Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 20 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 9 Nr. 20. Die Wahrheit Ler den Erdgeist beschwor, der auf den Brocken hinaufftürmte, der im Alpeugebirge vor Sonnenaufgang die Einsicht gewann, daß der Mensch das Sonnenlicht nicht unmittelbar, daß er es nur im-farbigen Abglanz sehen und nur in diesem das Leben finden kann; auch dieser Faust, der sich scheinbar vom Göttlichen abweudet, ber es nur in irdischer Tüchtigkeit und Tätigkeit sucht, der es im Werden des Geschaffenen gewahrt, an dem seine Persönlichkeit eingreifend teilnimmt, auch er ist ein Abbild, allerdings auch ein Gegenbild jenes Moses, der im Laufe alter Traditionen, -der theosophischen Mystik, der magisch-pautheistischen christlichen und jüdischen Naturphilosophie anfgegangett war. Wie die beiden entscheidenden Monologe, die Beschwörung .des Erdgeistes und das Dankgebet in Wald und Höhle Reflexe der Mosesmythe sind, ist auch der Aufangsmonolog des zweiten Teiles aus der Mosessage befruchtet. Nicht minder freilich der Schlußakt, „Fansts Tod": Drei Stellen aus der Mosesvita -Gregors von Nyssa setzen das außer Frage: „daß der Heilige noch voll von dem anmutigen Gesichte des gelobten 'Landes entzückt verscheidet", entspricht den letzten Worten und -Empfindungen des sterbenden Faust: daß „Engel ihn in einer Glorie wegzuheben beschäftigt sind", entspricht der Erscheinung „Glorie voll oben rechts. Himmlische Heerschar" bis in den Wortlaut des Szenars, daß Satan vor den Engeln weichend „nur in einer Ecke des Vorgrundes noch Platz findet und sich höchstens noch umsehen" kann, „ob nicht auch für ihn etwas hier ,zn erwerben sein möchte", entspricht genau dem Szeuar: „Die Engel nehmen itmherziehend den ganzen Raum ein; Mephisto wird ins Proszenium gedrängt." Goethe besaß eine genaue Kenntnis der Mosessage. Er verspottete sie als „Judenfabel". Aber der ihn ihr verborgene edle Kern hatte sich tief eingedrückt in sein Gemüt und empfing daraus lieues Leben und Wachstum. Woher Goethe diese Kenntnis kam, wie weit sie in den damals bekannten Stoff der 'Moseslegende eindrang, weist Burdach mit gründlichster Gelehrsamkeit und phautasievollem Scharfsinn im einzelnen nach. Schon allein in jener Mosesbivgraphie Gregors von Nyssa fauchen sich für Goethe Faustmotive, wie der Ausstieg auf das hohe Gebirge am Morgen, das begleitende, anwachsende Posaunengetön, das voraufgehende Läuterungsbad, das Schauen des Lichtes der ausgehenden Sonne, das heißt der Gottheit oder .göttlichen Natur, das dem Auge des Schauenden als Dunkelheit erscheint, die Unstillbarkeit der Begierde nach erhöhtem Emporstieg, nach gesteigertem Genuß der Schönheit, das ewige Hunger- und Durstgefühl des unendlichen Strebens, die Gleichsetznng des -menschlichen Lebens mit diesem Streben, die Frage nach dem, was „Leben" sei und heiße — alles Züge, die in der Arlfangsfzene des zweiten Teiles hervortreten als Wegzeichen für den weiteren Gang des Dramas. