Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 22 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Au den Bericht des Direktors der Allianceschnle in Fez, der seinerzeit auch in unserem Blatte reproduziert wurde, werden dann folgende Bemerkungen geknüpft: „Aus diesen Mitteilungen geht es klar und deutlich hervor, daß die Truppen dem Ghetto in großem Bogen aüswichen, als das Gemetzel dort seinen Anfang genommen. Und als die Revolte in der Sradl niedergeschlagen war, hielten sich die Truppen noch immer fern vom Ghetto, wo Raub und Mord drei volle Tage hindurch ununterbrochen und ungestört gewütet haben. Was haben auch andere Menschenleben zu bedeuten, wenn das Leben von Europäern in Gefahr ist? Sind denn die Juden von Fez Europäer? Nein! Also .... Die Zerstörung des Judenviertels kann als Ableitung des Mob und der Meuterer von ihrem eigentlichen Ziele dienen, und sie werden sich mit dem Tode der Inden als Lösegeld für die Europäer begnügen. Wir wußten schon bisher, daß sür die Vorgänge in Fez irgend jemand die Verantwortung zn tragen hat. Nun wissen wir auch schon, wo diese zu suchen ist . . . ." *' * * '-v, Heber den Kiewer Retualmordprozeß versendet die N. I. K. folgende Mitteilung: Der Journalist Brasnl-Bruschkowskh hat dem Gendarmeriehauptmann Iwanow, der die Untersuchung in Angelegenheit der Ermordung des Knaben Jnstschinsky leitete, vor einigen Tagen eine neue Denkschrift überreicht, in der er neues Belastungsmaterial gegen einzelne Mitglieder der Diebesbande vorbringt, die nach seiner Ueberzeuguug der Mord an dem Kuaber verübt hal. Eine Abschrift dieser Eingabe sandte Brusal an den Justizmiuister Schteglowitow und an den Vorsitzenden des Petersburger obersten Gerichtshofes. Das neue Material Brasuls soll für die Tscherebiakowa und drei andere Mitglieder der Bande geradezu vernichtend sein, und man nimmt in gulunterrichteten Kreisen an, daß infolge dieser Enthüllungen nun endlich eine entscheidende Wendung in der Mordaffäre bevorsteht. Zn dem Prozeßverfahren gegen den jüdischen Arbeiter Beilrs ist noch folgendes zu melden: Staatsanwalt Sapenin stellte dieser Tage vor Gericht den Antrag, gegen den Advokaten Margolin, den Rechtsbeistand des Angeklagten Beilis, das Disziplinarverfahren einznleiten, weil er Broschüren zur Abwehr der Ritnalmordbeschuldignng drucken lasse mit» verbreite, also die Kiewer Bevölkerung aus deren Reihen ja die Geschworenen hervorgehen werden, zu beeinflussen suche. Dieser seltsame Antrag des übereifrigen Staatsanwalts ging aber auch dem Gericht zu weit und wurde glatt abgelehnt. Der Staatsanwalt scheint übrigens in einem unbedachten Moment aus der Rolle gefallen zn sein, denn in der von ihm verfaßten Anklageschrift fehlt ja bekanntlich jeder Hinweis auf den „Nitnalmord". Man muß sich also fragen, was denn die Verbreitung von Schriften gegen den Ritnalmordwahn mit der Prozeßsache zu schaffen hat. Der „Neue Wodschod" bringt folgende Mitteilung: „Die medizinische Fakultät der Neurussischen Universität in Odessa traf in einer ihrer letzten Sitzungen folgende ungewöhnliche, interessante und bedeutsame Bestimmung: die Fakultät, in der die große Mehrheit jetzt aus „rechten" Professoren besteht, die dem Lager des Rekrors Lewaschew sich angeschlossen haben, wendet sich mit der Bitte an den Minister der Aufklärung, die Prozentnorm für jüdische Aerzte aufzuheben, die danach streben, sich ui der medizinischen Fakultät zn spezialisieren. Es versteht sich von selbst, daß man die Ursache dieses plötzlichen Eifers darin suchen muß, daß faktisch die Nenrnsfische Universität im gegenwärtigen Momente ohne Lehrerpersonal geblieben ist, und jeder balbwegs Anständige von dort fortläuft. Wir glauben nicht, daß sich viele Bereitwillige unter den Juden finden werden. die sich von dem Almosen der Odessaer schwarzen Professirr verleiten lassen werden." Die sibirischen Zeitungen bringen die Nachricht, daß laut Verordnung des Generalgonvernenrs den Juden, w i e