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Die Wahrheit · 1912-05-31 · Heft 21 (31.5.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 21 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 21. gänzlich mittellos sind, von iins bis zur FeftstelllUlg der objektiven Möglichkeit einer Weitersendung ausgehalten werden. Eine Weiterseudnng in Etappen, unter Ablehnung der Verantwortung oder Abwälzung derselben auf andere, existiert für unsere Organisation nicht, da ohne Rücksicht aus die Kosten nach den Grundsätzen des geregelten Hilfswerkes.'jede-Unterstützung eine wirksame und den. Emigranten zum Ziele führende sein muß. So oft wir ans Drängen privater Wohltäter, welchezufällig eine Answandererfamilie und deren besondere Not kennen gelernt haben, ohne die Schwierigkeiten im betreffenden Falle zu ermessen, uns entschließen, mit Außerachtlassung unserer Erfahrung eine Konzession zu machen, erweist sich das Ergebnis nicht nur als eine unnütze Geldverschwendung, sondern als eine Verschlimmerung der Lage der Unglücklichen, zn deren Gunsten man wohlmeinend bei uns interveniert hat. So z. B. haben wir im verflossenen Jahre einmal durch unablässige Bitten und die Verwendung gutherziger Menschenfreunde uns bewegen lassen, eine Gruppe von sechs rumänischen Personen, welche uns mit Entschiedenheit versicherten, daß sie in Frankreich sich sofort eine Existenz begründen können, nach ursprünglicher Ablehnung des Gesuches doch nach Paris zn schicken. Nach einigen Wochen erhielten wir von unserer Filiale in Krakau ein Gesuch von denselben Personen, welche mittlerweile in Paris sich von der Aussichtslosigkeit ihres Planes überzeugt hatten und mit Hilfe zahlreicher Unterstütznngskomitees durch ganz Deutschland zurückgereist waren, sie zur Rückkehr nach Jassy zu unterstützen, was wir zum Schlüsse auch tun mußten. In zahlreichen Fällen kommen Personen, die sich von uns nicht haben warnen lassen, nach Vergeudung ihrer eigenen letzten Mittel sowie der Unterstützungen ans Amerika zurück und sind noch ärmer und entmutigter als zuvor. Sie bitten dann um Rücksendung nach Rußland oder Rumänien, wo sie weitigstens Verwandte oder Freunde haben. Diese, sowie diejenigen Emigranten. welche sich nach kurzem Aufenthalte in Wien von der Sinnlosigkeit ihrer Pläne überzeugen und um Zurückbeförderung ausuchen, bilden das Kontingent der „Repatriierten", welches jährlich unser Budget belastet. Im verflossenen Jahre wurden durch unser Bureau in Wien 763 russische und 163 rumänische Emigranten zumeist.nach überseeischen Ländern, teilweise aber auch nach westeuropäischen Orten weiterbefördert, während 226 Personen repatriiert werden mußten. Mehrere Hundert Emigranten wurden von jeder unserer Filialen: Krakau, Brody und Czernowitz teils zur Weiterreise, teils zur Heimkehr unterstützt. Das von uns subventionierte «Auswaudererbnreau für jüdische Auswanderer" in Basel hat 759 Emigranten seine Fürsorge zugewendet, denen es Schiffskarteu zu ermäßigten Preisen, besonders über Genua und Marseille, erwirkte. Die mit uns in Verbindung stehende Vertretung der ^llewisli Colonization Association“ in Bukarest hat aus Rumänien im Laufe des Jahres 1911 insgesamt 728 Emigranten befördert. Summiert man die Zahlen der Emigranten, welchen von uns und von den kooperierenden Hilfskomitees während eines Jahres Fürsorge zugewendet wird, so ergibt sich, selbst unter Einschluß der über Norddeutschland reisenden Emigranten, eine gegenüber den Gesamtzahlen der Auswanderung verhältnismäßig geringe Ziffer von wenigen tausend Personen, die wirklich ans Unterstützung angewiesen waren; einer weit größeren Zahl kommt allerdings die Fürsorge durch Verbreitung richtiger Informationen und Wachsamkeit der Hilfskomitees gegenüber unredlichen Agenturen zugute. Aber der