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Die Wahrheit · 1912-05-31 · Heft 21 (31.5.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 21 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Epeite 8._Die Wahrheit._Nr. 21, . Sehr bestärkt wurde ich in meiner Auffassung durch einen kleinen Kreis erlesener Antisemiten, mit denen ich regelmäßig an einem bestimmten Wochentage in einer kleinen Weinstube zn-- sammenkam. Der geistige Mittelpunkt dieses Kreises war Otto Glagau. Ein interessanter Kopf! Der Mann hatte sich als Börseujournalist in der liberalen Presse seine Sporen und ein paar tausend Taler verdient. Die paar Kröten hatte er bei irgendeiner der faulen Gründungen anfangs der siebziger Jahre eingebüßt. Diese bittere Erfahrung trieb ihn dazu, gründliche Studien über die Gründerjahre überhaupt zu machen. Dabei glaubte er, feststellen zu können, daß die Inden nicht nur die führende Nolle bei den Gründungen gespielt hätten, sondern auch bei dem Krach am besten weggkommen wären. Er schrieb sein mit einer geradezu erdrückenden Fülle von Material ansgestattetes Buch über den „Börsen- und Gründungsschwindel in Deutschland." Dies Buch war der wirtschaftliche Ausgangspunkt der ganzen antisemitischen Bewegung. Die unzähligen Opfer des Krachs sahen in Glagau den Künder der Heilsbotschaft. Tausende von Leuten bis in die Hofkreise hinein beehrten ihn mit ihrem Vertrauen. Eine unbeschreibliche Masse von wichtigen Mitteilungen floß ihm zu. Er gab eine Halbmonatschrist, den „Kulturkämpfei" heraus, in dem er dies Material in einem eigenartigen Stil verarbeitete. Aber zehnmal mehr als er an die Oeffentlichkeit brachte, wußte er. Er war vollgepfropft mit Wissen über das, was sich hinter den Kulissen der Politik abspielte. Namentlich die „Deklaranten", die konservativen Feinde Bismarcks, benützten ihn zu ihren Enthüllungen. Die Abende mit Glagau boten die reichsten Anregungen. Allerdings spitzte er alles antisemitisch zu. Je weniger er aus die Dauer in der großen Oeffentlichkeit Auklang fand, desto verbissener wurde sein Antisemitismus. Allmählich lernte ich auch die antisemitischen Führer persönlich kennen. Besonders Liebermann v. Sonnenberg wandte mir rasch seine Gunst zu. Er sah in mir eine besondere Hoffnung für den Antisemitismus. Schon 1893 verhandelte er mit mir über die Uebernahme von Reichstagskadidaturen in Altona und Sorau. Bald darauf setzte er bei einer Ersatzwahl in einem fast sicheren kurzhessifchen Kreise meine Aufstellung als „christlichdeutsch-sozialer" Kandidat durch. Ich schrieb ihm, daß ich christlich-sozial, aber nicht deutsch-sozial .sei und mich auf kein Kompromiß einlasfe. Darauf telegraphierte er mir sehr ungnädig aus dem Wahlkreise: „Vou der Ablehnung der Kandidatur habe ich Akt genommen. Liebermann." Am Biertisch oder beim Glase Wein war Liebermann ein famoser Kerl. Als Politiker aber mußte man ihn um so geringer einschätzen, je mehr man ihn kennen kernte. Als ich. da ich im Vergleich zu ihm doch uoch ein politischer Lehrling war, mich von der grenzenlosen Oberflächlichkeit seines Wissens überzeugt hatte, sprach ich ihm einmal von der Notwendigkeit einer gründlichen nationalökonomischen Bildung. Doch er lachte nur: „Erst müssen wir die Partei machen, und dann können wir die wissenschaftliche Grundlage für sie suchen." Diese Auffassung versetzte mir denn doch einen Schlag, über den ich nicht hinweg konnte. Ueberhaupt konnte es keine bessere Schule des Antisemitismus geben als die genaue Bekanntschaft mit den führenden Antisemiten. Soviel Köpfe, soviel Sinne! Jeder wollte etwas anderes. Und so ziemlich jeder haßte den anderen, schimpfte in seiner Abwesenheit auf ihn und intrigierte gegen ihn. Es war ein ewiges Herumbalgen um die Führung und um die Mandate. Parlamentarisch wurde fast nichts geleistet. Oberflächlichkeit war Trumpf. Erfolgte irgendwo ein schwerer Angriff, so suchte man nicht nach Gründen, ihn zu wiederlegen, sondern man stöberte in den Personalien des Angreifenden, ob nicht vielleicht seine Urgroßmutter einen Tropfen semitischen Blutes in den Adern gehabt habe, oder ob vielleicht einer Kusine eine Verschwägerung mit einem Juden uachzuweisen sei. War aber gar nichts mit der „Rasse" zu machen, so kam schließlich die erlösende Phrase von dem „jüdischen Geist". Direkt abstoßend war mir die Heuchelei, die in moralischer Beziehung getrieben wurde. Dieselben Leute, die eben vor versammeltem Volke die Juden als Faune und Verführer gebrandmarkt und die .Verdrängung.der, jüdischen Unsittlichkeit durch», echt germanische Sitte — der brave. Tacitus