a u ch den Getauften auf der Station „Okeansk" und Umgebung in der gegenwärtigen S o m m e r s a i s o n der A u f e n t h a l t v e r b o t e n s e i n w i r d. * * * Wahrheit. Nr. 22. lieber die Inden Rhodos bringt der „Israelit" folgende interessante Mitteilungen: Auf der Insel Rhodos, die gegenwärtig den Türken von den Italienern streitig gemacht wird, leben Inden, bereits seit den ältesten Zeiten. Schon im ersten Buche der Makkabäer wird der Juden ans Rhodos gedacht. Der jüdische Reisende Benjamin Detndela hat im Jahre 1400 anläßlich seines Besuches ans der Insel daselbst 600 Juden konstatiert. Rottiers sagt in fein „Inscriptions et monuments de ILüodes^, daß anläßlich einer Judenvertreibung aus Spanien im Jahre 1230 Inden ans Taragou nach Rhodos kamen. In Malona, einer Stadt auf Rhodos, gibt es heute noch ein großes Stadtviertel, das den Namen Eviaki führst Dieser Stadtteil war schon von Inden bewohnt, als die Ritter des heiligen Johann im Jahre 1309 nach Rhodos kamen. Der Stadtteil, in welchem die Inden in der Stadt Rhodos wohnen, ist uralt. Als die Johannisritter die Mauer, welche das Judenviertel umgibt, nach einer Belagerung reparierten, gaben sie ihr den Namen „Jndenmauer". Unter der Herrschaft dieser Ritter hatten es die Inden nicht immer gut. Lacroix erzählt in seiner Geschichte der Insel, daß der Großmeister wiederholt die Demolierung mehrerer Jndenhänser befahl, um aus. dem gewonnenen Material die schadhaft gewordene Judenmaner. die wiederholt erfolglos von Messyh-Pascha bombardiert würde wieder Herstellen zn lassen. Im Jahre 1851 hatte die jüdische Gemeinde in Rhodos viel unter den Folgen eines Erdbebens zn leiden. Sie entsandte damals ihren Rabbiner Rachamim Franco nach Europa, um für die Wiedererrichtung des Judenviertels Spenden zn sammeln. Die Sammlung ergab 40.000 Francs. Im Jahre 1855 wurde ein Teil der Jndenstadt infolge-der Explosion des Pulverturmes zerstört. Die Juden von Rhodos besitzen zwei große berühmte Synagogen. Die eine wurde im Jahre 1440 zerstört und später ans Befehl des Papstes Sixtus IV. wieder ausgebaut. Die zweite große Synagoge führt den Namen Kehillath Scholom.-Sie wurde im Jahre 1593 von Rafaelmargola erbaut, und am neunzehnten Jahrhundert von Mosche Menasche rekonstruiert. Eine dritte kleinere Synagoge führt den Namen de Camondo, zum Andenken an den Grafen Abraham de Camondo, der sie erbauen ließ. Ueberdies gibt es mehrere kleine Bethänser und Lehrstnben. q- Der jüngst veröffentlichte Bericht des türkischen Bildungsmittisterinttls enthält interessantes statistisches Material über die Zahl der jüdischen Schüler in den verschiedenen öffentlichen Schulen sin Konstantinopel während der letzten vier Jahre. Hiernach wird, die Hochschule für Medizin von 63 jüdischen Hörern besucht, während sich unter den Hörern der juristischen Fakultät 50 Juden besinden. Das große Gymnasium „Galata- Serail" weist 53 jüdische Schüler, die Kunstschule drei jüdische Zöglinge und die Handelsschule 6 jüdische Schüler auf. Ueberdies finden sich in den verschiedenen anderen Gymnasien von Konstantinopel weitere 50 jüdische Schüler. Demnach werden die staatlichen Anstalten von Konstantinopel von zusammen 246 Schülern besucht. Außerdem wurden 8 jüdische Vorzngsschüler aus Staatskosten zur weiteren Ausbildung ins Atlsland, und zwar nach Berlin, Paris und Budapest geschickt. Diese Stipendisten sind für die Zeit nach Absolvierung ihrer Studien als Staatsbeamte in Aussicht genommen. * 4- * / Unter den jüngst ernannten Finanzinspektoren für das türkische Reich'befinden sich auch drei Inden, welche erst vor kunzer Zeit ihre Studien im Anslande beendet haben. Welches Vertrauen die Regierung gerade in diese drei Beamte setzt, beweist, daß sie die schwierigsten und exponiertesten Posten zugewieseu erhielten. So wurde Inspektor Zix Bey Matalou für die Vilajets-Janina und Skutari in Albanien, Ferid Bey Asseo zum Inspektor der Vilajets Van und Bitlis und gleichzeitig auch