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Die Wahrheit · 1912-06-14 · Heft 23 (14.6.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 23 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. dir. 23. können glauben, während sie doch anderseits finanziell noch dazu beisteuern müssen. Auch die Anstellung neolog gesinnter Rabbiner und Religionslehrer führt zu manchen Schwierigkeiten. Dies ist es aber nichtallein, was eine Revision wünschenswert macht. Auch mein Herr Vorgänger hat schon hervorgehoben, daß die finanzielle Notlage, in der sich zahlreiche kleine israelitische Kultusgemeinden infolge der fortschreitenden Abwanderung gerade der steuerkräftigeren Familien in die Städte befinden, eine Abhilfe durch gesetzliche Maßnahmen nahegelegt. Von den Beteiligten wird hier an die Bildung einer Zentralkasse gedacht, die die Unterstützung der leistungsschwachen Knltusgemeinden ermöglichen soll. Auch die dienstrechtlichen Verhältnisse der Rabbiner, der Religionslehrer und sonstiger Kultusbeamten bedürfen einer klareren Regelung und Sicherstellung. Wenn ich dies gleich meinem Herrn Vorgänger wiederum anerkenne, so muß ich mir aber auch die beiden Vorbehalte aueignen, die er seinerzeit beigefügt hat." Die Ausführungen des Ministers zeigen jedenfalls, daß die Bayrische Regierung dieser Frage sehr viel Aufmerksamkeit zugewendet hat und von besonderer Wichtigkeit erscheint uns die Stellung des Ministers zu dem auch in Oesterreich geltenden Grundsätze, daß es innerhalb einer politischen Gemeinde auch eine Kultusgemeinde geben kann. * * * Die Repräsentautenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde hatte in ihrer letzten Sitzung eine ziemlich umfangreiche und überaus interessante Debatte über die gegenwärtig noch in den meisten jüdischen Gotteshäusern übliche Trennung der Männer und Frauen beim Gottesdienste. Es wurde nämlich das gelegentlich des Baues zweier neuer Synagogen in Berlin eingeholte Gutachten der Gemeinderabbiner, ob religiöse Bedenkeu der Aushebung der Trennung zwischen Männern und Frauen entgegenstehen, der Versammlung zur Kenntnisnahme vorgelegt und der Antrag gestellt, den Gemeindevorstand zu ersuchen, die Angelegenheit einer gemischten Kommission zur eingehenden Beratung zu überweisen. Der Beschlußfassung über diesen Antrag ging folgende Debatte voraus: Justizrat Dr. Veit S i m o n setzt voraus, daß dieser Antrag angenommen wird, also ein Anlaß, sich hier über die Gut-, achten zn äußern, nicht vorliege. Aber zwei Punkte möchte er doch hervorheben: 1. Keines der Gutachten behauptet, daß religionsgesetzliche Bedenken gegen die Aufhebung der Trennung der Geschlechter in den Synagogen vorliegeu und 2. keiner der Herren Rabbiner behauptet, daß die Uebung der Plazierung der Geschlechter in den Festsälen zn irgendwelchen Schwierigkeiten Anlaß gegeben hätten, noch daß religiöse Bedenken gegen diese Uebung zu erheben seien. Jnstizrat Dr. Ignaz Cohn erklärt sich als entschiedenen Gegner der Vorlage; Es handelt sich um eine seit Jahrtausenden bestehende Institution, für deren Aushebung nicht der geringste Anlaß vorliege. Weder könne von einem Notstände noch von einem zwingenden Grunde, der allein die Einführung der Neuerung rechtfertigen könnte, die Rede sein. Nicht allein das Religionsgesetz, sondern auch die Sitte binde. Der Hinweis auf die Festsäle besage nichts, dort handele es sich um Provisorien. Er glaube nicht, daß sich die Frauen nun wohler fühlen, vor allem aber nicht, daß die Andacht dadurch noch erhöht werde. Es liege kein Bedürfnis zur Aenderung vor, und man solle auch bedenken, welchen Sturm man dadurch heraufbeschwören werde. Professor Dr. Bla sch ke verweist zunächst darauf, daß die gleiche Neueinführung in Frankfurt a. M. nicht den geringsten Sturm heranfbeschworen habe. Man.beruft sich auf die aufgefundenen Emporen in den jüdischen Tempeln Galiläas, um nachznweisen, daß schon in uralten Zeiten und in den Tagen des H. Tempels die Frauen getrennt von den Männern im Gotteshaus saßen. Allein man weiß trotz der Funde nichts über besondere Anordnungen für die Geschlechter im Gotteshaus. Hätte hierüber irgendeine religionsgesetzliche oder bedeutsame Bestimmung bestanden, so hätte sich doch sicher im Talmud irgendein Hinweis auf eine solche Bestimmung gefunden. Aber die Talmudlehrer haben es nicht für nötig gehalten, hierüber irgend etwas religionsgesetzlich festzusetzen. Ueber die vom Vorredner