Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 21 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion intb Sldministration: Wien, II/, Nvvaragasfe 27 Telephon: Redaktion 5509/iV. Administration -1938/11. ft. k. üsterr. Nostsparkasta- Echeck-Komo 3!r. lvv.9l8. Inserate: Die viermal geipaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. AbonneniemS- und JnsertionSbeträge find in Wie» zahlbar Und klagbar. «abhängige Aeitfchrift für jüöische Intere^eu. Kr scheint jeden Kreilng. Motto; „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ &i>liitV*pvei»: ^anziiihrig.K I*.— valbiiib'ig.K 7.— 5*111- SfnltiGbemiite: tMiuuiiibriii.K I». - i*iu‘ Ausland: <11.1 >HM tmu.8 Miirk t» Rttvel oder IN ^rc». Ur. 21. Wien. 31. Mai l!»I2. Inhalt: Jüdische Studenten. — Aus der Woche. — Emigrantenfürsorge. — Antisemitische Erinnerungen.— Verschiedene Nachrichten.— Feuilleton: Der verkaufte Sohn. Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, den restlichen Abonnementsbetrag unverzüglich einsenden zn wollen, da wir sonst denselben durch täfle einheben lassen müssen. Indische Studenten. Dürfen jüdische Studenten von ihren christlichen Kollegen straflos beleidigt und von ihren Lehrern als minderwertige akademische Bürger behandelt werden, wenn sie den Mut besitzen, ihr Judentum hochzuhalten und es, falls es notwendig ist, zu verteidigen? Ist es denn schon wirklich ein Verbrechen. Jude zu fein? Hat nicht vielmehr das Christentum seine schönen Lehren der Humanität, der Menschenliebe, der Mutterreligion, dem Judentum zu verdanken? Unzähligemal ist es nachgewiesen worden, daß die herrlichen, menschenerfreuenden Lehren des „Neuen Testamentes" wörtliche Uebersetzungen talmuöischer Sätze sind, daß das „Laßt die Kindlein zu mir kommen!" eine Uebertragung des Psalmverses ist: „Der Säuglinge und Kinder Lallen befestigt dein Reich" — daß die Bergpredigt jüdischen Ursprungs, das Vaterunser eine bloße Uebersetzung jüdischer Gebete ist — wie schon das hebräische. Owinu beweist — daß kein hervorragender Ausspruch Christi und seiner Jünger existiert, der nicht seinen Vorgänger in älteren jüdischen Quellen hätte, daß Sätze, wie: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" dem alten Testament (3. M. 19. 18.) entnommen sind, zc. Und trotz alldem heißt, es noch heute: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" Allerdings kann es nicht geleugnet werden, daß es auch in der modernen Zeit, in der der Klerikalismus wieder zur Macht gelangt ist, erleuchtete, vorurteilsfreie christliche Gelehrte gibt, die keinen Anstand nehmen, es offen zu gestehen, daß das Christentum dem Judentum vieles zn verdanken habe. So z. B. hat vor ungefähr 25 Jahren (am 29. November 1887) ein englischer christlicher Priester, Reverend Dr. Sommerville, in Wien über dieses Thema einen Vortrag gehalten, der auch von den hochgelehrten akademischen Lehrern und Professoren beachtet zu werden verdient. Reverend Dr. Sommerville betonte eingangs seiner Rede, daß das kleine schwache Jndenvolk auch ans die Geschichte der Völker Europas im Allgemeinen einen bedeutenden Einfluß geübt habe. Allein für die Religion, für die Offenbarung, auf welche sich der Christenglaube stützt, war dasselbe deshalb von größter Bedeutung, weil es der einzige U ebermittler der monotheistischen Idee war. Durch viertausend Jahre ist die Idee vom Einzigen Gott im Judenvvlke rein gehalten worden. Ringsum fröhnlen die gebildetsten und aufgeklärtesten Völker des Altertums der Vielgötterei, das kleine Volk der Juden hielt aber unentwegt, an Adonai fest, an Einem Gotte. Und so ist auch durch viertausend Jahre hindurch jede Offenbarung des Alleinigen Gottes zunächst den Inden geworden; bei ihnen und durch sie sind das Alte und Neue Testament entstanden und die 39 Bücher des ersteren, welche unzweifelhaft von den Jttden stammen, bilden die Grundlage, aus der sich der ganze christliche Glaube, das ganze sittliche Leben aller zivilisierten Völker a u fb a u t. Allein nicht nur die Bibel hat die Menschheit den Inden zu verdanken, noch vielmehr: Die Inden haben die schier unmögliche Mission erfüllt, das Evangelium Christi über die ganze Erde zn verbreiten; die ersten Christen waren bekehrte Inden, arme, ungebildete Juden, die nur stark im Glauben und eifrig für das, was sie für das Rechte hielten, hinanszogen in das große römische Reich und ohne Furcht vor den Folterqualen, mit denen sie bedroht waren, das Wort Gottes verkündeten. Ihren glaubensstarken, überzeugenden Lehren konnte sich Niemand verschließen; die zwölf armen Juden haben sich in der christlichen Religion eine bedeutende Stelle erworben, als Apostelfürsten werden sie von der ganzen Christenheit verehrt, aber das Allerwichtigste ist wohl die eine u n u m st ö ß l i ch e, unwiderlegbare Tatsache, daß der Stifter der christlichen Religion, daß der „Herr und Meister selbst" e i n Jude war. „Deshalb, und das möge die Mitwelt nicht aus den Augen verlieren" — w rief der englische Prediger — „müs s e n die Christen die Juden als ihre vollwertigen Brüder anerkennen, sie als solche schätzen und lieben!" u. s. w. Allein christliche Theologen von solch liberaler Gesinnung sind in unserer aufgeklärten, weit vorgeschrittenen Zeit nicht gar so oft zu finden. Der moderne Klerikalismns hat den alten Liberalismus erschlagen, daher es ihm ein Leichtes ist, auch die heiligen Hallen der Wissenschaft zu beherrschen und zn beeinflussen. Amitai. Ans der Woche. Die Handelskammer für den Regierungsbezirk Posen hat nach einem Referat ihres Mitgliedes Bankier Loewy-Rawitfch und einem Correferat ihres Syndikus Dr. Hampke-Posen einstimmig beschlossen, wegen des Entwurfes eines Gesetzes, betreffend Sonntagsruhe im Handelsgewerbe gleichlautende Schreiben