Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 21 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Die Wahrheit Sette 'T. Verhältnis zu anderen nicht national-russischen Volksgruppen in Rußland. Im Jahre Juden Polen Litthaner Finnländer 1900 37.011 22.500 10.297 12.515 1901 37.660 21.475 8.805 9.966 1902 37.864 33.859 9.975 13.854 1903 47.689 39.584 14.420 18.776 1904 77.544 32.577 12.707 10.077 1905 92.388 47.224 17.649 16.671 1906 125.234 46.204 13.697 13.461 1907 114.932 73.122 24.811 14.311 1908 71.978 37.947 13.270 6.303 1909 39.150 37.770 14.595 12.202 1910 59.824 63.635 21.676 14.999 Indische Einwanderung in Argentinien. Die allgemeine europäische Auswanderung nach Argeutinieu -kam .um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Aufschwung. Von 1863 bis 1909 sind zirka Slf2 Millionen Enropäer eingewandert. Anfang 1910 wurde die Bevölkerung mit 6,800.000 Einwohnern berechnet, darunter etwa 1,740.000 Ausländer. Die jüdische Einwanderung, welche vor etwa 20 Jahren begann, weist erst seit dem Jahre 1904 größere Zahlen auf. In diesem Jahre hat u. a. die Wiener Israel. Allianz anläßlich der Masseuansammluug von Flüchtlingen zur Zeit des russisch-japanischen -Krieges größere Gruppen nach Argentinien zu senden begonnen. .Insgesamt sind in Argentinien eingewandert: 1904 . . . 4.000 Inden 1905 . . . 7.515 „ 1906 . . . 13.500 „ 1907 . . . 2.518 „ 1908 . . . 5.444 1909 . . . 8.557 „ 1910 . . . 6.584 „ In diesen Zahlen sind die Emigrantensamilien enthalten, die selbständig oder mit unserer Unterstützung nach Bnenos-Ayres gereist sind, um sich dort oder in anderen großen Städten des Landes, wie Rosario, Santa Fe, Cordoba, wo bereits größere jüdische Gemeinden bestehen, eine Existenz zu begründen, wie ' auch ackerbautreibende Juden, welche sich in den von der Jca begründeten Kolonien angesiedelt haben. In diesen Kolonien, acht au der Zahl, wohnen gegenwärtig 21.115 Juden (3.777 Familien.) *) In 50 Schulen werden 3.538 jüdische Knaben und Mädchen unterrichtet. Wegen der verhältnismäßigen Billigkeit der Reise (die niedrigsten, besonders ermäßigten Fahrpreise, die wir den Emigranten in der letzteil Zeit zu vermitteln in der Lage waren, schwankten zwischen 116.— und 148.— K von Wien nach Bnenos-Ayres), des Wegfalls der in Nordamerika von den Einwanderern vorzuweisenden Barmittel und sonstiger Beschränkungen, vor allem aber wegen der größeren Leichligkeit des Erwerbes wird allen arbeitsfähigen jüdischen Auswanderern, soweit sie nicht besondere Anhaltspnnke in den Vereinigten Staaten oder in Kanada zur Begründung einer Existenz haben oder von ihren Verwandten Schiffskarten dorthin erhalten haben, vorzugsweise Argentinien als Ziel empfohlen, in welchem Lande noch große Massen unserer 'verfolgten Glaubensgenossen eine neue Heimat finden können. Antis emitische Erinnerungen. Ein bekannter demokratischer Politiker iu Deutschland. Herr w. Gerl ach, schildert in einer Artikelserie des „Freien Volk": „Wandlungen" seine politische Entwicklung vom Anhänger des Stöckerscheu christlichen Sozialismus bis zum Mitglied der am *) Moisesville (Santa Fs) 4.565, Clara (Ente Rio») 5.530, San Aritonio (E. R.) 1.117, Santa Isabel (E. R.) 335, Lncncienville (E. R.) rZ.329, Manricio (Bnenos-Ayres) 3.097, Baron de Hirsch (B. A.) 1,753, Bernasconi (Pampa) 1.389 Seelen. weitesten links stehenden bürgerlichen Gruppe. Unsere Leser dürste das Kapitel: „Judenfrage" interessieren, das wir im Wortlaut folgen lassen: „Da ans den Dörfern Mittelschlesiens keine Juden wohnen, so habe ich während meiner ganzen Kinderzeil nnr hier und da einen armseligen Felljuden zil Gesicht bekommen, der ans dem Hose erschien, um mit der Köchin über die Hasen- und Karnickelfelle zu feilschen. Auch ans