größte Teil der Emigranten entzieht sich vollkommen jeder Fürsorge, da er ihrer nicht bedarf. Die große Masse der Auswanderer besteht aus Personen, die entweder zu ihren bereits in Amerika ansäßigen Verwandten reisen und von diesen direkt im voraus die besten Auskünfte erlangt haben oder aus solchen Personen, die über eigene Mittel ausreichend verfügen und sich selbst zu raten und zu helfeit wissen. Wir heben dies hervor, um unsere Mitglieder und Freunde in den Stand zn setzen, sich über die „Regelung der Emigration", von welcher soviel außerhalb der bestehenden Organisationen und nicht immer mit genauer Kenntnis der Verhältnisse gesprochen wird, ein Urteil zu bilden. Es werden oft die großen Zahlen der Emigrationsstatistik, die in die Oeffenflichkeit dringen, so anfgefaßt, als wenn es sich um wandernde Kolonnen handeln würde, welche irgendeine bestehende oder nett zu schaffende.Organisation nach Belieben lenken könnte, was nicht richtig ist. Es. ist in fernstehenden Kreisen auch die Meinung verbreitet, daß durch irgendwelche erst zu kreierende Einrichtungen den armen Emigranten manche Vergünstigung und Erleichterung verschafft werden müßte, und daß der Kampf gegen Ausbeutung durch unredliche Agenten erst ausznnehmen wäre. . Jüdische Emigrationsbewegung 1899—1910. J*. Ans Perzentnaliter A 6? Rußland Oesterreich Rumänien Rußland Oesterreich Rumänien 1899 24.275 11.071 ILM, „ 649 29-6 3-6 1900 37.011 16.920 6.183 60-9 27-8 10-2 1901 37.660 13.006 6.827 63-9 23-4 11-7 1902 37.646 12.848 6.589 65-6 22-3 11-4 1903 47.689 18.759 8.562 626 24-6 11-2 1904 77.544 20.211 6.446 73-0 19-0 6-1 1905 92.388 17.352 8.854 71-1 13-4 3-0 1906 125.234 14.884 3.872 81-5 9-6 25 1907 114.932 18.885 3.605 77-0 12-6 2-4 1908 71.978 15.293 4.455 69-6 14-8 4-3 1909 39.150 8.431 1.390 68-0 14-6 2-4 1910 59.824 ' 13.142 1.701 71'1 15-6 2-0 Summe 765.531 180.802 54.827 71-2 16-9 5-1 Durch die Stille und die vollkommene Präzision, mit welcher der bereits bestehende große Automat der europäischen Emigrantenfürsorge arbeitet, dringt über die segensreichen Leistungen derselben verhältnismäßig wenig in die breite Oeffentlichkeit. Es kann natürlich ans dem Gebiete der Auswaudererfürsorge ebenso wie aus dem der Armenunterstützung überhaupt noch sehr vieles verbessert werden, aber es dürste schwerlich irgendwelche Vorkehrung zum Schutze und zur Förderung der jüdischen Emigranten geben, die durchführbar sind und nicht von uns im Verein mit den verwandten Organisationen bereits im Rahmen der Möglichkeit getroffen wurden oder Gegenstand von Verhandlungen zwischen den zusammenwirkenden Komitees bilden. ' Das Problem der Emigration, das oft genannt wird, bildet die größte Schwierigkeit nicht mit Bezug auf die. eigentlichen Emigranten, auch nicht einmal so sehr mit Bezug auf die Auswandernngsziele — da trotz aller Beschränkungen in überseeischen Ländern für Hunderttausende von arbeitsfähigen Personen Raum ist — sondern mit Bezug ans die physisch, infolge mangelnder Gesundheit oder Erwerbsfähigkeit zur Auswanderung ungeeigneten Personen, deren Unterstützung vom rein Humanitären, keineswegs vom emigrationspolitischen Gesichtspunkte geschehen muß. Ueber die Bewegung der Gesamtemigration seit einer Reihe von Jahren geben die nachfolgenden Tabellen Aufschluß. Verhältnis der jüdischen zur allgemeinen Emigration ans Rußland. Im Jahre Russen überhaupt davvn Inden in Prozenten 1899 60.982 24.275 39-8 1900 90.787 37.011 40-8 1901 85.257 37.660 44-2 1902 107.347 37.846 35-3 1903 136.093 47.689 35-0 1904 149.141 77.544 53-4 . 1905 184.897 92.388 500 1906 215.665 125.234 581 1907 258 943 114.932 44-4 1908 156.711 71.978 45-9 1909 120.460 39.150 32-5 1910 186.792 59.824 320 für 12 Jahre 1,749.075 795.531 40-4

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