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben" — das ist die Erkenntnis, die Faust davonträgt. -Sie gibt der folgenden Entwicklung des Dramas die Richtung. Sie ist die Wiederholung der Beschwörung des Erdgeistes, die Berichtigung der elegischen Naturschwärmerei des Monologs in in Wald und Höhle, das Erwachen aus jenem Unendlichkeitsransch, der ihn im Frühlingsstnrm der Maiennacht auf den Gipfel des Brockens trieb. Diese vier Grnndsäulen der Fausttragödie wurzeln in Motiven der biblischen Mosessage und ihrer Ausdeutung durch Gregor v. Nyssa. Konrad Bnrdach wird diese vergleichenden Studien, von denen jetzt in den Sitzungsberichten der Akademie nur der erste Teil vorliegt, fortführen und ergänzen. Sie bestätigen ihm seine längst gebildete Ansicht, daß Grundidee der Naturanschauung und Naturerkenntnis Goethes und wichtigste Aufgabe seiner inneren Ausbildung Drang, Bemühen und Fähigkeit waren, „das dem Menschen Zugängliche und Unzulängliche in der Welt, um uns zu unterscheiden". In dem Problem dieses Dualismus findet B u r d a ch den Angelpunkt der Fausttragödie. Als Formel für dieses, freilich durch keine Formel zu erschöpfende Lebeusgedicht schien ihm noch die einleuchtendste: „Verhältnis des strebenden Menschen zur Natur." verschiedene Nachrichten. Wien. Am 28. April l. I. fand die ordentliche Generalversammlung des Synagogen-Bereines „Beth Israel" im Bereins-Sitzungssaale statt. Der Obmann, Herr Max R o s e n s e l d, eröffnete dieselbe, konstatierte deren Beschlußfähigkeit und begrüßt herzlich die zahlreich erschienenen Bereinsmitglieder sowie den Delegierten des Kultusvorstandes Herrn Kultusvorsteher Adolf S ch r a m e k, der sich hiemr bedankte. Der hierauf durch den Schriftführer Herrn Alex. Landau verlesene umfangreiche Rechenschaftsbericht schildert ausführlich auf Grund authentischer Daten die Geschichte des Vereines Beth Israel feit seiner, im Jahre 1792 unter den Namen „Beth-Hatefilo-Poien" erfolgten Gründung, und hebt hervor, daß der vor 30 Jahren in „Beth Israel" nmbeuannte Verein, nunmehr in das 120. Jahr seines Bestandes einrritt. Nachdem der Bericht die Kassagebahrung auseinandersetzt, auf die Leistungen des Vorstandes hinweist, und allen Gönnern und Spendern des Vereines den Dank ausspricht, widmet er den im Berichtsjahre dahingeschiedenen Mitgliedern einen warmen Nachruf, den die Bersammlrng stehend anhörte. Nack Erstattung des Revisionsberichtes durch den Revisor Herrn S. Schindel wurde dem Borstaude einstimmig das Absolurorium erteilt uud der Dank ausgesprochen. Bei deu vorgenommeuen Borstandswahlen erschienen als Bereinsvorsteher wiedergewählt: die Herren Leo A g i d, Ignatz I o l l e s, Dr. Karl Lifczis und nengewählt Herr Emil Po me ranz, ferner die Herren: Js. ©ruber, H. Karp als Bethausvorsteher, Max K a r p, S. Schindel. B. H. S e i n f e l d als Rechnungs-Revisoren, Ferdinand Berger, Wilh. Flieg und Norbert Rappaporr als Schiedsrichter. In Erledigung der weiteren Tagesordnung wurden die Herren David K o l i e b und Jakob Weichselbaum in Würdigung ihrer besonderen Verdienste um den Verein, von der Generalversammlung einstimmig zu Ehreilmitgliedern ernannt. Am 7. Mai l. I. har die Konstituierung des Vorstandes stattgefunden, wobei gewählt wurden: die Herren Max R o s e u f e l d zum Obmann. Ignatz Zolles zum Obmann-Stellvertreter, David Kolieb zum Schriftführer, Dr. Karl Lifczis zilrn Schriftführer-Stellvertreter, Emil Pomer a n z zum Kassier. Wien. Herr Rabbiner Dr. Max G r u n w a l d hat von der Leitung der hygienischen