Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 20 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 20. Moses frage auf Goethes Faust", den Konrad Bürbach vor kurzem in der philosophisch-historischen Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften gehalten hat, nnd wir glauben, daß die Wiedergabe des Referates, resp. der in demselben enthaltenen Auszuge aus dem Vortrage unseren Lesern großes Interesse bereiten wird. Die Untersuchungen, die den ausgezeichneten Forscher seit Jahrzehnten beschäftigen, sind ihm, wie Schlenther meint, durch seine anderwärtige Tätigkeit aus Gebieten der mittelalterlichen Theosophie nnd der Renaissanceanfänge näher gerückt; nun tritt er mit Ergebnissen hervor, die auch der breiten Oeffentlichkeit, sofern sie sich einerseits für den Stifter der israelitischen Religion, andererseits für Goethes größte Dichtung interessiert, wertvoll sein müssen. Im folgenden geben wir möglichst Burdachs eigene Worte wieder. Man har längst gesehen, daß am Schluß der Goetheschen Tragödie die Grablegung des greisen Faust durch Lemuren, der Kampf um die Seele des Toten zwischen den von Mephisto herbeigerusenen Teufeln und der von oben niederschwebenden himmlischen Heerschar, die den bösen Dämon Fausts Unsterbliches entführt, ein Motiv der Mosessage gestaltet. Freilich nicht wie diese Sage im Buch der Bücher steht, sondern wie sie sich in späteren Berichten über Tod und Leben des Moses ausgebildet hat. Es kommt hinzu das übereinstimmende Motiv der Herstellung des Grabes durch Mitwirkung von Geistern. Es besteht eitle Aehnlichkeit darin, daß der hundertjährige Faust wie der hundertuudzwanzig Jahre alte Moses dem Tod Widerstand leisten, der nur durch geisterhafte Mächte gebrochen wird. Es findet sich ein Parallelismus, insofern Faust wie Moses in ihrer schöpferischen Vollkraft, im unverdunkelten Besitz ihres Geistes sterben mit dem sehnsuchtsvollen Blick in das erhoffte nahe Zuknnstsland, im Vorgefühl der sicheren Erfüllung des Ideals, das selbst zu erreichen ihnen doch versagt bleibt, und endlich: beide, Faust und Moses, sterben mit eineni Vermächtnis ans den Lippen. Die beiden letzten Uebereitistimmungen sind entscheidend. Hier lebt die Seele der Sage vom Tod des Moses. Diese Seele hat Goethe ergriffen und seine Phantasie zur Nachgestaltung angeregt. Faust gleicht dem Begründer des jüdischen Staates, dem Gesetzgeber und Bildner der sittlich-religiösen Existenz des jüdischen Volkes, dem Bevollmächtigten und Sprecher Gottes, dem priesterlichen Führer Israels; er stirbt auf der Höhe eines titanischen Lebens, von Gott gerufen, von Gott bestattet; er sieht' das Land der Verheißung zum Greifen vor sich, aber er selbst kommt nicht hinein, und im Scheiden denkt er nicht mehr an sich, sondern der kommenden Geschlechter, denen er ein Gesetz sitllichen Lebens hinterläßt. Die Gestalt des Moses ist für Goethe seit früher Jugend ein Bestandteil jenes andächtigen, nie ganz erlöschenden Werdens um das Verständnis des Orients. Bur dach verfolgt dieses Interesse für Moses durch Goethes ganzes Leben. Im Verkehr mit Schiller wird es 1797 besonders rege. Als er die Biographie Benvenuto Cellinis, von dem ein Moses stammt, schrieb, äußerte er zu Schiller: „Die beyden handfesten Pursche,'Moses und Cellini, wenn man sie neben einander sieht, so haben sie eine wundersame Aehulichkeit." Ein für Schillers „Horen" destimmter Aufsatz über Moses wurde fast fertig, blieb aber liegen. Die Bedentung dieser Arbeit für Goethes künstlerisch-menschliche Entwicklung ist aber groß. Der Charakter des Moses ist Mittelpunkt der Betrachtung: „Endlich stehet aus einem gewaltsamen Stamm ein gewaltsamer Mann auf, lebhaftes Gefühl von Recht und Unrecht und heftige Tat zeichnen ihn aus. Einen Aegypter, der einen Israeliten mißhandelt, erschlägt er, sein patriotischer Meuchelmord wird entdeckt und er muß entfliehen . . . Als einen kräftigen, kurzgebundeuen, verschlossenen, der Mitteilung unfähigen finden wir ihn auch in der Verbannung wieder." Goethe betont, wie einst der junge Schiller, den Gesichtspunkt, daß Moses sein Volk befreit, aus Sklaven zu einem Volk der Freiheit gemacht und ihm einen Gott der Freiheit gegeben habe. Burdach erinnert an Tell, dem Goethe damals ein Epos widmen wollte nnd dem Schiller erst durch Goethe nahe trat. Noch