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Die Wahrheit · 1912-05-31 · Heft 21 (31.5.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 21 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 21. an den preußischen Minister für Handel und Gewerbe, den Staatssekretär des Reichsamtes des Innern und den Präsidenten des Deutschen Handelstages zu richte», worin es unter Anderem wörtlich herßt: Die Bestimmung in § 4, wonach in Betrieben des Handelsgewerbes, die am Sabbat und au jüdischen Feiertagen gänzlich ruhen, Angestellte jüdischen Glaubens an Sonn- und Festlagen bis zur Dauer von 5 Stunden mit der Maßgabe beschäftigt werden dürfen, daß die Geschäftsräume für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben, begrüßen wir auf das wärmste und ersuchen Euer Exzellenz ganz ergebenst, für die Beibehaltung dieser Bestimmung, die nuferes Wissens von anderer Seite angefochten wird, eintreten zu wollen. Sie kommt in zweckmäßiger Weise den Bedürfnissen derjenigen Geschäfte entgegen, deren Inhaber sich aus religiösen Gründen genötigt fühlen, schon einen Tag in der Woche zu feiern und die jüdischen Angestellten mitfeiern zu lassen. Da aus diesem Grunde die Gewährung der Sonntags-Beschäftigung keine Bevorzugung dieser Geschäfte darstellt und dadurch auch die Juieresseu irgendwelcher anderer Personen nicht geschädigt werden können, erhoffen wir im Interesse der in unserem Bezirk ansässigen und hier in Betracht kommenden jüdischenKausteule dieGesetzwerdung dieserBestimmung. % * Die Alliance Jsraelite Universelle gibt weitere Berichte ihres Vertreters in Fez über die Lage der dortigen Juden bekannt. Der letzte Bericht lautet: „Das Komitee, dessen Bildung Sie für erforderlich erachten, ist, wie ich Ihnen vor einigen Tagen mitteilte, auf Befehl des Sultans konstitniert worden. Der Präsident ist Si Mohammed Tazi, Minister der öffentlichen Arbeiten. Ich bin Schatzmeister. Das Komitee hat 14 Mitglieder, darunter füuf Aerzte, den Konsul von Frankreich und einen Architekten. Das Komitee nennt sich Hilss- und Gesundheitskommission des Mellah von Fez. Es unterhält bei der Staatsbank von Marokko ein Konto, auf dem alle aus Marokko und dem Ausland uns zuftießeuden Fonds vereinigt werden. Unsere Kommisfion hat sich mit großem Eifer der Schaffung hygienischen Verhältnisse im israelitischen Viertel angenommen und für die tägliche Verteilung der Lebensmittel gesorgt. Vom hygienischen Standpunkt sind folgende Maßnahmen ergriffen worden: Wir haben die in den Straßen und Häusern liegenden Leichen von Juden und Marokkanern^forischaffen lassen. 60 Israeliten haben wir beerdigt. Heute noch haben wir unter dem Schutt eines eingeäscherten Hauses den halbverkohlten Leichnam eines Greises gefunden, der durch einen Schuß in den Leib getötet worden ist. Unsere 50 Verwtlndeteu sind im Hospital von Fez untergebracht. Alle Brunnen im Mellah sind nach Leichen durchsucht, die Straßen gesäubert worden. Die Trümmer von etwa 40 eingeäscherten Häusern, die das halbe Mellah gefüllt haben, werden nach und nach sortgeschafft. In den von den Juden bewohnten Höfen des Palastes ist ein Gesuudheits- und Reiniguugsdienst eingerichtet worden, um den Ausbruch einer Epidemie, die Tausende von Opfern fordern würde, zu verhüten. Unsere unglücklichen Glaubensgenossen sind in ihre Häuser zurückgekehrt. In den Höfen des Palastes führet! sie ein erbarmungswürdiges Dasein. Es regnet schon seit drei Tagen, und unsere obdachlosen Brüder werden durchnäßt und zittern vor Kälte. Sie werden die Rückkehr in ihre durch Plünderung und Feuer zerstörten Wohnstätten als Wohltat empfinden, werden, so schmerzlich diese Wiederkehr auch sein mag, sich in ihrem Mellah weniger unglücklich und elend fühlen, die bedauernswerten und unglücklichen Opfer, die mit ihrem Gut und Leben die Rettung der Europäer bezahlen mußten. Denn man hat nichts getan, den Ueberfall auf das Mellah zu verhindern, das drei Tage lang der Wut der aufständischen Soldaten und des Pöbels ausgesetzt war, wodurch das europäische Viertel vordem Aeußersteu bewahrt blieb. Im Augenblick beschäftigt uns vor allem die Frage, wie wir denjenigen unserer Glaubensgenossen Unterkunft verschaffen, die die durch Feuer oder durch die Hacke der Geniesoldaten zerstörten Häuser bewohnten. Mehr als