Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 21 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Sette 5. Nr. 21. die' in schmutzigen Vierteln der Großstädte zusammengepfercht wohnen" — gemeint sind natürlich die russischen Juden — die Pforten des Landes zu verschließen, da ihre weitere Zuwanderung „unerwünscht" sei. *. * * Die Tochter des Richters Jsaacs, Fräulein Nancy Isaaks, wurde, wie aus London berichtet wird, zur Richteriu am Appellationsgerichtshofe in Melbourne (Australien) ernannt. Diese Ernennung hat in Australien großes Aufsehen erregt, da Fräulein Jsaacs die erste Richterin in Australien ist, und man in ihrer Ernennung einen Sieg der Frauen-Advokaren erblickt. Ihr Vater, Richter am Obersten Gerichtshöfe, ist ein gebürtiger Melbourner, war schon einmal Jnstizmiuister von Australien und spielt auch sonst im politischen Leben des Landes eine große Rolle. Richter Jsaacs ist ein treuer Jude, der an der .Spitze fast sämtlicher bedeutender jüdischer Institutionen in Australien steht. Gmigrantensürsorge. Bei dem großen Interesse, das angesichts des demnächst statifindenden jüdischen Emigrations-Kongresses die jüdische Emigratiousfrage gerade jetzt in den weitesten Kreisen erregt, wollen wir zur Orientierung der Oeffentlichkeit aus dem soeben erschienenen Berichte der Wiener israel. Allianz jenes Kapitel wiedergeben, das die Fürsorgetätigkeit für die Emigranten behandelt. Bei aller Anerkennung dessen, was bisher seitens der bestehenden Organisationen geschehen ist, müssen wir aber dennoch bekennen, daß noch vieles zu tun übrig bleibt und daß manche Anregung, die aus dem Emigrations-Kongreß gegeben werden wird, segensreiche Früchte tragen kann. Im nachstehenden der Bericht der Allianz. Sowohl für die russischen wie für die rumänischen Juden hat sich seit einer langen Reihe von Jahren eine rationelle Organisation der Auswanderung als das ersprießlichste Rettungswerk erwiesen. Wie in unseren Berichten wiederholt geschildert wurde, ist deshalb seit mehreren Jahren durch ein planmäßiges Zusammenwirken der großen jüdischen Organisationen, und zwar hauptsächlich der „Jewish Colonization Association“ in Paris, des „Hilfsvereins der deutschen Juden" in Berlin und der „Israel. Allianz zu Wien" ein weitverzweigtes System von Jnformationsbureanx und Fürsorgekomitees geschaffen worden, durch welches die Emigranten schon in ihrer entlegensten Heimat in den kleinsten Städtchen Rußlands und Rumäniens Rat und Auskunft erhalten, nach einem briestichen oder telegraphischen Aviso von unseren Grenzkomitees übernommen, soweil die Auswanderung über Oesterreich geht, in Wien erwartet, instradiert und durch Legitimationsknrten unseres Vereines, unter gleichzeitiger Verständigung der korrespondierenden Hilfskomitees, auf dem ganzen Wege bis nach Amerika geschützt werden. Sowohl mit dem Zentralkomitee der I. C. A. in Petersburg, namentlich mit denjenigen von Odessa, Kiew, Warschau, Kameuetz-Podolsk. Shitomir. Minsk, Berditschwew und anderer Städte des sogenannten Ansiedlungsrayons, als mit den rumänischem, Komitees, andererseits mit den Hilfskomitees in Basel, Rotterdam, Amsterdam, Antwerpen, Bremen, Hamburg und selbstverständlich Triest, befinden wir uns in ständigem Kontakt, mit manchem der Komittees in beinahe täglicher Korrespondenz. Jeder Emigrant aus Rußland wird uns unter gleichzeitiger brieflicher Verständigung mit einer Karte des dortigen „Jca"-Komitees empfohlen. Schon in Rußland und in Rumänien verfügen die zahlreichen Komitees unter unserer Kontrolle über numerierte Legitimationskarten unseres Vereines, deren Text im Einvernehmen mit dem k. k. Eisenbahnministerium in Wien festgestellt und den Eisenbahndirektiouen amtlich bekanntgegeben wurde. Auf Grund dieser Legitimationskarten der Allianz erhalten die Emigranten Bahukarten zum halben Preise für die Durchreise von. der russischen oder rumänischen bis zur reichsdeutschen oder Schweizer Grenze, so daß hiedurch allein tausende von 'armen Emigranten eine nicht unwesentliche Verbilligung ihrer Reise erzielen. Eine weitere Erleichterung finden sie dadurch, daß bei unserer Vermittlung die Schiffsgesellschasten von den niedrigsten jeweiligen Preisen der llebersahrt noch denjenigen Betrag in Abzug bringen, den sie sonst den