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Die Wahrheit · 1912-06-07 · Heft 22 (7.6.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 22 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 Seite A. Die Wahrheit der Schlacht bei Basantello berühmt ist, hat aus der Bischof Dhitmar. von Merseburg (gest. i. I. 1018) in seiner Chronik einige ebenso merkwürdige als glanbenswerte Nachrichten aufbewahrt. Wir heben ans derselben die folgende Notiz heraus. In jener Schlacht nämlich geschah es, daß Kaiser Otto, dessen .Heer die Araber bereits besiegt hatte, mit seinen Mannen unausgesetzt den Feind verfolgend, plötzlich von nuermeßlichen Schwärzen aus den Gebirgen hervorbrechender Araber angegriffen, in die Enge und umzingelt wurde. In dem mörderischen Kampfe, der sich da entspann, wurde die Blüte der deutschen Ritterschaft teils niedergehanen, teils geriet sie in schmähliche Gefangenschaft. Rings von den wütenden Feinden umgeben, wäre auch der heldenmütige, junge Kaiser, das weltliche Oberhaupt der abendländischen Christenheit, in die Gewalt der Sarazenen geraten, hätte nicht einer seiner untergeordnetsten Diener ihm in der größten Gefahr die größte Treue bewiesen und Rettung gebracht. Dieser .ein Jude namens Kalonymos, eilte, als die Not am höchsten mar, seinem erschöpften Herrn zu Hilfe und lieh ihm sein Roß. Zlnf demselben gewann der Kaiser in beschleunigter 'Flucht, das Meeresnfer, „und wie er," fährt Bischof Thitmar fort, „in der Ferne ein Schiff, eine sogenannte Salandria, erblickte. schwamm er auf dem Rosse des Inden Kalonimos darauf zu. Das Schiff aber fuhr vorüber, ohne ihn ansnehmen zu wollen. Als er dann wieder nach den Schutzwünden am Ufer zurückkehrte. fand er den Juden noch daselbst stehen, indem -er in voller Angst abwartete, wie es seinem geliebten Herrn ergehen möchte. Als nun der Kaiser die Feinde herankommen iah, fragte er den Juden traurig, was nun wohl aus ihm werden sollte. In dem Augenblicke aber erblickte er ein zweites Schiff, und bemerkte auf demselben einen ihm bekannten Ritter. Behend schwang er sich wieder auf das Roß, das ihn znm .zweitenmale rettend durch die Wellen an das Bord' des Schiffes trug." Wirklich erkannte auch der Ritter, auf den der Kaiser seine Hoffnung gesetzt hatte, seinen Herrn, nahm ihn ehrerbietig ans, und bewog die Schifflente durch große Versprechungen, -gen Rossano zu steuern. Als mau hier angelangt war, eilte der Kaiser in die Stadt zu feiner Gemahlin, mit den Seinen Gott für die wunderbare Rettung dankend. Der Kaiser ließ die Hingebung und Treue des Inden, der ihm sein Leben gerettet hatte, nicht unbelohnt." Obwohl Kalonimns seinem Kaiser — wie einst Mordechai dem König Achaschwerosch — das Leben gerettet, mußten die Juden dennoch weiter als bedrückte Untertanen ein trauriges Dasein im Reiche fristen. So ging es fort bis auf Die moderne Zeit. Warum aber, wird man wohl fragen, hat gerade das .Judentum, wie kein zweites Volk auf Erden, das Mißgeschick, daß es für Sünden, Fehler und Schwächen jedes Einzelnen seiner Bekenner verantwortlich gemacht wird? Diese Frage ist nicht schwer zu beantworten. Ein Volk, das seit Jahrhunderten zerstreut in aller Herren Länder ohne Organisation, ohne religiöse Zentralbehörde lebt, so daß so mancher Parnes irgend einer Landgemeinde, in seinem Sprengel nach Herzenslust schalten und walten, Rabbiner, Kantoren und Lehrer ein- und absetzen, seine Proteges befördern, und, wenn es nötig ist, von j e g l i ch e m B e f ä h i g u n g s n a ch w e i s Dispensieren und die Mißliebigen, mögen sie noch so sehr Hefähigt sein, erbarmungslos entlassen kann, kann in der Außenwelt nie an Achtung und Ansehen gewinnen, steht also wehrlos da, nnd muß es sich gefallen lassen, wenn es, ob der inneren Zerfahrenheit und der Zerklüftung von Andersdenkenden und Audersglanbenden mißachtet und znrnckgesetzt wird. „Hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen." Das Judentum könnte gerade in der modernen Zeit einen mächtigen Faktor bilden, mit dem man überall rechnen müßte, wenn es sich. aufraffen, o r ganisieren. jede