezu 2000 Mitglieder zählt und eine Jahreseiuuahme von rund 74.000 Rubel hat. Ansbentnug des jüdischen Patriotismus. Die Prager „Selbstwehr" berichtet über einen geradezu unerhörten Versuch der Ausbeutung des jüdischen Patriotismus und da wir annehmen, daß das geplante Attentat auf jüdische Taschen sich nicht nur auf die Prager Jndenschaft beschränken wird, halten wir es für geboten, zur Aufklärung der weitesten jüdischen Kreise die Mitteilungen des genannten Blattes im Nachstehenden wortgetren wiederzugeben: Der Patriotismus der Inden ist keine ' vorgetänschie Empfindung. Sie lieben ihr Vaterland, wenn auch die Träger der staatlichen Macht den Inden gern als Bürger zweiter Klaffe betrachten: sie sind dem Staate dankbar, der wenigstens prinzipiell ihre Gleichberechtigung anerkennt. Und vor allem gilt bei uns in Oesterreich: die Juden lieben unsere Dynastie, sie lieben das Andenken Kaiser Josefs 11., dessen Bild fast in jedem jüdischen Hause hängt, und sie lieben unseren Monarchen mit einer fast religiösen Inbrunst. Das weiß alle Welt. Deshalb wagt man den Patriotismus der Inden in der aüerfrechsten Weise anszunützen. Man stellt eine Aktion, für die man das Geld der hilfsbereiten Jndenschaft braucht, als patriotisch hin und verschweigt den Inden die eigentlichen Zwecke. Wir erheben energischen Protest dagegen, daß gewisse Leute sogar den Namen von Mitgliedern des allerhöchsten Kaiserhauses als Lockmittel verwenden, um für ihre der Oeffentlichkeit nicht offen angegebenen Zwecke Spenden zu bekommen. Ein Freuttd unseres Blattes teilt uns mit, daß er und viele seiner jüdischen Bekannten von Ritter von H o s ch e k, Prag. Mariengasse 23, im Namen einer „Hilfsaktion für Bosnien und Herzegowina" Aufrufe zugesendet erhalten, in denen „bauend auf Ihr patriotisches Empfinden und Ihre bewährte Wohltätigkeit" die ergebene Bitte gestellt wird, „dem eminent vaterländischen Unternehmen Ihre tatkräftige Unterstützung nicht versagen zu wollen". Mil besonderem Nachdruck wird daraus hingewiesen, daß das Protektorat über die Hilfsaktion Ihre Hoheit Frau Herzogin von Hohenberg übernommen. hat. In dem Aufruf heißt es: „Die Hilfsaktion erstreckt sich darauf, charitative und patriotische Werke in den neuen Reichsländern zn schaffen und so eine breite Grundlage für die sukzessive Hebnng dieser Länder zn zeitigen. Besonders soll, eingedenk der Worte unseres Kaisers, der Kinder- und Jugendfürsorge gedacht werden. Das wäre alles sehr schön. Sicher sind viele Juden bereit, dem Aufruf, der immer wieder an das patriotische Gefühl appelliert. Gehör zu schenken, Spenden direkt au die k. k. priv. Kreditanstalt für Handel und Gewerbe und das ausgefüllle Anmeldeformular an den erwähnten R. v. Hoschek zu senden. Deshalb machen wir auf den frechen Schwindel aufmerksam, auf den uns unser Gewährsmann unter Uebersendung aller Drucksachen hinweist. Es muß nämlich festgeftellt werden, daß außer den erwähnten Aufrufen auch Statuten der Hilfsaktion für Bosnien tmd Herzegowina bestehen. Diese Statuten hat bisher kein einziger Jude zn Gesicht bekommen. Die Statuten zirkulieren nur in zuverlässigen katholischen Kreisen. Der Zufall, der sie rinserem Gewährsmann in die Hände gespielt hat, gestattet