der Schule kam ich mit Juden überhaupt nicht in Berührung, da das kleine Gymnasium zu Wohlan nnr ganz vereinzelte jüdische Schüler aufwies. Aber der Antisemitismus schien mir schon in meinen Sekundaner- und Primauerjahren eine Selbstverständlichkeit. Es ging damals — Ende der 70 er und Anfang der 80 er Jahre — von Berlin aus die große Welle des Antisemitismus durch die Lande. Alle Zeitungen, die ich zu Gesicht bekam, waren von antisemitischer Grundstimmnng erfüllt. Alle Familien, in denen man verkehrte, alle Bekannten, mit denen man sprach, kannten den Juden gegenüber nur Ausdrücke des Hasses oder der Mißachtung. Eine Nachprüfltng, ob die über die Juden gefällten Urteile zutreffend feien, war schon deshalb nicht möglich, weil man sich ja aus eigener Anschauung kein Urteil bilden konnte; denn der völlige gesellschaftliche — vielfach auch geschäftliche Boykott der Juden war Axiom. Als Student, als Referendar, als christlich-sozialer Redakteur hielt ich fest an diesem Boykott. Ich kann mich kaum darauf besinnen, etwa bis zu meinem 30. Lebensjahre mit einem Juden gesprochen zu haben. Getaufte Inden liefen mir allerdings mehrfach in den Weg, namentlich unter den Juristen, Verwaltungsbeamten und Offiziersgattinnen. Und die bestärkten mich ganz außerordentlich in meinen judenfeindlicheu Empfiudungeu. Diese Referendare, die sich zwischen zwei Terminen von einem möglichst „ungläubigen" Prediger in die „Heilswahrheiten des Christentums" einführen ließen und dann mit der Aktenmappe unter dem Arm zur Taufe schritten, diese Regiernugsasfessoren, die durch intensives Schimpfen auf die Inden ihr wenig germanisches Aenßere vergessen zu machen suchten, diese Bankiersköchter mit alttestamentarischen Namen, die mir vom Neuen Testament und von Dryander vorschwärmten, die nnr adeligen Umgang suchten nnd um keinen Preis unter dem Baron heirateten — diese Heuchler, Streber und Schmarotzer erschienen mir als die typischen Vertreter der jüdischen Rasse. Die ersten organisierten Antisemiten, die ich kennen lernte, waren christlich-soziale Theologen, reine Ideologen. An Männer wie den deutschen Pastor Hoffmann iu Gens oder den verstorbenen Pastor Walter Burckhardt von Sophien denke ich noch heute, wo ich meinen damaligen Ansichten vielfach so fremd gegenüberstehe, voll dankbarer Erinnerung zurück. Sie waren Antisemiten, jawohl, aber nur ans mißverstandenem Idealismus heraus. Uns, die wir radikalsozial, fast sozialistisch gesinnt waren, erschien der Altruismus als das Höchste. Im Juden aber erblickten lvir den ausgeprägtesten Vertreter des Individualismus, der uns identisch erschien mit Egoismus. Wir, die wir die Sozialpolitik mit leidenschaftlichem Eifer betrieben, die wir im Staatssozialismus den Inbegriff der Staatsweisheit erblickten, sahen in den Juden nuferen geborenen Widerpart. Waren nicht die großen jüdischen Parlamentarier. die Lasker nnd Bamberger, die Väter der manchesterlichen Gesetzgebung? Kämpften nicht die liberalen Parteien, in denen die Juden einen starken — von uns damals freilich weit überschätzten — Einfluß hatten, wie wild gegen die Arbeiter- Versicherung an? Stand nicht die größenteils von Juden redigierte Presse ans dem Manchester-Standpunkte, der uns als der Inbegriff der Bolksfeindlichkeit, als der Ausdruck einer grausamen Selbstsucht erschien? Im Verein deutscher Studenten, der ja grundsätzlich antisemitisch war, bekannten sich viele ans sogenannten nationalen, d. h. aus Rassegrnnden, zum Antisemitismus. Ich habe diese Richtung, die sehnend nach Oesterreich hinüberblickte, zu den Schönerer und Genossen, immer scharf bekämpft. Auch ich war Antisemit, radikaler Antisemit — was ich war, war ich immer radikal! — aber nicht ans Rasse-, sondern aus sozialen Gründen.