Agenturen als Provision gewähren. Für die Sichtung der Emigranten mit Bezug aus ihre Gesundheit und Emigratiousfähigteil, sowie die sichere Zulassung zur Landung in Amerika sind die Heimatskomitees verantwortlich, welche durch die Publikation eines zweimal monatlich in jüdischdeutscher Sprache mit hebräischen Lettern vom Zentralkomitee iu St. Petersburg herausgegebenen Blattes „Der jüdische Emigrant'* fortlaufend über alle Angelegenheiten der Auswanderung, über die Bahnpreise und die schwankenden Schiffahrtstarife, über die Arbeits- und Einwandernngsverhältnisse in verschiedenen Gegenden und etwaige besondere Vorschriften Belehrung verbreiten. Damit die Auswanderer unterwegs nicht als Bettler erscheinen, auch uicht bei ihrer Unersahrenheit durch Verlust des mitgenommenen Zehrgeldes in eine prekäre Lage kommen, ist die Einrichtung getroffen worden, daß durch die Fürsorgekomitees iu der Heimat, welche, sei es durch die volle Einzahlung der Kosten durch die.- Emigranten selbst, oder durch eine für sie erlangte Unterstützung die ungestörte Reise bis nach Nord- Amerika (bezw. Argentinien) zu sichern haben, in der Regel auch einige Kronen pro Kopf durch Vermittlung der Israelitischen Allianz als ansznzahlendes Zehrgeld übersandt werden, welches den Durchreisenden in Wien ausgesolgt wird. Danach sollten eigentlich finanzielle Beiträge zur Unterstützung der Emigration durch Zuschüsse an Bargeld au einzelne Personen oder Familien ans der Durchreise in Oesterreich überhaupt uicht geleistet werden. Aber bei den traurigen Verhältnissen, in denen die Juden besonders in Rußland leben, bleibt das nur Theorie, während in der Praxis aus mehreren Gründen unregelmäßige, von den Heimatskomitees nicht empfohlene Auswanderer sich entweder schon in Krakau. Brody oder Czernowitz an unsere Filialen um Hilfe zur Weiterreise wenden, welche ihnen für unsere Rechnung gewährt werden muß oder iu Wien in unserem Bureau erscheinen und das Groß jener Scharen hilfesuchender Männer, Frauen und Kinder bilden, welche seit Jahren nahezu täglich in unserem Bureau zu finden sind. Entweder sind es Personen, die von den Heimatskomitees als emigrationsunfähig erkannt und vor der Weiterreise gewarnt wurden; sie verschmähten aber den Rat und verließen sich auf die Wohltätigkeit der westetiropäischen Organisationen, um eine Hilft zu finden, die zu leisten ganz unmöglich ist, so z. B., wenn die Leute absolut zu „Freunden" nach Nord-Amerika fahren wollen, während ihre Zulassung wegen Erwerbsunfähigkeit oder eines Augenleidens ganz ausgeschlossen ist; oder es sind Personen, die auf Grund vager Anhaltspunkte und Phantasien ohne bestimmten Plan und ohne physische Eignung, sich eine Existenz zu gründen, nach Frankreich und England auswandern wollen. Die Unterstützung zur Reise nach westeuropäischen Zielen liegt ganz außerhalb des Wirkungskreises der Jca-Komitees und geschieht von Wien ans nur zu Lasten unseres Vereines. Wir sind dabei teils an strenge Vorschriften von Behörden, teils an vollkommen gerechte Forderungen der anderen Komitees gebunden. So darf z. B. nach England unter keinen Umständen ein Emigrant geschickt werden, so lange nicht für ihn ein „Affidavit", d. h. eine behördliche Bescheinigung der Zulassung erwirkt ist. Nach den Hafenstädten Antwerpen, Rotterdam usw., wohin viele streben, m der Hoffnung, von dort eine überseeische Beförderung zu erwirken, darf grundsätzlich niemand geschickt werden, für den nicht schon im Voraus sowohl die Schiffskarte wie das vorzuweisende Bargeld (K 125.— pro Person) tit Wien gesichert und die Zulassung in Amerika zweifellos ist. Für eine Weitersendnng nach Paris ist iu jedem einzelnen Falle eine Korresponderz unseres Bureaus mit dem dortigen „Oovaits äs Visniaisanes^ erforderlich. Von einer Sendung nach Hamburg und Bremen ohne vollständige vorherige Sicherung der Seereise und Zulassung kann überhaupt nicht die Rede sein, da nach den strengen polizeilichen Vorschriften in Preußen die Auswanderer schon von der reichsdeutschen Grenze zurückgeschickt werden. Selbstverständlich müssen nun die bezeichneten, aufs Geratewohl nach Oesterreich, oft mit großen Familien, in leichtsinniger, nur durch die große Not in Rußland zu entschuldigender Weise gereisten Auswanderer, die fast immer