tausend Israeliten werden in dem fast um ein Drittel verkleinerten Mellah, das schon in seiner früheren Beschaffenheit für die Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung nicht ausreichte, ohne Wohnung bleibeu. Eine der ersten Bewilligungen für das Mellah wird die Ueberlassung eines ausgedehnten Terrains sein, auf dem die Israeliten von ihre Wohnstätten ausbanen können. Ich studiere augenblicklich diese Frage mit dem Architekten unserer Kommission, von dem ich einen Plan des Mellah und des Terrains entwerfen laste, das ich für die Gemeinde beanspruchen werde. In Ihren Telegrammen haben Sie von der Konstituierung eines Komitees znr Ersetzung der durch das Unglück verursachten Schäden gesprochen. Auf dieses Ziel ist unser Streben gerichtet. Die Inden haben das Recht, von der Regierung Ersatz für die beträchtlichen Verluste zu fordern, die sie an Leben und Eigentum erlitten haben. Gewiß wird eine Kommission ernannt werden, die au die Opfer der Plünderung Entschädigungen zahlen soll. Die Untertanen der fremden Mächte tverden ihre Ansprüche durchzusetzen wissen. Unsere Pflicht wird sein, als Vertreter der jüdischen marokkanischen Untertanen gerechte Maßnahmen für sie zu erlangen. Wir werden unsere Entschädigungsansprüche in der Form stellen, daß unserer Gemeinde ein ausgedehntes Terrain zu überlassen ist für den Wiederaufbau der Häuser und für die Vergrößerung der Mellah. Von diesem Terrain könnten wir einen Teil für unsere Schulen und für ein Krankenhans reservieren. Ferner wären an alle Inden Einzelentschädigungen zu gewähren." * In A nt erika werden neue E i n w a über n n g sb e s ch r ä n k n n g e n gegen die Juden geplant, darüber beberichtet die „N. I. K." folgendes: Der Senat nahm in einer seiner jüngsten Sitzungetl den Gesetzentwurf des Senators an, wonach ein Bildungsexamen für die Einwanderer nach den Vereinigten Staaten eingeführt werden soll. Danach soll kein Einwanderer zugelasten werden, der nicht in irgendeiner. Sprache lesen und schreiben kann. Einige Senatoren hatten ein Amendement eingebracht, wonach die Eiuwaudernngserlaubnis an die Bedingung des Lesens und Schreibens in irgendeiner Landessprache geknüpft wird, doch ging der Entwurf in der ursprünglichen Fassung durch. Demnach gelten auch Hebräisch und „Iiddish" im Siuile der bisherigen gesetzlichen Bestimmungen als anerkannte Sprachen. Die Bildnngsprüfung soll in der Weise vorgenommen werden, daß einem jeden Einwanderer 20 bis 25 Wörter der amerikanischen Konstitution in der von ihm gewünschten Sprache gedruckt vorgelegt werden und er diesen Text dem Prüfnngsinspektor vorzulesen und sodann niederznschreiben hat. Von diesem Bildnngsexamen sollen nur die Ehefrauen der zugelasfeneil Einwanderer, deren Kinder unter 8 Jahren und deren Eltern und Großeltern über 55 Jahre befreit bleiben. Ferner ist ans Antrag des Senators Simons bestimmt worden, daß die Bildungs- Prüfung auch solchen Personen erlassen werden kann, die ihre Heimat wegen religiöser Verfolgungen verlassen mußten. Eine weitere Erschwerung der Einwanderung wird durch die Bestimmung herbeigeführl werden, daß die Kopfsteuer für jeden Einwanderer von 4 auf 5 Dollar erhöht wird. Der Entwurf mitß, ehe er Gesetzeskraft erlangt, noch vom Kongreß genehmigt und vom Präsidenten sanktioniert werden. Nun glaubt man in politischen Kreisen allerdings nicht, daß der Kongreß dem Gesetzentwurf in dieser Form zustimmen wird, immerhin erscheint es jedoch nicht ausgeschlossen, daß die Vorlage in gemilderter Fassung zum Gesetz erhoben wird. Dies würde anch für die jüdische Einwanderung nach den Vereinigten Staaten einen schweren Schlag bedeuten, denn wenn die Zahl der Analphabeten unter den jüdischen Emigranten Osteuropas anch nicht so groß ist, wie "unter manchen anderen Völkerschaften, zum Beispiel den Italienern, Russen und Griechen, so wird es dennoch auch unter den jüdischen Handwerkern usw. eine beträchtliche Anzahl geben, die das Bildungsexamen selbst in jüdischer Sprache nicht bestehen können. Einzelne amerikanische Zeitungen plädieren übrigens für eine noch größere Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen, und der „New Jork Herald" fordert geradezu, „den kleinen Krämern und Hausierern ans Rußland,

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