mußte immer als Kronzeuge dienen — gepredigt hatten, zogen „re bene gesta“- nach irgendeiner Weiberkneipe und hatten nach fünf Bierminuten, einerlei, ob verheiratet oder ledig, jeder eine Kellnerin auf dem Schoß. Und dabei wurde immer abwechselnd gezotet und auf die Juden geschimpft. Es war einfach ekelhaft. Ich bin wahrhaftig nie prüde gewesen. Aber, dieser Widerspruch zwischen. Worten und Taten empörte mich. Nichts hat mich mehr vom Antisemitismus abgebracht als die Antisemiten. Allerdings hat auch die nähere Bekaniltschaft. mit Juden dies Bekehrungswerk unterstützt. Schon immer hatte es mich irritiert, daß zwei so eminente soziale Geister wie Lassalle und Marx dem Judentum augehörten. Da konnte es doch nicht ausschließlich nianchesterlich. veranlagt sein! Die persönliche Bekanntschaft mit einer Reihe sozial gesinnter und vielfach auch sozial tätiger Juden brachte mich immer mehr von meiner Voreingenommenheit ab. Den stärksten Eindruck machte ‘ auf mich Charles H a l l g a r 1 e n in Frankfurt a. M. Dieser Mann war in allem das Gegenteil. von dem. was ein Jude nach der Doktrin sein mußte. Er war so zurückhaltend, daß er, um alle repräsentativen Posten ablehmen zu köuueu, amerikanischer Staatsbürger blieb. Egoismus lag ihm so fern, daß sein ganzes Leben eigentlich nur dem Gemeinwohl gewidmet war. Das Geld war ihm lediglich Mittel zu dem Zweck, der sozialen Wohlfahrt zu dienen. Idealist durch und durch, dabei ein klarer Kopf mit scharfem Verstand. Und vor allem von einer Großzügigkeit, wie ich sie in der ganzen anti-- semitischen Gesellschaft nie auch nur annähernngsweise gefunden hatte. Hallgarten ist der Jude gewesen, der den Antisemiten in mir endgültig überwunden hat. Viele Juden habe ich später kennen gelernt, die mich in meiner grundsätzlichen Abkehr vom Antisemitismus bestärkt haben. Aber Hallgarten war es doch, der mir den Weg gur gerechten Beurteilung des Judentums gezeigt hat. Viele Männer der Linken sind mir bekannt, die im ver-' trauten Kreise aus ihrem heimlichen Autisemitismus kein Hehl machen. Wer, wie ich, die Kinderkrankheit des Antisemitismus als Angehörigen einer antisemitischen Gruppe durchgemacht hat, der ist völlig immun gegen jeden Rückfall." Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Prater Bethausverein „Tefilath Jeschuron", gibt, den p. t. Mitgliedern bekannt, daß Freitag, den 7. Juni und Samstag, den 8. Juni Herr Oberkantor H e i l p e r n aus Lemberg das Gebet verrichten wird. . Wien, X. Sonntag, den 2. Juni 1912, 10 Uhr vormittags, findet im Schnllokale des „Jüdischen Schulvereines", X., Hasengasse 7, die Schlnßprüfung statt. Gäste herzlich willkommen. Wien. Am 17. d. M. ist in Budapest Herr Jakob B e n e t i a n e r,. der Vater unseres geschätzten Mitarbeiters Herrn S. V i n e t a, im 74. Lebensjahre gestorben. Der Heimgegangene, der trotz seines hohen Alters bis vor kurzem in voller Rüstigkeir seinem kaufmännischen Berufe oblag, war ein Mann von gediegener literarischer Bildung und er hat sich auch, besonders in früheren Jahren, wiederholt schriftstellerisch versucht. Wien. Regierungsrat Dr. S. Frankfurter hat einen bedauerlichen Unfall erlitten. Er war eben im Begriffe nach München zu reisen, um an einer dorthin einberufenen Tagung der Bibliothekare als Vertreter der Wiener Universitätsbibliothek teilzunehmen und beim Einsteigen in den. Zug in Wien stürzte er und fiel ans den Arm.. Er setzte trotzdem die Reise nach München fort. Hier steigerten sich die Schmerzen, die Verletzung stellte sich als schwerer heraus, als er angenommen hatte, er mußte sich einen. Verband anlegen lassen nnd sofort nach Wien znrückkehren. Wien. (G e n e r a l v e r s a m m l u n g der „Israelitischen A l l i a 11 z.") Da die Generalversammlung vom 15. ds. infolge der Trauer in eine Erledigung der Tagesordnung nicht eingetreten ist, so findet M o n t a g, d e n 3. I uni. 5 Uhr nachmittags, i m Saale der i s r a e l. K u l t n s g e m e i n d e, I., S e i t enstet te n g a s s e 4, 2. S t o ck, eine neuerliche Generalversammlung mit derselben Tagesordnung statt. Die in Wien wohnenden Mitglieder erhalten zu dieser Versammlung besondere Einladungen, welche beim Eintritt vorzuweisen sind. Für auswärtige Mitglieder gilt die Mitgliedskarte als Legitimation. Der Jahresbericht wurde an sämtliche Mitglieder bereits versandt. Die außerhalb Wiens wohnenden Mitglieder, welche ihn noch nicht erhalten haben, können ihn bei den Leitungen Js'er Filialen und Vertrauensmännern des Vereines an ihrem Wohnorte reklamieren.

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