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Die Wahrheit · 1912-06-14 · Heft 23 (14.6.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 23 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Sldniinistraliou: Wien, iljl Novaragafse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V'. Unabhängige Aertfchrift für jllöische l^ernAspeeis: Hiaiizjainig.K l*.— HiNbiiidrig.' K 7.— -Administration 4938II. K. k. üsterr.. Vostsparkassa- Sweck-Komo Nr. 100.918. Anterejseil. Für JhilUirbromtr: •»•nijiiibviti.K lll. - Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreilng. Für Aiislinid: Abonnements- und JnsrrliouS- •Mmijinöviil.8 Mark betrage n»d in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ H Nabel oder Iß ftrc«. IIr. 23 Wien, 14. Inni Inhalt. Ans der Woche. — Ausbeutung des jüdischen Patriotismus. — Schopenhauer, der Antisemit. — Aus der Wiener Kultus gemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der verkaufte Sohn. Ans der Woche. Wie wir bereits vorige Woche an dieser Stelle konstatierten, hat die Abstimmung über den Antrag 6 nt er a 1 im österreichischen Abgeordnetenhause das Verhältnis der einzelnen Parteien zum Antisemitismus grell beleuchtet, und wenn man die Rede des Antragstellers liest,- die bezeichnender Weise von den Wiener liberalen Blättern unterschlagen wurde, kommt man noch mehr zil der Ueberzeugung, daß die Gegner des Antrages ihr Votum direkt gegen die Juden richteten. Der Abgeordnete Smeral begründete nämlich seinen Antrag mit folgenden Worten: „. Ich erlaube mir zu behaupten, daß bei der Besetzung der Stellen im Staatsdienste nicht nur eine bewußte Protektionstendenz zugunsten des adeligen Standes herrsche, sondern daß auch in großem Maße konfessionelle, klerikale Einflüsse sich geltend machen. Es sind ganze Gebiete in der Staatsverwaltung, wo man bei der Besetzung der Beamtenstellen znm Beispiel ganz deutlich eine antisemitische Tendenz merken kann. Es ist selbstverständlich nicht ein so primitiver, plumper Antisemitismus, wie ihn zur Schande der Wiener Kultur hier die Christlichsozialen züchten. Aber äs facto ein, wenn auch lateinischer Antisemitismus, entscheidet bei der Besetzung bestimmter Beamtenstellen und ich kenne Fälle, wo ein Mensch mit der besten Qualifikation den Posten nur aus dem Grunde, weil er Sigmund Pollak heißt, nicht bekommen hat. Es ist bezeichnend, daß diese Praxis gerade dort zu merken ist, wo die höchsten entscheidenden Stellen durch die Aristokraten besetzt werden. Der hohe Geburtsadel betrachtet die klerikal-konfessionelle Voreingenommenheit für einen Teil und eine Vorbedingung ihrer „Noblesse", selbstverständlich aber nur insofern es sich um Nichtkatholiken aus den niederen und mittleren Schichten handelt. Wo ein Millionär beginnt, dort hört selbst bei den höchsten Herren der Antisemitismus auf. Sie wissen alle bestimmt, meine Hermi, welche hohe Visite Rothschild ans seiner Sommerfrische zu empfangen Gelegenheit hatte, als in Witkowitz vor der Bewilligung der Delegationen die Panzer für die Dreadnoughts gebaut werden sollten, und es ist ihnen ebenfalls bestimmt bekannt, meine Herren, wie man immer häufiger heute in den adeligen Kreisen zu denr Mittel einer reichen Judenheirat greift. Ich spreche über diese antisemitische Tendenz bei der Aufnahme in den Staatsdienst schon deswegen, um besonders die Herren von den deutschliberalen Bänken ans die Wichtigkeit meines Minoritätsautrages aufmerksam zu machen. Für uns ist die prinzipielle Seite dieser Angelegenheit entscheidend. Denn,, wird eine-bewußte Tendenz den Juden, den Protestanten, überhaupt den Nichtkatholiken gegenüber praktiziert, um so schlimmer sind noch die nichtkonfessionellen Personen daran. Für diese ist der Eintritt in der Staatsdienst bei der heutigen Praxis überhaupr unmöglich". Deutlicher kann man die Tendenz eines Antrages nicht zeichnen und jene, welche gegen denselben stimmten oder sich bei der Abstimmung absentierteu, werden vergebens das nationale Schutzmäntelchen umhängen. * * ■* Im Finanzausschüsse des bayrischen Abgeordnetenhauses wurde jüngst beim Kapitel „Israel. Kultus" sowohl Vertreter der Regierung als auch von einzelnen Abgeordneten die R e v i s i o n des Judenediktes besprochen und als besonders bemerkenswert erscheinen uns die folgenden Erklärungen, die Kultusminister Dr. v. Knilling in dieser Frage abgegeben hat: „Mein Amlsvorgänger hat wiederholt anerkannt, daß das Edikt vom 10. Juni 1813 über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen in Bayern einer Revision bedarf. Er hat zngesagt, daß er die Angelegenheit nicht aus den Augen verlieren, sondern allen Ernstes daran herantreten wolle, sobald es die Geschäftslage gestatte, und die vorbereitenden Schritte innerhalb der israelitischen Glanbensgesellschaft selbst einen Erfolg versprechen. Ich kann mich diesen Erklärungen nur anschließen. Auch ich bin der Anschauung, daß unser geltendes Recht, wie es in dem Judenedikt vom 1813 nun bald ein Jahrhundert besteht, den veränderten Verhältnissen nicht mehr genügt. Das Judenedikt geht davon aus, daß es innerhalb einer politischen Gemeinde nur eine israelitische Knltusgemeinde gibt und daß jeder Israelit derjenigen Kultusgemeinde angehören muß, der sein Wohnort zngeteilt ist. Dieser Grundsatz war berechtigt, solange nnr ein in sich gleichartiges Judentum, das traditionelle Judentum, bestand, wie es vor hundert Jahren in Bayern in Betracht kam. Die Verhältnisse haben sich aber, zumal in den größeren Städten, wesentlich geändert. Die streng gesetzeslreuen Bekenner des traditionellen Judentums sind besonders in den Städten vielfach in die Minderheit geraten. Die Anhänger einer Reform haben zusammen mit der großen Zahl derer, die ans einer mittleren Linie stehen, und vorwiegend wohl aus praktischen Gründen die strengen Ritualgesetze nicht mehr voll beobachten, dort die Oberhand gewonnen. Sie haben dann manche Einrichtungen der Knltusgemeinde, wie z. B. den Gottesdienst, durch Einführung der Orgel in der Synagoge und Aenderung der traditionellen Gebetsordnung, in einer Weise nmgestaltet, daß die Orthodoxen ohne Gewissensbedrängnis daran nicht mehr teilnehmen zn

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