dreißig Jahre später erzählte Goethe, wie er damals ein Mosesdrama angefangen hätte. „Ich hätte zuerst gezeigt, wie die Kinder Israel bei schwerem Frondienst, von der Tyrannei der ägyptischen Vögte zu leiden haben, damit es nacher desto anschaulicher würde, welche Verdienste sich Moses um sein Volk erworben, das er aus so schändlichem Druck zu befreien gewußt." Hier ist schon mehr als das Bild eines „handfesten Pnrschen", mehr als Cellini, mehr auch als Tell. Hier ist etwas von dem Faust, wie ihn der zweite Teil zeigen sollte in der großen Welt, am Hofe des Kaisers, als Kriegsführer, als Herrscher. Vow dem Faust, der die Mystik magischer Naturbeschwörung überwunden nnd die Uebersetzung geprägt hat: „Im Anfang war die Tat". Es befremdet, daß Goethe in jener kritisch-historisch-poetischen Arbeit" von 1797 über Moses Wirken als Religionsstifter und Prophet stillschweigend hinweggeht. Auf jener früheren Entwicklungsstufe, da er den Magier Faust den Erdgeist beschwören ließ, hat er auch Moses noch nicht rein als Mannder Tat, als Bruder des Cellini, des Tell, als Artverwandten moderner Franzosen, angesehen. In jenem Frühling nnd Sommer 1797, der die Sehnsucht nach Italien wieder entzündet, kommt eine Wendung in Goethes Denken und Schaffen zum Durchbruch. Der Begriff des Typus, des Urphänomens durchdringt die schauende.Hingabe an die Fülle des Lebens, an die Welt des Persönlichen,, an die Erscheinungen der Natur. Man weiß, wie er nun bemühr ist, im Besonderen das Allgemeine und Konstante, im Erlebtem das Objektive, im Mannigfaltigen die Einheit, in der Erscheinung, die Bedeutung darznstellen und der Beobachtung die täuschenden Hüllen des momentanen Eindrucks, des individuellen Gefühls abzuziehen. Damals kamen ihm die „symbolischen Gegenstände'" zum Bewußtsein: „eminente Fälle, die, in einer charakteristischen Mannigfaltigkeit, als Repräsentanten von vielen anderen dastehen". Und als er wieder an den „Faust" kam, erschien ihm „Faust" nicht mehr als schwankende Nebelgestalt. Faust mußte zum menschlichen Typus gehoben unh gefestigt werden. Ans dem. mystischen Schwärmer, dem Grübler, dem Träumer, mußte der Titan des Willens, der Tat werden. Das Ende dieses Faust stand bei Goethe bereits 1781 fest. Es sollte gestaltet werden nach der ins Menschliche, Typische hinaufgeläuterten „Inden-- fabel" vom Tod des Moses. Diese Studien, die sich um die Begriffe des Typus und der Persönlichkeit drehten, lenkten zurülk in die große Schatzkammer menschlicher Typen von poetischer Urkraft: in das Alte Testament. Das Erste, das Goethe nach der Wiederaufnahme des „Faust" daran schuf, war der Prolog im Himmel: er ruht, auf dem Hiobmotiv. Aber dieses steht iw nächster ideeller Verwandschaft mit einem Motiv der rabbinischen Mosessage. Die Wette im Himmel um den Knecht Gottes und' die Entscheidung der Wette über der Leiche Fausts hängen zusammen: auf beide hat die Mosessage eiugewirkt. 1797 traf Goethe in Zürich der Pfarrer Geß ne r und schrieb darüber: „Ich ging in den Schönenhof, in der sonderbaren Er-- Wartung, da vielleicht Goethe zu sehen. Er kam. Stirne und- Augen Moses, lauter Geist und Feuer"; der Dichter des „Faust",, der sich damals anschickte, nach dem Menschheitstypus, den iw seiner Phantasie der ideale Moses darstellte, den Magier dessechzehnten Jahrhunderts zu formen, in der Großheit, wie fte Michelangelos Moses den Sinnen offenbart hatte, wuchs selbst in die Nolle des Moses und wurde allmählich gleich diesem ein Führer, Priester, Prophet seines Volkes, der Gründer eines neuen Bundes mit Gott und einer neuen nationalen Kultur. Die Mosessage hat nicht bloß den Abschluß der Fausttragödie beeinflußt. Als Goethe, von Cellini kommend, das Ideal des schaffenden Helden im Sinne hegend, den Faust zunr „Flügelmann" geistigen Strebens steigerte, gab er ihm etwas von dem Blute des Moses, etwas vou dem Volksführer und Volksbefreier, jDeni Kolonisator und Landgewinner, dem sittlichen Gesetzgeber, dem Wegweiser diesseitigen Lebens von jenem Moses, den Goethe wohl als Heerführer, Gesetzgeber, Organisator, Befreier, aber so wenig als Propheten und Religionsstifter charakterisierte. Und dennoch! Auch der Faust, den die Magie umstrickt,, der sich vergeblich von ihr loszumachen strebt, hat Elemente des Mösestypus, ebenso der Faust der früheren Entwicklungsstufe,