Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 22 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, II/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Administration 493811. ^Möhangige Heitfchrift für jüöische Aerttgsprel»: IMniijjiibvirt.K 14.— HalbiHbria.X 7.— Jt.?. üsterr. Vostivarkasta- Scdect-Koiilo 8!r. 190.918. Inserate: IntereAeu. Fiii. Niillnsbettinte: ti'nmi.ibnii.K 10. — Die viermal gespaltene Ronvareille-Leile 25 Heller. Erscheint jeden Kr ei tag. Mil' VI11 ^Idilb: AbonneinenlSnnd JnsertionSberräge.. iinb in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ (»„»ziabria.8 Mark t» Nudel oder ltt ffrc» Wie«. 7. 3mii Inhalt: Aus der Woche. — Eine Entgegnung. — Generalversammlung der israelirischen Allianz. — Versammlung der Agndarh Israel. — Israels Geschick. — Moses in seiner Bedeutung für die moderne Hygiene. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der verkaufte Sohn. Ans der Woche. Wie hoch die Achtung vor deu Staatsgrundgesetzen im österreichischen Abgeordnetenhauses und gerade seitens der sogenannten Regierungsparteien bewertet wird, das zeigte eine Abstimmung, die diese Woche gelegentlich der Beratung der Dienstpragmatik für die Staatsbeamten stattfand. Der Sozialdemokrat Schmeral stellte zu den allgemeinen Bestimmungen des Gesetzes einen Znsatzantrag, der den Grundsatz ausstellt: „Politische, konfessionelle oder nationale Gründe dürfen bei der Anstellung eines Beamten keinen Einfluß üben." So selbstverständlich dieser Antrag nach ben Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes erscheint, so stimmten doch die Mitglieder des deutschen Nationalverbandes, die Christlichsozialeu, sowie die deutschen, czechischeu und südslavischen Klerikalen gegen deu Antrag, der erfreulicher Weise trotzdem mit beu Stimmen der freiheitlichen Wiener Abgeordneten, der etwas spärlich vertretenen Polen, der freiheitlichen Czechen, der Sozialdemokraten,-Rnlhenen und liberalen Italiener und Slovenen angenommen wurde. Die Gruppierung der Pro- und Kontrastimmeu ist überaus lehrreich und namentlich sollten sich die Juden in Böhmen nnd Mähren. die Waffenbrüderschaft des deutschen Natioualverbandes mit den Christlichsozialeu und Klerikalen für die nächsten Wahlen in besonderem Vermerk Hallen. -iq- * In einer norddeutschen Großstadt, so lesen wir in der „Volkswehr", hat sich in diesen Tagen wieder einmal eine jener Tragödien abgespielt, von denen das jüdische Elternhaus vergangener Tage nichts gewußt hat. Ein etwa achtzehnjähriger Sohn reicher Eltern (der Schule bereits entwachsen), dem die Zukunft in rosigsten Farben erstrahlte, hat sich das Leben genommen. Niemand außer den Beteiligten kennt die Motive; dem jüdischen Zuschauer aber drängt sich die Frage ans: Wäre das wohh auch so gekommen, wenn nicht die Ellern einst, bald nach der Geburt, den Knaben dem Taufbecken zugeführt hätten? Wäre es vielleicht nicht doch anders gekommen, wenn Eltern und Kinder nach jüdischer Art gelebt, wenn sie noch zusammen jüdische Feste gefeiert hätten, mit jüdischer Festesfreude, mit jüdischer Familienzusammengehörigkeil, statt daß am Versöhnuugstage der Var er allein zu Maskir n'ichomauß den Weg zur Synagoge gegangen, während vielleicht zur selben Stunde seine Kinder im christlichen Religionsunterricht ein Zerrbild von der Religion des Vaters vorgeführt bekamen? Wahrlich, es soll uns fern liegen — es wäre nnjüdisch gedacht — angesichts des Leides, das ein Elternpaar getroffen, von einer Nemesis sprechen zu wollen; aber die Judenheit muß ans solchen Vorgängen lernen und sich auf sich selbst besinnen. Im attjüdischeu Hause, wo ein inniges Familienband sich ltm Eltern und Kinder schlang, gab es keine Kinder- und Schülerselbstmorde! Und noch in anderer Weise redet das Vorkommnis eine tieftraitrige Sprache. Wo findet ein solch unglückliches Menschenkind, das am Morgen seines Lebens so tragisch geendet, seine letzte Ruhestätte? Ans dem jüdischen Friedhof? Nein, das geht nicht an, das wäre undenkbar. Auf dem christlichen? Man scheut sich doch davor, als jüdische Eltern die Zeremonien der -Andersgläubigen über sich ergehen zu lassen; dazu ist doch der Augenblick 511 ernst. So möchte man mit dem Heiligsten nicht spotten. Glücklicherweise kennt unsere Zeit einen Ausweg: Es gibt Krematorien und die sind konfessionslos! Wahrlich eine erschütternde Tragik! Ihr jüdischen Eltern aber, die ihr so wenig Zeit nur für Eure Kinder habt, die ihr ihre Erziehung Dienstmädchen und Bonneu überlasset, die ihr glaubt, für die Zukunft eurer Kinder am besten zu sorgen, wenn ihr sie dem Taufbeckem zuführt, vergeßt nicht, daß es auch ideale Güter und Werte gibt, die man nicht ungestraft bei Seile schieben kann. Lernet, dieweil ihr gewarnt seid! Vielleicht, daß dann aus der unheilvollen Tat, die ein dem jüdischen Elternherzen entfremdeter junger Mann verübt hat. Segen der jüdischen Gesamtheit ersprießl. * * •i* In einem aufsehenerregenden Artikel bespricht der Pariser „Univers Israelit" die Haltung der französischen Truppen bei der Jitdeumetzelei in Marokko. „Wann werden wir, so fragt der Alttor, die Wahrheit über die Plünderung des Ghetto von Fez erfahren. Und werden wir sie überhaupt jemals erfahren? Was wir bis jetzt schon darüber wissen, ist so schwerwiegend, daß es unerläßlich erscheint, hierüber vollständige Klarheit zu erlangen. Wird man aber den Mut haben, in diese Affäre unerschrocken hineinzulenchten? Die Zeitutlgen meldetetl uns, daß die Juden 311 Dutzenden getödet und verwundet wurden und daß dies nicht die Arbeit einer Stunde gewesen fei. Sie meldeten uns ferner, daß die Artillerie die Stadt beherrscht habe und die Meuterer in Respekt zu halten vermocht habe. Wir erfithreu weiter, daß dasJndeuviertel hart an den Palast des Sultans grenzt, woher Hilfe gebracht werden konnte und wohin die Juden sich auch zu flüchten vermochten. Wir wissen also hinreichend genug, um feststellen zu können, daß für die Blltttaten im Mellah von Fez irgend jemand die Schuld und die Verantwortlichkeit trägt."