Zerklüftung aus seiner Mitte bannen und den Anordnungen einer anerkannten, aus hervorragenden Fachgelehrten, wie ans biedern gebildeten Laien bestehenden religiösen Zentralbehörde bereitwilligst fügen würde, kau mozo Hakodosch boruch hu, keli machsik towo lejisroel eie hascholom bemerken unsere Weisen: „Gott der Herr selber erkennt kein wirksameres Organ für Israel, als den Frieden, die Eintracht, Ruhe nnd Ordnung, mit einem Worte die Organisation, die Wertschätzung der Thora nnd der würdigen uneigennützigen aufopfernden Träger derselben. Ämitai. Moses in seiner Sedentnng für die moderne Hygiene. Bon Dr. G. Radestock-Dresden.*) Wo die Frage erörtert wird, welche Männer für' die Entwicklung der Gesundheitspstege am meisten bedeuten, da werden die Namen von Jenner, Penenkofer, Koch, Behring und andere genannt, doch in den wenigsten Fällen gedenkt man dabei des großen Hygienikers, der durch seine Gesnndheitsgesetze geradezu bestimmend für das Schicksal der Juden gewirkt hat, an Moses. An Beitrügen zur Raffen-Hygiene, die in der Statistischen Abteilung der Internationalen Hygiene-Ansstellnng Dresden 1011 geboten werden, läßt sich indes die Bedentnng ermessen, die Moses für die Entwicklung der Gesundheitspstege, auch der modernen, znkommt. Es ist hier nicht am Platze, näher auf die Frage eiuzugehen, ob um Moses sich verdichtet hatwas das Gemeingut der israelitischen Priester an hygienischen Erfahrungen und Kenntnissen gewesen ist. Manche meinen auch. Moses habe sich nur um die Gesundheitspflege des alten Volkes Israel, aber nicht um die Hygiene der gesamten zivilsierten Welt, auch der neueren, verdient gemacht. Und doch hat Moses mit seinen Vorschriften über die Regelung von Arbeitsleistung und Erholung, durch die Verteilung eines gesetzlichen Ruhetages unter die Arbeitstage, eine Einrichtung getroffen, die unseren neuen Bestimmungen zum Schutze der Arbeiter weit voransgeeilt ist und in sozialhygieuucher Hinsicht wohl von keiner, anderen Maßnahme übertroffen wird. „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Dinge beschicken, aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du kein Werk tun, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch der Fremdling, der in deinen Toren wohnt." Zunächst von der jungen christlichen Kirche als Sonntag, später von der ganzen zibilisierten Welt übernommen, ist dieser Feiertag, nachdem er sich glänzend bewährt, auch ans unsere Tage gekommen. Leider nahmen die meisten Zeitgenossen diese Einrichtung als etwas ganz Selbstverständliches hin. andere halten sie insofern für verbesserungsbedürftig, als sie an Stelle des bewährten Feiertages den Achtstundentag setzen möchten, etliche auch möchten den Sonntag abschaffen, weil er der unbegrenzten Herstellung iildustrieller Erzeugnisse eine Schranke setzt. Es empfiehlt sich aber, nicht daran zu rütteln. Wir dürfen wohl mit Recht annehmen. daß die Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit sowohl der geistig als der körperlich arbeitenden Menschen nicht so groß und den modernen Anforderungen nicht gewachsen wäre, wenn eben tlicht schon seit Jahrtausenden dieser Feiertag bestanden, die Menschen gestärkt und vor schlimmeren Formen der endemisch auftretendelt Nervenschwäche bewahrt hätte. Neben dem einen Feiertag bestehen aber, von Moses eingesetzt, seit Jahrtausenden auch sechs Arbeitstage nnd diese sind es, die auch ihrerseits die Geschicklichkeit nnd Leistungsfähigkeit der Menschen erhöht und das deutsche Volk in seinen industriellen Leistungen an die Spitze der Völker gestellt haben. Diese sechs —- es waren nicht mehr und nicht weniger — Arbeitstage setzte Moses fest, weil sie nach seinem hygienischen Scharfblick am besten den gesundheitlichen Anforderungen zu entsprechen schienen (G. Walzendorff), und sie bewähren sich hygienisch wie volkswirtschaftlich auch noch heute. *) Aus „Das Rote Kreuz". Offizielle Zeitschrift der Vereine vom Roten Kreuz, Zentral-Organ für deutsche Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsbestrebungen.

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