Ausstellung in Dresden die höchste Auszeichnung mit nachfolgendem Schreiben erhalten: Dresden, im Mai 1912. Ew. Hochwürden! Unsere Ausstellung ist nunmehr aufgelöst, die Berwaltungsarbeiten erledigt, und es kommt für uns die Zeit des Rückblickes. Dabei erinnern wir uns in erster Linie mit Gefühlen des aufrichtigsten Dankes derer, die die Lösung unserer Aufgabe durch ihre wertvolle Unterstützung gefördert, ja vielfach erst ermöglicht haben. Ganz besonderen Dank verdienen Ew. Hochwürden. In eifrigster und angestrengter Arbeit haben Ew. Hochwürden sich bemüht, in allen Teilen Europas und der neuen Welt Material für die Hygiene der Juden frei zu machen uud uns zur Verfügung zu stellen. Die Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben, waren sehr groß, teils durch die Neuheit der Idee, teils auch durch die geringe Anzahl von Objekten, die für dieses Gebiet jüdischer Kultur existieren. Um so erfreulicher ist der Erfolg gewesen. Mit Stolz können wir und können Sie auf das erreichte Ziel zurückblicken und das Bewußtsem von dieser Leistung wird Ihnen mehr noch als unser Dank, ein reichlicher Ausgleich für Ihre vielen Mühewaltungen sein. Um aber auch unsere Anerkennung für Ihre Tatkraft und Ihr Interesse an nuferer Sache nach außen hin zu dokumentieren, haben wir beschlossen, Ihnen die höchste Auszeichnung, die die Ausstellungsleitung zu verleihen hat, das Ehrendiplom für wissenschaftliche Mitarbeit bei der Historischen Abteilung, zustellen zu lassen, das Ihnen eine dauernde Erinneruug an Ihre wertvolle Mitarbeit bleiben möge. Der Präsident: Dr. L i n g n e r. Wirklicher Geheimer Rat. Wien. Samstag, den 18. Mai l. I. beging Herr Ignatz Zolles, Präses des Vereines „IckaLiniaoh Jeschua“ und Obmann-Stellvertreter des Synagogen-Vereines „Beth. Israel“, seinen siebzigsten Geburtstag. Diesen Anlaß benützten die Vorstände obgenannter Vereine, um ihren verdienstvollen Präses und Obmann-Stellvertreter eine ehrende Ovation zu bereiten. Es erschienen in der Wohnung des Jubilars zu desien Beglückwünschung korporativ der Vorstand des Vereines „Beth Israel" mit dem Rabbiner und Oberkamor und der Vorstand des Vereines „Mazmiach Jeschua". Herr Rabbiner Mayer sohn würdigte die Verdienste des Jubilars um die Erbauung der Synagoge nnd das Gedeihen des Vereines und erteilte ihm seineil Segen. Obmann Herr Max Ro s e n f e l d namens des Vereines „Beth Israel" und Präses-Stellvertreter Herr Alexander L a n d a n im Namen des Vereines „Mazmiach Jeschua" beglückwünschten den Jubilar auf das herzlichste, seine Hingabe nnd Opferwillrgkeit in Ausübung seiner Vereiusobliegeuheiteu besonders rühmend, die Vorstandsmitglieder Herren David Kolieb uud Dr. Landau toastierreu auf das fernere Wohlergehen desselben, worauf Herr Oberkantor M. Scharr dem Jubilar in klassischem Hebräisch seine Huldigung und Glückwünsche darbrachre, gleichzeitig irr seiner Meisterschaft einen Mischeberach rezitierend. Herr Ignaz Zolles, tief gerührt, dankte irr bewegten Worten für die ihm zu Teil gewordene besondere Ehrung nnd ergriff die Gelegenheit, seiner wackeren Gattin, mit der er in der denkbar glücklichsten Ehe lebt und erst kürzlich in bescheidener Zurückgezogenheit das seltene Fest der goldenen Hochzeit feierte, öffentlich den Dank aus-