aufgeworfenen Fragen der Neugestaltung soll ja die Kommission eben erst beraten. Ausschlaggebend aber müsse sein, die völlig veränderte Stellung der Frau im öffentlichen, wirtschaftlichen und sozialen Leben. Herr Justizrat Dr. Veit Simon hält den gegenwärtigen Znstand für unhaltbar. Es liege eine unzulässige Zurücksetzung der Frau vor. die das gleiche Recht wie der Mann in dieser Hinsicht haben müsse. Herr Kuznitzky verweist darauf, daß sich auch in allen christlichen Kirchen Emporen finden, man also aus dem Vorhandensein von Emporen in alten Synagogen Galiläas nicht den Schluß ziehen dürfe, daß sie nur für die Frauen bestimmt gewesen seien. Jnstizrat Dr. Ignaz Cohn wendet sich entschieden dagegen, daß der, gegenwärtige Zustand ein den Frauen unwürdiger sei. Die Frauen befänden sich auf Plätzen, die ebensogut seien, wie die der Männer. Wenn man den Frauen gleiches Recht gewähren wolle. Dann müßte man ja auch sie zur Thora anfrufen. Und sollen Männer auf den Emporen plaziert werden und von dort zur Thora aufgernfen werden? Für die nenerbante Synagoge Fasanenstraße habe man die Neuerung nicht verlangt, also nur die Synagogen Levetzowstraße und Kottbuser Ufer sollen sie erhalten! Herr Oscar T i e tz weiß nicht, warum eine Mutter nicht ihre Söhne, ein Vater nicht seine Töchter überwachen können beim Besuch des Gotteshauses. Die Mutter, beruflich weniger behindert, als die Ehemänner, würden auch fleißigere Besucher der Gotteshäuser sein. Herr Moritz M a n h e i in e r ist ein Gegner der Aenderung. Es handele sich um einen altehrwürdigen Brauch, für dessen Beseitigung kein Grund vorliegt. Hunderte von Synagogen seien in letzter Zeit erbaut worden, nirgends habe sich dvs Verlangen nach einer Aushebung der Trennung der Geschlechter im Gotteshaus gezeigt. Ein unhaltbarer Znstand bestehe nicht und ebensowenig ein unwürdiger. Von den Tausenden von Männern und Frauen, die unsere Gotteshäuser besuchen, liegt nicht eine einzige Beschwerde vor. Nicht eine Vertiefung, sondern eine Störung der Andacht sei eher zu erwarten, wenn Männer und Frauen beieinandersitzen. In der Reformgemeinde sei die Aufhebung der Trennung-seit 50 Jahren durchgeführt, trotzdem sei nian anderswo nicht auf den Wunsch gestoßen, diesem Beispiel zu folgen. Nachdem noch die Herren Professor Kalis ch e r der sich eine definitive Entscheidung bis nach den Beratungsergebnissen der Kommission vorbehält, ferner Geheimrat B l u m e nthal, der für Kommissionsberatnng ist und interessante Mitteilungen über die Ergebnisse der Forschungen über alte Synagogenbanten macht, gesprochen hatten, gab auch Sänitätsrat Dr. Holz einigen Bedenken Ausdruck, die sich der Neuerung vom liberalen Standpunkt aus entgegenstelleu. Schließlich wurde der Antrag aus Verweisung an eine Kommission angenommen. * * -i- Um festznstelleu, daß die italienischen Juden an patriotischer Gesinnung es mit den Christen aller Bekenntnisse wohl anfuehmen können, veröffentlicht die „Settimana Jsraelitica" eine Anzahl bemerkenswerter Daten. In Italien bilden die Inden nur 1 Prozent der Bevölkerung; ihre Beteiligung am Heeresdienste ist aber weit größer, und viele Inden bekleiden im italienischen Heere einen hohen Rang: der frühere Kriegsminister, General Ottolenghi, ist ein Jude, und Juden sind auch die Generale Coen in Livorno und Gapri in Bologna. Als der gegenwärtige Krieg erklärt wurde, boten sich sofort viele Juden als Freiwillige an: der Leutnant Lamberto Segre verzichtete auf seinen Rang, tim als einfacher Soldat au der Expedition teilnehmen zu können — sein Regiment gehörte nämlich zu denen, welche nach Tripolis bestimmt waren; zn den ersten Soldaten, welche sich als Freiwillige meldeten, gehörte ferner der Leutnant Coen aus Modena. Viele Juden, sind im Kriege gefallen und haben sich durch besondere Tapferkeit hervorgetan; der Leutnant Achille Levi Bianchini zeichnete sich bei Benghafi ans; der Kapitän Angelo Frank tat sich durch seine Entschlosfsenheit und durch einen mutigen Angriff bei Tubrok hervor' der Hauptmann Emanuele Pngliese, der schon die Tapferkeitsmedaille besaß, zeichnete sich bei Benghasi aus, indem er unter dem heftigsten Gewehrfener der Feinde Depeschen beförderte und, obwohl verwundet, im Sattel blieb, um auch an, der letzten Phase der Schlacht teilnehmen zu können; der Leutnant! Del Vecchio fiel im Kampfe bei Ainzarm In der Synagoge zu.

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